Abendblatt-Serie

Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard ist Mutter Courage

Amelie Deuflhard, Hausherrin auf
Kampnagel und prägende Figur
nicht nur der Hamburger Kulturszene.
Dass die Mauer fiel, beeinflusste
ihre Karriere

Amelie Deuflhard, Hausherrin auf Kampnagel und prägende Figur nicht nur der Hamburger Kulturszene. Dass die Mauer fiel, beeinflusste ihre Karriere

Foto: Roland Magunia / HA

Wie verändern sich Zeiten und Menschen in einem Vierteljahrhundert? Prominente erinnern sich. Teil 15: Amelie Deuflhard.

Wofür braucht eine Intendantin eine Messerauswahl in ihrem Büro? Prospekte, Programmhefte, viele Ordner natürlich („Palast“ steht auf einem), Wein­flaschen und auf dem obersten Regal im eher pragmatischen als repräsentativen Eckraum auf Kampnagel: ein Messerblock, gefüllt und präsent. Dass Amelie Deuflhard eine kampfeslustige Person ist, wird kaum jemand bestreiten wollen. Da sie allerdings nicht wie der Typ Frau wirkt, der Waffengewalt nötig hätte, um sich Autorität zu verschaffen, ist die Erklärung natürlich banal: Man hatte irgendwann im Kollegenkreis gekocht. Und seither stehen da diese Messer und verstauben. „Ich müsste die wohl mal wieder mit nach Hause nehmen“, sagt Amelie Deufl­hard und zuckt mit den Schultern. Müsste? Hätte? Verschwendete Vokabeln, im Kleinen wie im Großen, es gab halt immer Wichtigeres.

Ihre Stimme trägt auch nach all den Jahren in Berlin und Hamburg diese schwäbische Färbung, eine Melodie, die nicht nur die Herkunft verrät, sondern bisweilen dazu verleitet, jene zu unterschätzen, die beim Sprechen so freundlich singen. Deren Sätze manchmal wie eine Frage klingen, auch wenn sie gar keine sind.

Neugier allerdings steckt bei Amelie Deuflhard sehr oft dahinter. „Eine Faszination für Menschen, die anders sind“, so formuliert sie es, habe immer wieder ihren Lebensweg geprägt. Kein gerader Weg war das, erst recht keine straff durchgeplante Karriere, auf langen Strecken eher eine Suche als ein zielgerichtetes Streben. Und manchmal lag da etwas am Wegesrand, das ihre Aufmerksamkeit forderte. Es war ein Weg, der ohne ein Deutschland, das sich an einem Wendepunkt seiner Geschichte ebenfalls auf der Suche nach sich selbst befand, womöglich anders verlaufen wäre. Aber Amelie Deuflhard hat die richtigen Abzweigungen zur richtigen Zeit genommen. Und: Sie war am richtigen Ort, als alle Karten neu gemischt wurden. Sie war in Berlin.

Schon als Kind hat Amelie Deuflhard eine gesunde Renitenz an den Tag gelegt

Keine Selbstverständlichkeit, hätte Amelie Deuflhard nicht schon weit früher eine gesunde Renitenz an den Tag gelegt. Sprechstundenhilfe könne sie doch werden, hatte ihr der Vater, ein Arzt, zu Hause in Stuttgart vorgeschlagen. „Das hat mich empört, ich glaube, schon als Kind.“ Sie geht lieber ins Theater, zu Peymann, der damals in Stuttgart Intendant ist, ist sofort infiziert, studiert Geschichte, Romanistik und Kulturwissenschaften. Ihr erster Job nach der Uni ist eine Assistenzstelle im Mannheimer Landesmuseum für Verkehr und Technik. Nach Berlin geht sie 1986 mit ihrem damaligen Mann, der dort eine Stelle an der Freien Universität und die Leitung des Konrad-Zuse-Zentrums annimmt, der erste Sohn ist da bereits auf dem Weg.

„Mir war einfach immer klar, dass ich Kinder wollte“, beim ersten ist sie 26. „Ich dachte damals, die Welt steht mir offen, das denkt man ja, wenn man jung ist.“ Amelie Deuflhard lächelt, sie lächelt oft und gern, und ebenso oft hat dieses Lächeln etwas Süffisantes, wenn ihre dunklen, kräftigen Augenbrauen sich nach oben bewegen. „Dann bekam ich in fünf Jahren vier Kinder.“

Vier Kinder in fünf Jahren, andere haben an so einem Punkt ihre Lebensaufgabe gefunden. Amelie Deuflhard hat einen anderen Plan: eine Promotion in Geschichte. „Dieses Vorhaben war für mich ungeheuer wichtig, weil ich so nicht das Gefühl hatte, ich sei Vollzeitmutter.“ Kurze Pause, wieder die Augenbrauen. „War ich aber.“ Die Doktorarbeit bleibt unvollendet.

Als die Mauer fällt, sitzt Amelie Deuflhard, die Vollzeitmutter mit Promotionsplänen und einem Faible für Leute, die am Theater arbeiten, zu Hause. In Tiergarten, fünf Minuten vom Brandenburger Tor entfernt. Die Kinder schlafen, der Mann auch, „der brauchte seinen Schlaf“, sie sitzt vor dem Fernseher, ist elektrisiert – und weckt niemanden. Erst am nächsten Morgen zieht sie los, zwei Kleinkinder im Schlepptau. „Wie kann man denn in Tiergarten wohnen“, hatten Freunde gesagt. Vor der Wende. „Aber sie war halt so schön groß, die Wohnung, 200 Quadratmeter, günstige Miete. Nach dem Mauerfall hat ein befreundeter Banker uns geraten: Kauft sofort diese Wohnung! Haben wir dann auch brav gemacht, obwohl wir ihn erst für bescheuert hielten.“ Es zahlt sich aus.

In Berlin herrscht ab sofort Aufbruchstimmung. Amelie Deuflhard will zum Theater, immer noch, erst recht jetzt. Dass sie sich nicht auskennt, ist plötzlich egal, keiner kennt sich schließlich mehr aus, Sich-nicht-Auskennen ist Teil des neuen Lebensgefühls. „Man verfuhr sich auch dauernd, man hatte ja nur einen halben Stadtplan im Kopf, manche Taxifahrer fuhren jahrelang nicht in den Osten.“

Immer wieder sucht Amelie Deufl­hard die Nähe von Menschen, die am Theater arbeiten, eine Freundin braucht schließlich noch eine Produktionsleiterin für eine freie Theaterproduktion im alten Postfuhramt an der Oranienburger Straße. „Willst du das nicht einfach machen?“ Sie macht es. „Ich hatte keine Ahnung! Aber da habe ich zum Beispiel gelernt, dass man behördliche Bauauflagen auch wegverhandeln kann.“ Eine Erkenntnis, die ihr noch von Nutzen sein wird.

Sie verdient wenig, gerade am Anfang, aber immer genug, dass die zusätzlichen Kinderbetreuungskosten davon bezahlt werden können. Im alternativen Kinderladen löst sie eine kleine Revolution aus, als sie dort irgendwann nicht mehr selbst zum Elternputzdienst erscheint, sondern eine Putzfrau bezahlt, die das übernimmt.

Berlin-Mitte wird the place to be im neuen Berlin, der erste Ort vielleicht, an dem es egal ist, ob jemand aus dem Osten oder aus dem Westen kommt. „Es gab wahnsinnig viel Potenzial und wahnsinnig wenig Geld.“ Sie produziert freie Theatergruppen, wird Teil einer Szene und lernt die Choreografin Sasha Waltz und deren Mann, den Theater­erfinder Jochen Sandig, kennen, die Mitte der 90er-Jahre die Sophiensäle gründen und zu einer spektakulären und zentralen Spielstätte für jungen, experimentellen Tanz und freies Theater formen. „Es war die perfekte Idee für den perfekten Ort in der perfekten Zeit.“ In den Sophiensälen zu arbeiten, sagt Amelie Deuflhard heute, sei für sie selbst „eine Art Ankommen“ gewesen. „Wir dachten allerdings ernsthaft, Berlin wird schon so schlau sein und nicht die gleichen Fehler machen wie New York.“ Ein Irrglaube. Die Gentrifizierung ist längst im Gange, und gerade die Künstler haben ungewollt einen entscheidenden Anteil daran. Deufl­hard lacht auf: „Im Grunde bin ich wahrscheinlich mit Schuld daran, dass Berlin-Mitte heute ist, wie es ist.“ Ein Teil Ironie, ein Teil Fatalismus.

1998 übernimmt Amelie Deuflhard die Produktionsleitung und Öffentlichkeitsarbeit der Sophiensäle, zur Spielzeit 1999/2000 schließlich, als Waltz und Sandig an die Schaubühne wechseln, deren Gesamtleitung. Die Sophiensäle sind längst der Produktionsort für die Freie Theaterszene, „ich habe wenig geschlafen in dieser Zeit.“

Aber die größte Herausforderung wartet erst noch. Der Palast der Repu­blik, ein zur Jahrtausendwende aufgrund der Asbestverseuchung vollkommen entkernter DDR-Baukörper in Berlins historischer Mitte, mitten im Herzen der Stadt.

Lange wird darum gerungen, ob das Gebäude abgerissen oder als eine Art Mahnmal stehen gelassen wird. Es gibt die Befürworter des Abrisses, die an dieser Stelle das alte Stadtschloss originalgetreu wieder auferstehen lassen wollen, und es gibt die anderen. Die Linken, die Künstler, die dagegen sind, die Mitte der Hauptstadt historisierend aufzuhübschen. Gleich dreimal wird der Abriss im Parlament beschlossen, als traue man einem einmaligen Beschluss keine ausreichende Kraft zu.

Der Palast der Republik ist zu dieser Zeit vielleicht der letzte zentrale Ort der Stadt, an dem sich – inzwischen Jahre nach der Wiedervereinigung – die Ost-West-Debatte um Werte und Erinnerungskultur noch einmal fundamental aufbäumt. Diesen zwar innerlich dekonstruierten, in seiner Monumentalität jedoch unübersehbar geschichtsträchtigen Ort will Deuflhard zu neuem Leben erwecken. „Der Künstler Christian von Borries wollte ,politisch kontaminierte Orte‘, wie er das nannte, bespielen. Eigentlich gab es zunächst nur die Idee für einen Wagner-Abend. Eine Zwischennutzung, ein nettes Projekt für 200 Leute, sehr übersichtlich. Aber die Stadt wollte unter allen Umständen verhindern, dass Künstler den Palast bespielen. Der Widerstand wurde so groß, dass auch das Thema und damit unser Wille immer größer wurden.“

Mehr und mehr Künstler und Architekten werden zu Unterstützern, 2002 gibt es eine Ausstellung über das gewachsene Konzept mit allen Protagonisten. „3000 Leute, darunter 100 Journalisten, kamen. Zu einer Konzeptvorstellung! Spätestens da war uns klar: Wir müssen das unbedingt machen.“ Im Nachhinein, grinst Deufl­hard, fände sie „das alles ganz schön visionär“. Am Ende gibt es so viel Presse, „dass sich das Bild vermittelte, wir hätten den Palast längst“.

So kommt es dann auch. Zusammen mit Matthias Lilienthal, damals künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Berliner Hebbel-Theater GmbH (HAU), heute Intendant der Münchner Kammerspiele, und dem Architekten Philipp Oswalt übernimmt Deuflhard 2004 die Künstlerische Leitung des Projekts „Volkspalast“. „Matthias war der Einzige in Berlin, der genauso bescheuert war wie ich.“ Plötzlich muss es schnell gehen. Innerhalb von wenigen Monaten entsteht ein Festivalprogramm, das enorm und einmalig ist, unter anderem wird das entkernte Gebäude geflutet, man kann es mit Schlauchbooten erkunden; berühmte Künstler sind involviert, der Architekt Rem Kohlhaas, die Band Einstürzende Neubauten. „Ich war bestimmt ein halbes Jahr lang zu Hause nicht präsent“, erinnert sich Deuflhard. Die Bespielung des „Volkspalasts“ wird legendär.

„Wenn Widerstand kommt, ist man am richtigen Thema“, glaubt Amelie Deuflhard bis heute. Widerstand reizt sie, es löst etwas in ihr aus. Trotz, wahrscheinlich aber auch: Überzeugung, Energie.

Ist sie eine anstrengende Frau? „Ich erreiche meine Ziele lieber über Verführung“, sagt sie. Im Gespräch fallen die Sätze „Ich werde schon gern gemocht“ und „Ich ecke gar nicht so gern an.“ Wer Amelie Deuflhard kennt, wer also auch die Wege der Kulturpolitik und des stets plappernden Betriebs ein wenig verfolgt, der muss sich an dieser Stelle möglicherweise ein Lächeln verbeißen. Sie eckt nicht gern an, die Frau Deuflhard? Sie, die jüngst erst eine Strafanzeige kassierte, weil sie im Projekt ECOFavela Flüchtlingen auf dem Kampnagelgelände Unterkunft gab? Die sich für ihr ungewöhnliches Programm bisweilen rechtfertigen, sicher mehr dafür werben muss als die Kollegen der Stadttheater. Die Einzige, die im sogenannten Berliner Theaterstreit die gar nicht mainstreamige Gegenposition vertrat, als der Sturm der Entrüstung über den Berliner Kulturstaatsrat Tim Renner niederfegte, der es gewagt hatte, nicht nur Frank Castorf abzuberufen, sondern auch noch einen Museumskurator als Nachfolger zu bestellen. Es gab offene Briefe von Intendanten, die die Personalie scharf verurteilten. Nicht so Deuflhard. Fast lustvoll äußerte sie sich quer durch ein paar Feuilletons. „Ich ecke nicht gern an“? Es ist halt manchmal trotzdem nötig, lautet der ungesagte Folgesatz.

Amelie Deuflhard, die 2007 aus Berlin nach Winterhude kommt, um die Leitung der Kampnagelfabrik zu übernehmen, ist heute eine der immer noch sehr wenigen Frauen in Deutschland, die einen Theaterbetrieb verantworten. Die Kunst macht sie nicht nur der Kunst, sondern auch der Wirkung wegen. „Ich finde es faszinierend, dass die Kunst manchmal Dinge intuitiv vorwegnehmen kann. Ich glaube, wir können aus der Kunst heraus Fragen stellen, richtige, wichtige Fragen.“

Aktivistin ist sie mal aus politischer Notwendigkeit, mal aus Prinzip

Eine Theaterfrau, die immer wieder auch Aktivistin ist. Manchmal aus politischer Notwendigkeit, manchmal in eigener Sache, manchmal aus Prinzip. Eine vierfache Mutter, die sieben Jahre lang etwas getan hat, „was für die Karriere im Grunde unwichtig“ war, bevor sie ihren Weg fand. Die Ehe ist auf der Strecke geblieben, die Kinder sind groß geworden. Alle haben ihren Weg gemacht.

Amelie Deuflhard fährt sich durch die Haare. Das Gespräch muss ein Ende finden, gleich wird sie praktisch alle Kulturschaffenden der Stadt zum großen Olympia-Gipfel auf Kampnagel empfangen. Ein Projekt mit reichlich Ausuferungsvermögen, mit reichlich Widerstandspotenzial. Es ist geradezu logisch, dass sie beteiligt ist.

Einmal durchatmen. Einen letzten Schluck schwarzen Tee. Hier ist sie nun also, so ist es dazu gekommen, die Wiedervereinigung hatte daran ihren entscheidenden Anteil. Beispielhaft allerdings sei das Ganze eher weniger, weiß Amelie Deuflhard: „Man muss schon sagen, meine Karriere ist statistisch gesehen überhaupt nicht relevant.“

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