Rücken-Serie

Heilen unter Zeitdruck – warum Sportmedizin allen nützt

Die Abendblatt-Rückenserie: Lans Medicum am Stephansplatz vereint Sportmediziner und Ärzte unter einem Dach. Bernhard Schlegel , Philip Catala-Lehnen und Dr. Till Hagenström.

Die Abendblatt-Rückenserie: Lans Medicum am Stephansplatz vereint Sportmediziner und Ärzte unter einem Dach. Bernhard Schlegel , Philip Catala-Lehnen und Dr. Till Hagenström.

Foto: Michael Rauhe

Rückenserie, Teil 3: Profifußballer lassen ihre Rückenprobleme von Sportmedizinern behandeln – davon profitieren „normale Patienten“.

Hamburg.  Haben Sie schon einmal DIERS formetic 4D gehört? Nein? Klingt ein bisschen nach Raumschiff Enterprise, doch es geht tatsächlich um die Behandlung von Rückenschmerzen. Einer Hightech-Behandlung muss man sagen, denn DIERS formetic 4D ist so etwas wie der Thermomix der Sportmedizin. Jeder will dieses Gerät, vielen ist es zu teuer, und wer es nicht hat, beneidet insgeheim die, die es einsetzen können.

Im Lans Medicum steht es fast unauffällig herum, doch so wie Sportwissenschaftler Bernhard Schlegel die Technologie erklärt, merkt man gleich, dass es sich um eine Art Schatz handeln muss: „Etwas Besseres und Wichtigeres als diese Untersuchungsmethode gibt es bei Problemen mit dem Rücken nicht.“ Sie ermöglicht eine berührungslose und hochauflösende optische Vermessung des menschlichen Rückens und der Wirbelsäule, einen strahlenfreien, virtuellen Gipsabdruck sozusagen. So sei es möglich, eine Instabilität in den Wirbelkörpern zu erkennen, und auf diesem Befund baue der Rest der Therapie auf. Irgendwie logisch. Wenn bei einem Haus das Fundament nicht stimmt, bringt es nichts, die Fenster zu streichen.

Rückenserie: Die Tipps im Video

Rückenschmerzen: Behandlung wie für Profi-Sportler
Rückschmerzen: Behandlung wie für Profi-Sportler

Der 53-Jährige Schlegel arbeitet seit vier Jahren im Lans Medicum, dem Zentrum für Sport- und Regenerationsmedizin. Zuvor war er 13 Jahre lang im Rückenzentrum am Michel angestellt, er kennt sich also aus mit der Materie und vor allem mit dem großen Fortschritt, der im Bereich der Therapie stattgefunden hat. „Ich schäme mich für das, was wir den Rückenpatienten in den 90ern empfohlen haben“, sagt Schlegel heute. Bei Schmerzen dürfe sich heute niemand mehr schonen, und wer noch keine Beschwerden habe, der soll seine Schuhe ruhig bei gestreckten Beinen zubinden und eine Kiste Wasser hochheben, ohne angeblich rückenfreundliche Bewegungen zu vollziehen. „Wir müssen unsere Gelenke und Muskeln benutzen. Schonung heißt Verlust“, sagt Schlegel.

Kein Wellness, sondern professionelle Sportmedizin

Er und seine Kollegen untersuchen die Patienten nicht im Liegen, sondern während der Bewegung, erst dadurch lassen sich bestimmte, eventuelle falsche Muster erkennen. Bei jedem Rückenschmerzpatienten wird zunächst kontrolliert, ob er dazu in der Lage ist, willentlich seine Stabilisatoren der Rumpfmuskulatur anzuspannen. Bei Menschen, die viel und lange am Stück Rückenschmerzen haben, geht die Fähigkeit, diese Muskeln anzuspannen, nämlich verloren. Mit gezielten Übungen kann diese Stabilität dann wieder aufgebaut werden.

Im Lans Medicum stehen daher nicht nur Hightech-Apparate herum, sondern es kommen unterschiedliche Therapieverfahren zum Einsatz, die von einem Team aus verschiedenen Spezialisten gemeinsam erarbeitet werden. Es gibt Sportmediziner, Orthopäden, eine Allgemeinmediziner, eine Kardiologin, eine TCM-Medizinerin, Sportwissenschaftler wie Schlegel und natürlich Physiotherapeuten. In einer Turnhalle und auf einer Freifläche im Innenhof leiten sie die Kunden freundlich, aber bestimmt, an. Hier geht es nicht um Wellness, sondern um professionelle Sportmedizin.

So profitieren "normale" Patienten

Viele der Patienten benötigen ihren Körper für die Arbeit, sie sind Profifußballer, -handballer, -basketballer. Vom Team des Ärztlichen Direktors Dr. Philip Catalá-Lehnen werden die Mannschaften des Handball Sportverein Hamburgs, vom 1. FC Eintracht Norderstedt sowie den Hamburg Towers betreut. Richtig laut kommuniziert wird das seltsamerweise gar nicht, was daran liegen könnte, dass man nicht als Sportzentrum für die Elite daherkommen will. „Wir sind keineswegs nur für die oberen 10.000 da“, sagt Schlegel. Jeder, der Probleme mit seinem Bewegungsapparat habe, sei willkommen. Für eine erste ärztliche Beratung zahlt man zwischen 60 und 100 Euro, für Privatversicherte übernehmen manche Krankenkassen die Kosten.

Die Nähe zum Profisport hat für normale Patienten jedoch einen Vorteil: Im Profisport geht es um viel Geld und immer auch um Zeitdruck, beides erzeugt Experimentierfreudigkeit und Forscherdrang. „Viele Innovationen kommen aus der Sportmedizin und werden dann in die allgemeine Patientenbehandlung integriert,“ sagt Till Hagen­ström, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und Ärztlicher Leiter der Wirbelsäulenmedizin im Lans Medicum. „Was wir hier machen, kommt irgendwann allen zugute.“

Die Stoßwellentherapie

Die Stoßwellentherapie zum Beispiel. Stoßwellen sind hochenergetische Druckwellen, die das Gewebe anregen, schneller zu heilen. Wie ein Presslufthammer klopfen sie über die betroffenen Stellen, bearbeiten Triggerpunkte, lösen Muskelverspannungen und Kalkablagerungen, die besonders an der Schulter dauerhaften Schmerz bedeuten.

Sogar Knochen heilen durch die Behandlung angeblich schneller. Dr. Hagenström hat mittels Stoßwellentherapie gerade einen Boxer mit einem angebrochenen Handgelenk wieder fit gemacht, weil der möglichst schnell wieder in den Ring steigen wollte. Bislang gibt es nur wenig Studien zur Stoßwellentherapie, aber weil sie so gut wirkt, setzen Hagenström und seine Kollegen sie ein.

Professor Klaus-Michael Braumann, der Präsident des Deutschen Sportärztebundes, sieht Sportmediziner ebenfalls als Wegbereiter neuer Behandlungsmethoden: „Die Sportmedizin hat die Entwicklung der modernen Gelenkchirurgie und die Grundlagen der Rehabilitationsmedizin extrem stark beeinflusst“. Was damit zu tun hat, dass es für Profis einen großen Unterschied macht, ob da ein Schmerz im Rücken ist oder nicht. „Im Leistungssport haben nur geringfügige Verbesserungen des Befindens teilweise dramatische Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit,“ sagt Braumann.

Wann der Arzt zur Spritze greift

Fachleute sprechen von „Return to activity“ in Bezug auf die Profisportler, normale Patienten werden nicht unbedingt anders, höchstens risikoärmer behandelt. „Eine schmerztherapeutische Injektion an die kleinen Wirbelgelenke ist natürlich etwas anderes, als wenn ich es erst mal mit Faszientherapie oder Akupunktur probiere“, sagt Hagenström.

Doch wenn ein Patient so wie kürzlich mit großen Beinschmerzen, ausgelöst durch einen Bandscheibenvorfall, zu ihm kommt, dann greift der Arzt zur entzündungshemmenden Spritze. „Solche Schmerzen fühlen sich so fies und schlimm an wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung beim Zahnarzt. Da hilft nicht nur Physiotherapie, solchen Patienten muss ich erstmal den Hauptschmerz nehmen“, sagt Hagenström. Inzwischen marschiert der Mann wieder komplett um die Alster. Und auch einer Frau, die gerade noch keine Luft mehr bekam, weil zwei Wirbelgelenke im Brustbereich blockiert waren, konnte der Wirbelsäulen-Experte mit einem Mobilisationsmanöver helfen.

Die meisten Patienten, die mit Rückenschmerzen ins Lans Medicum kommen, leiden unter Bandscheibenerkrankungen, doch dann folgt als Grund schon ein mangelhafter Trainingszustand und Skoliosen, also Wirbelsäulenverbiegungen, die sich im Laufe des Wachstums entwickeln können. Rückenschmerzen sind übrigens vererbbar. Wer Eltern hat, die über Rückenprobleme klagen, sollte schnellstmöglich aktiv werden, rät der Sportwissenschaftler. „Eine Degeneration der Wirbelsäule kann man nicht verhindern“, erklärt Bernhard Schlegel. „Man kann aber verhindern, dass man sie merkt.“

3 Fragen an den Experten

Der Sportmediziner Dr. Philip Catalá-Lehnen über den Druck, in kurzer Zeit Behandlungserfolge erzielen zu müssen.

Wie schnell können Sie Rückenschmerzen behandeln?

Wenn am Montag ein Hockeyspieler oder Tennisspieler mit Rückenschmerzen zu mir kommt, dann habe ich vier Tage, bis er wieder fit sein muss, damit er am Wochenende spielen darf. Das setzt uns unter einen ganz anderen Druck, sodass wir alles machen, um Erfolg zu haben. Das unterscheidet uns von einem Rehazentrum, da darf eine Genesung länger dauern.

Wie gehen Sie dabei vor?

Unser therapeutischer Ansatz basiert auf einer aspezifischen Diagnostik, die so sonst nicht durchgeführt wird. Wir vermessen die Ansteuerung der Muskulatur, die Beinlänge, die Muskelkraft, die Statik, die Bewegungsabläufe und wissen dann genau, was bei diesem Patienten getan werden muss. Die Ursache zu erkennen ermöglicht, die Therapie viel individueller zu gestalten.

Kommen nur Spitzensportler zu Ihnen?

Nein. Wir behandeln auch normale Patienten, die vielleicht in der Freizeit Sport machen und erkannt haben, dass ihre Schmerzsituation auf Dauer nicht nur mit Tabletten und Spritzen zu behandeln ist.

Zwei Übungen, die Ihren Rücken stärken – hier klicken

Lesen Sie am Mittwoch. Die Spezialisten im Rückenzentrum

Alle Teile der Serie finden Sie nachfolgend hier