Abendblatt-Rückenserie

Osteopathie: Nur mit den Händen gegen die Schmerzen helfen

Der ärztliche Osteopath Dr. Kilian Dräger in seiner Praxis in Eppendorf.

Der ärztliche Osteopath Dr. Kilian Dräger in seiner Praxis in Eppendorf.

Foto: Michael Rauhe

Teil 6: Osteopathen bieten eine Behandlung auf sanfte Art: Gezielte Griffe sollen gestörte Bewegungen wieder in Gang zu bringen.

Hamburg.  Unser Einstieg in die Osteopathie beginnt mit geschlossenen Augen. „Und nun reichen Sie mir die rechte Hand“, sagt Kilian Dräger. Wir greifen zu wie bei einer Begrüßung. Dräger schüttelt unsere Hand und fragt: „Wann ist mein Ellbogen steif – und wann ist er locker?“ Ganz klar: Angespannt ist sein Ellbogen beim zweiten Versuch. Das ist eindeutig zu spüren, obwohl wir sein Ellbogengelenk nicht in der Hand halten und es nicht mal sehen.

Dräger nennt ein zweites Beispiel zur Veranschaulichung seiner Arbeit: die Steuerung eines Lenkdrachens. Tanzt dieser erst einmal hoch über uns in der Luft, lassen sich seine Flügel zwar nicht mehr anfassen und unmittelbar von uns bewegen. „Trotzdem können wir die Kraft des Drachens spüren und ihn etwa nach links oder rechts drehen, indem wir an den Schnüren ziehen, die mit dem Gestell verbunden sind“, sagt Dräger. „So ähnlich funktioniert eine osteopathische Behandlung.“

Ein guter Osteopath kennt die Anatomie sehr genau

Was für den Drachen-Lenker die Schnüre sind, ist für einen Osteopathen das Bindegewebe unseres Körpers. Es verbindet alle Zellen, umhüllt Organe und Muskeln, es verschiebt sich bei Bewegungen. Ein guter Osteopath, so stellt Dräger es dar, kennt die Anatomie sehr genau, ist mit dem Gewebe vertraut, mit Lage und Funktion der Organe und mit unseren Gelenken, den Dreh- und Angelpunkten im Körper.

Rückenschmerzen: Das kann der Osteopath leisten

Aus Sicht der Osteopathie verhält es sich so: Im besten Fall sind alle Strukturen im Körper gut beweglich und dadurch gut versorgt. Kommt es hingegen zu einer Einschränkung von Bewegungen, entstehen zunächst Spannungen im Gewebe, die dann zu Schmerzen führen können – zum Beispiel im Rücken.

Arzt mit osteopathischer Ausbildung

Probleme mit dem Kreuz haben viele Patienten, die in Drägers Praxis in Eppendorf kommen. Sie treffen dort auf einen Therapeuten, der nach seinem Medizinstudium an der Universität Hamburg mit Promotion als Arzt eine fünfjährige osteopathische Ausbildung absolvierte. Neben Ärzten dürfen hierzulande nur Heilpraktiker osteopathische Therapien anwenden. Kilian Dräger behandelt unter anderem Patienten mit Hexenschuss, Bandscheibenvorfällen, Beschwerden durch Reizungen des Ischiasnervs und begleitenden Rückenschmerzen bei Darmkrankheiten.

Eine Ursache für Rückenschmerzen können Verspannungen sein, die durch langes oder falsches Sitzen im Büro entstehen. Rückenbeschwerden hervorrufen können aber auch Risse in den Bandscheiben, Arthrosen der Wirbelgelenke und Verengungen des Wirbelkanals (Spinalstenosen). Gegen solche strukturellen Veränderungen könne ein Osteopath nur bedingt etwas tun, sagt Dräger. Ein Verschleiß der Wirbelgelenke etwa lässt sich nicht rückgängig machen. „Wir versuchen vielmehr, die Funktions- und Bewegungseinschränkung an bestimmten Stellen aufzuspüren und zu beheben“, erläutert Dräger.

Beschwerden können kurzfristig schlimmer werden

Häufig bezieht Dräger bei seiner Behandlung andere Fachleute mit ein. „Ein Rheumapatient beispielsweise sollte auch von einem Rheumatologen und vielleicht auch von einem Orthopäden betreut werden. Ich würde das als ärztlicher Osteopath nie allein behandeln“, sagt Dräger. Bei etlichen Patienten benötige er Befunde aus der klinischen Diagnostik wie Blutwerte, Röntgen- und Kernspin-Aufnahmen.

Als Instrument zur Untersuchung und Behandlung nutzt Dräger nur seine Hände. Er ertastet verschiedene Gewebeschichten, analysiert ihren Zustand. Dann versucht er durch Festhalten, Zug oder Schub gestörte Funktionen und Bewegungen in Gang zu bringen oder zu regulieren. Viele Patienten bemerken davon kaum etwas. In der Regel dauern osteopathische Behandlungen bei ihm zwischen 45 und 60 Minuten.

Längst nicht immer stellten sich gewünschte Verbesserungen sofort ein, heißt es vom Verband der Osteopathen Deutschland (VOD). „Der Körper kann etwa zwei bis drei Wochen lang reagieren, das heißt, es kann auch zu einer kurzfristigen Verschlimmerung der Beschwerden kommen.“ Jede neue Therapiesitzung werde individuell auf die Symptome des Patienten abgestimmt. „Nach viermaliger osteopathischer Behandlung sollte üblicherweise eine Besserung der Beschwerden zu verzeichnen sein. Der genaue Verlauf ist jedoch vom Einzelfall abhängig.“

Behandlungskosten liegen zwischen 60 und 150 Euro pro Sitzung

Kilian Dräger sagt, die meisten Rückenbeschwerden ließen sich durch Osteopathie zumindest begleitend zu anderen Therapien behandeln. Die Grenze des Machbaren sieht er bei Lähmungserscheinungen. In solchen Fällen sei oft eine Operation nötig, sagt Dräger.

Ob Osteopathie bei Rückenschmerzen wirklich helfen kann, ist allerdings umstritten und noch nicht gut genug untersucht worden.

Die Behandlungskosten liegen laut VOD zwischen 60 und 150 Euro pro Sitzung. Einige gesetzliche Krankenkassen erstatten die Kosten anteilig als freiwillige Zusatzleistung. Meist sind Maximalbeträge pro Sitzung oder Jahr festgelegt. Private Krankenversicherungen übernehmen osteopathische Behandlungen unter bestimmten Bedingungen.

Mit den Händen heilen wollen auch Chiropraktiker. Dabei handelt es sich um Ärzte oder Heilpraktiker, die sich in der Chiropraktik fortgebildet haben. So wird die Chiropraktik etwa von einigen Orthopäden als unterstützende Maßnahme eingesetzt.

Auch die Chiropraktik ist umstritten

Chiropraktiker versuchen mit speziellen Handgriffen, Gelenkblockaden zu lösen, das Zusammenspiel von Gelenken und Muskeln zu normalisieren, etwaigen Druck auf Nervenbahnen zu reduzieren und so Schmerzen zu lindern.

Ziel ist es, vor allem die normale Beweglichkeit der Wirbelsäule wiederherzustellen. Wie andere alternative Behandlungsmethoden ist auch die Chiropraktik umstritten. Zudem birgt sie Risiken bei unsachgemäßer Anwendung (siehe Text unten).

Bevor er mit seiner Behandlung beginnt, wird auch der Chiropraktiker den Patienten zu dessen Krankengeschichte befragen und ihn untersuchen. Dabei achtet der Chiropraktiker besonders auf eine Subluxation. Mit diesem Begriff ist die Fehlstellung eines Wirbels zu den benachbarten Wirbeln gemeint. Entstehen können Subluxationen etwa durch Unfälle oder Fehlhaltungen.

Die Kosten für eine chiropraktische Behandlung müssen Patienten überwiegend selbst tragen. Einige Krankenkassen erstatten einen Teil der Kosten.

Drei Fragen an Dr. Killian Dräger

Mit welchen Rückenbeschwerden­ sind Patienten­ bei Ihnen richtig?

Ich behandele auch Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen, Hexenschuss, Bandscheiben­vorfall oder Ischiasbeschwerden sowie mit begleitenden Rückenschmerzen­ bei speziellen Darm- oder Gelenkerkrankungen.

Wie gehen Sie vor?

Am Anfang steht ein Gespräch über die aktuellen Rückenschmerzen, erlittene Krankheiten, Unfälle, Operationen und Lebensumstände. Daraus und aus mitgebrachten Untersuchungsergebnissen etwa von Radiologen oder Orthopäden ergeben sich für mich oft schon Hinweise auf die Ursachen der Beschwerden. Anschließend untersuche ich den Patienten, um Ursachen der Störungen zu erkennen. Dann beginne ich mit der Behandlung.

Was ist für Sie ein Behandlungserfolg?

Ganz einfach: wenn ich den Schmerz ganz beseitigen kann. Das ist zwar häufig möglich, aber nicht in allen Fällen. Insbesondere wenn es sich um chronische Erkrankungen handelt und schon strukturelle Schäden vorliegen, kann ich die Beschwerden aber meist lindern oder minimieren.