Abendblatt-Serie

Die Einheit en miniature im Miniatur Wunderland

Die Grenze ist endlich offen – auch im Kleinen: Die Unternehmer Gerrit (l.) und Frederik Braun mit der abschließenden Miniatur des siebenteiligen Dioramas „Die geteilte Stadt“

Die Grenze ist endlich offen – auch im Kleinen: Die Unternehmer Gerrit (l.) und Frederik Braun mit der abschließenden Miniatur des siebenteiligen Dioramas „Die geteilte Stadt“

Foto: Klaus Bodig / HA

Wie verändern sich Zeiten und Menschen in einem Vierteljahrhundert? Prominente erinnern sich. Teil 13: Frederik und Gerrit Braun.

Wer mit Frederik und Gerrit Braun durch das Miniatur Wunderland streift, muss sich auf einige längere Stopps einstellen. Überall werden die freundlich-dynamischen Zwillinge erkannt, überall müssen sie für Selfies herhalten und sogar Autogramme schreiben. Bis zu 50-mal am Tag gehe das so, berichtet Frederik Braun, aber beide absolvieren diese Blitztermine fröhlich und routiniert.

Vor dem Diorama „Die geteilte Stadt“ wird die Stimmung ernster, fast feierlich. In sieben Schaukästen ist hier die Entwicklung einer fiktiven Straße dargestellt – vom Kriegsende 1945 über die Teilung bis zur Grenzöffnung.

An die Stimmung im November 1989 erinnern sich die beiden, die sich nach einem langen Arbeitstag geschafft, aber fröhlich in ihre Bürosessel fallen lassen, noch bestens. „Wir standen an der Spaldingstraße, winkten und jubelten, zogen später mit wildfremden Menschen über den Kiez“, berichtet Frederik Braun. Wer wie die 1967 geborenen, in einem liebevollen bürgerlichen Elternhaus aufgewachsenen Brüder die Zeit des Kalten Krieges bewusst erlebt hat, empfand in jenen Tagen auch große Erleichterung.

Die zunächst lockeren beruflichen Bande in die „neuen Bundesländer“ wurden fester. Die Brüder waren seit 1992 am Wandsbeker „Voilà“ beteiligt, 1994 übernahmen sie die Diskothek ganz. Parallel hatten sie das Techno- und Trance-Label „EDM Records“ gegründet, auf dem unter anderem Gary D. und DJ Gollum veröffentlichten.

Auch und gerade im Osten Deutschlands gab es bald einen Hype um Technomusik, die Nachfrage wuchs ständig. Allerdings spielte und spielt das Geschäftliche für die Brauns im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung keine entscheidende Rolle, wie sie glaubhaft versichern. „Uns ging es nie darum, irgendwelche Märkte aufzurollen“, erläutert Gerrit Braun, „wir sind in erster Linie emotionale und neugierige Menschen.“

Im Urlaub hatte Frederik Braun die Idee, die das Leben der zwei total veränderte

Und zielstrebig, möchte man ergänzen. Im Jahr 2000 gönnten sich die Brüder einen Schweiz-Urlaub, der ihr ganzes Leben verändern sollte. Zum ersten Mal seit 20 Jahren stand Frederik Braun damals in einem Modellbaugeschäft – und war sofort elektrisiert. Schwer zu erklären, aber die Erkenntnis, dass man etwas im wahrsten Sinne des Wortes ganz Großes entwickeln sollte, muss ihn wie ein Keulenschlag getroffen haben. „Für den Rest des Urlaubs war nichts mehr mit mir anzufangen“, bekennt Frederik Braun lachend, ich dachte ununterbrochen an das Projekt, das ich damals noch nicht mal konkret benennen konnte.“

Danach folgte das Ritual, das die Zwillinge seit Kindertagen praktizieren: Frederik, der kreative Kopf mit den hochfliegenden Ideen, setzte sich mit Gerrit für ein langes Beratungsgespräch zusammen. Der studierte Wirtschaftsinformatiker Gerrit ist zwar auch kreativ, aber zugleich der kühlere Analytiker, einer, der den Bruder – wenn nötig – auch schon mal auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Die Zwillinge sprechen offen und locker über diese Rollenverteilung. Zum einen hat sie sich in den vergangenen Jahrzehnten stets bewährt, zum anderen gibt es zwischen beiden keine Eifersucht. „Ein Projekt wurde bei uns immer nur etwas, wenn Frederik meine Skepsis passiert hat“, sinniert Gerrit Braun. Der Bruder kontert schlagfertig: „Na, sagen wir mal so, Gerrit durfte immer meine Träume mitrealisieren.“

So lief es schon in frühester Jugend, als die zwei über Hamburgs Floh- und Sammlermärkte zogen und sich anschickten, die weltgrößte Sammlung mit Micky-Maus-Heften aufzubauen, und so wird es bis in alle Ewigkeit bleiben. Charakterunterschiede hin, Spleens her: Zwischen die beiden Brüder passt, wie es so schön heißt, keine Briefmarke. „Mein Frau möge es mir verzeihen, aber Gerrit ist für mich der wichtigste Mensch auf der Welt“, sagt Frederik Braun, der demnächst zum dritten Mal Vater wird. „Ihn würde ich immer als ersten anrufen.“ Frederik, der bereits dreifacher Vater ist, nickt entschlossen. Wenn es um das Verhältnis zum Bruder geht, sprühen die Zwillinge (Frederik ist eine Minute länger auf der Welt) nur so vor flotten Sprüchen. „Geteiltes Leid ist halbes Leid“, gehört dazu und natürlich auch: „Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“

Zurück zu Frederiks Plan aus dem Jahr 2000. Eine Miniaturbahn im ganz großen Stil sollte es werden – nicht nur Landschaften, sondern regelrechte Länder könnten da im Idealfall entstehen – ein riesiges Wunderland also. Ein gutes Zeichen: Gerrit Braun, im Spaßjargon der Brüder auch „Das Gericht Gerrit“ genannt, war relativ schnell vom brüderlichen Enthusiasmus angesteckt und schließlich auch überzeugt.

Doch die schwierigsten Hürden lagen noch vor ihnen: die Finanzierung und die Sicherung passender Räumlichkeiten. Zweimal hätten sie enormes Glück gehabt, erzählen die Brüder mit viel Understatement. Binnen kürzester Zeit gewährte die Haspa einen Zwei-Millionen-Mark-Kredit, die HHLA stellte an der Straße Kehrwieder in der Speicherstadt die ideale Fläche bereit.

Das sei alles ganz leicht gewesen, erzählen die Brauns, dabei dürften auch eine Menge an vorbereitenden Planungsarbeiten und viel Überzeugungskraft von ihrer Seite mit im Spiel gewesen sein. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner Stephan Hertz und Vater Jochen Braun gründeten die umtriebigen Zwillinge schließlich die „Miniatur Wunderland Hamburg GmbH“, der Rest ist eine der großen Hamburger Erfolgsgeschichten. Neun Monate Bauzeit wurden für die ersten drei Abschnitte „Harz“, „Knuffingen“ und „Österreich“ eingeplant, 24 Stunden täglich schuftete das Team bis zur Eröffnung am 16. August 2001. Der Anfang schien einen totalen Flop anzukündigen. Nur wenige hundert Besucher kamen in den ersten Tagen vorbei, die Anschläge vom 11. September sorgten dann für weitere Besuchereinbrüche. Doch einige enthusiastische Medienberichte und Mund-zu-Mund-Empfehlungen taten ihre Wirkung. Schon bald musste der Eingangsbereich gesichert werden, um den wachsenden Ansturm in den Griff zu bekommen. Mittlerweile hatte das Miniatur Wunderland 13,5 Millionen Besucher – und jedes Jahr läuft besser als das davor. 330 Beschäftigte hat das Unternehmen heute, darunter rund 160 Festangestellte.

Apropos: Für ihre soziale Personalpolitik wurden die Brüder und Geschäftspartner Hertz vor fünf Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie beschäftigten von Anfang an auch viele, die andernorts keinen Job gefunden hätten. „Man hat uns immer wieder einen extremen Spieltrieb bescheinigt“, erzählen Frederik und Gerrit Braun im Wechsel, „und Spielfreude und Können waren auch die wichtigsten Kriterien, wenn wir neue Leute eingestellt haben. Da gab es bei uns kein Schubladendenken, und unsere besten Köpfe hier im Haus waren und sind eigentlich Freaks. Aber Genie und Wahn liegen ja bekanntlich dicht beieinander.“ Wenn es den oft zitierten geborenen Unternehmer wirklich gibt, trifft die Bezeichnung wohl auf beide Brauns zu. Fleiß, Wagemut und Originalität – und das im Doppelpack.

Für die Erweiterung des Wunderlands arbeiten die Brüder hart. „Wir konnten in den vergangenen Jahren nicht alle unsere Pläne zeitnah realisieren, weil wir immer überall das Beste bieten wollen“, erläutert Fredrik Braun. Unter den anderen „Wunderländern“ haben die Brüder den Ruf, jeden Mini-Gullydeckel nachzuprüfen – und dieser Perfektionismus macht sicherlich einen Teil ihres Erfolges aus. „Wir haben uns aber auch stets das Spielerische und die Neugier bewahrt“, ergänzt Gerrit Braun, „ein Stück weit sind wir immer die Jungs geblieben, die so unheimlich gerne gespielt haben.“

Unsummen sind beiden für den Aufbau weiterer Wunderländer geboten worden, sei es in New York, Moskau oder London. „Wir haben das jedes Mal diskutiert und dann abgelehnt“, sagt Frederik Braun, „und danach fühlten wir uns jedes Mal herrlich.“

Mit feiner Ironie bekennen die Brauns, letztlich wohl doch keine hundertprozentigen Unternehmer zu sein – „denn sonst hätten wir ja wohl schon längst Filialen in aller Welt und wären steinreich“.

Die beiden sind bodenständig und heimatverbunden geblieben

Wie kommt es, dass zwei „Macher“, die in ihrem Unternehmen die ganze Welt en miniature nachbilden lassen, derart bodenständig und heimatverbunden geblieben sind?

Zur Beantwortung der Frage geht es zurück zu dem viel besuchten und fotografierten Diorama „Die geteilte Stadt“, das für die Brauns im spaßigen Wunderland eine „Herzensangelegenheit“ ist, wie sie sagen.

Frederik und Gerrit Braun blicken lange auf die Miniaturszene, die zeigt, wie Menschen nach Jahrzehnten der Trennung endlich zusammenströmen auf einer von den Zeitläufen schwer gezeichneten Straße. „Wir hatten viel Glück“, sagt Gerrit Braun, „weil wir hier in diesem Land, in dieser Stadt Hamburg und bei diesen Eltern aufwachsen durften. Das macht uns dankbar.“ „Ja, dankbar“, ergänzt Gerrit Braun, „und rundrum zufrieden.“

Nächsten Donnerstag in Folge 14 lesen Sie:Frank Horch (Wirtschaftssenator)