Abendblatt-Serie

Ein saftiges "Stern"-Editorial kostete Jürgs den Job

Michael Jürgs mit Requisiten der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte im Café Funk-Eck

Michael Jürgs mit Requisiten der bundesrepublikanischen Zeitgeschichte im Café Funk-Eck

Foto: Roland Magunia

Wie verändern sich Zeiten und Menschen in einem Vierteljahrhundert? Prominente erinnern sich. Teil 10: Journalist Michael Jürgs.

Wenigstens das Ausrufezeichen hat er sich verkniffen. Michael Jürgs war seit 1986 beim „Stern“ Chefredakteur, war Leitwolf und anerkannter, gefürchteter, von vielen gehasster Bestweitenpinkler auf dem Sonnendeck des BRD-Journalismus. Dann aber fiel die Mauer im Herbst 1989. Völlig unbekannte Brüder und Schwestern aus dem Osten kamen in ihren stonewashed Jeans aus ihrem Zweitakter-Paralleluniversum getuckert und ließen sich fröhlich aufs Trabi-Dach klopfen. Eine Nation war im Ausnahmezustand, von sich selbst high.

Der Journalist Jürgs also schrieb, weil er es konnte und ihm von Herzen danach war, im Januar 1990 ein saftiges Editorial unter die Überschrift „Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?“ Mit Fragezeichen, aber dennoch. Mit einer Handvoll steiler Zeilen hatte Jürgs sich für viele zum moralischen Landesverräter gemacht. „Verrat ist immer eine Frage des Datums“ kontert er diesen Anklagepunkt. „Damit war dieser Artikel natürlich genau das, was man nicht schreiben durfte. Das Deutschland­fahnengegröle hat mich immer unglaublich abgestoßen. Deswegen habe ich zugeschlagen.“

Was hat ihn damals bloß geritten, muss die erste Frage sein zu diesem Sprint, der ganz tief reinging ins offene Messer. „Das war die Überzeugung, ganz einfach“, erklärt Jürgs, ohne erkennbaren Hauch eines Selbstzweifels. „Das vorherrschende Gefühl meiner Generation, die mit Wiedervereinigung nichts mehr am Hut hatte. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass dieses Land geteilt ist, und uns eigentlich auf Europa konzentriert.“ Auf dem Tisch liegen Bananen als Fotorequisiten, etwas Spaß Richtung neue Bundesländer muss im Jahre 25 nach Mauer doch wohl drin sein. „Es gab da nur einen entscheidenden Satz“, macht Jürgs weiter. „Die deutsche Einheit gehört nicht zu meinem Traum von Europa. Mehr hatte ich nicht. Und die Warnung, sich nicht mit jedem, mit dem man drüben Geschäfte machen möchte, gleich ins Bett zu legen. Weil man nicht weiß, welche Wanzen die mitbringen.“

Ohne die deutsche Einheit wäre Michael Jürgs’ Leben anders verlaufen

Das ganz schmale Florett war nicht immer seins, hin und wieder griffen Jürgs’ Schreiberfinger lieber zum Säbel, auch heute noch, klar. Entschuldigen kann man sich immer noch. Viel Feind, viel Ehr und so. Ironie versteht der Leser aber nicht, heißt es gern von Redaktionshäuptlingen, und die Chefs von Chefredakteuren verstanden und mochten sie in solchen Tagen noch sehr viel weniger, weil sie der Mantel der Geschichte gemütserwärmend umwehte und derart heftiges Kontra wenig erwünscht war. Wenige Tage später war Jürgs mitsamt seinem schrankwandgroßen Ego arbeitslos. Rolf Schmidt-Holtz war aus dem Olymp der Chefchef-Etage hinabgestiegen. „Michael, das ist der schwerste Moment in meinem Leben.“

Nach dem Vollzug rief Jürgs seine Frau an, er sei gefeuert. „Sie sagte: endlich.“ Die Pressemitteilung zu seinem Rauswurf schrieb Jürgs sicherheitshalber selbst. Am Abend begann seine Karrierebegräbnisfeier für Dutzende Weggefährten in einem Restaurant, die erst früh am nächsten Morgen endete.

Geflogen, gestürzt, weg vom ­„Affenfelsen“ genannten Redaktionssitz an der Außenalster. Geschliffen wie eine Festung, die uneinnehmbar schien. Aus heutiger Sicht war es das Beste, was Jürgs passieren konnte.

Dieser unfreiwillige Abschied vom „Stern“ sei auch „ein Fall in tiefste, tiefste, tiefste Täler und Depressionen“ gewesen, „das gebe ich zu. Ich war da 14 Jahre, sieben Tage die Woche, zehn, zwölf Stunden. Aber ich bin rechtzeitig rausgeflogen. Ich wäre längst tot, wenn ich nicht rausgeflogen wäre, so wie ich gearbeitet habe.“

Terra incognita war das spätere „Dunkel-Deutschland“ damals nicht für Jürgs. Leipziger Buchmesse, schon zu Honecker-Zeiten, „und wir haben natürlich Dissidenten drüben mit Faxgeräten und Material versorgt, klar. Aber ich hatte immer auch das Gefühl, die sind ein bisschen spießig. Die Jeans hatten unten Blümchen dran, die Windjacken kamen wahrscheinlich aus Polen. Das war gemein, das gebe ich alles zu. Aber es war ein Touch von deutscher Spießigkeit. Das hatte mich deswegen nie interessiert. Mich hatten andere Länder interessiert.“ Das hat sich mittlerweile gründlich gegeben.

Ohne die deutsche Einheit wäre Michael Jürgs’ Leben anders verlaufen. Wie platt das klingt, wie lahm, so lau. Aber: nützt ja nichts. Ist so. „Ob ich zehn, 15 Jahre ,Stern‘ überlebt hätte, weiß ich nicht. Ob ich mich geändert hätte? Ich glaube nicht.“

Vielleicht wäre der Überzeugungsschreiber jetzt irgendwo ein gut bezahlter Herausgeber, frühstücksdirektorenhaft seine unantastbaren Leitartikel ins Blatt wuchtend wie Grabplatten, bevor es auf den Golfplatz geht oder übers lange Wochenende zum Zweithaus in eines der extrafeinen Kaschmirpullover-Eckchen von Sylt. Und die Juniorchefs schreiben nicht, sondern lassen Content ins Netz stellen. Doch es kam ja ganz anders.

Die erste Machtentzugserscheinung im Januar 1990 war eine Gastritis, vorher nie gehabt so was. Dann folgte ein Flucht-Urlaub in die Karibik, mit Familie und Freunden. Sein Trauzeuge fragte das Ex-Alphatier Jürgs: „Und, was machst du jetzt?“ „Ich glaub, ich schreibe Bücher.“ Romy Schneider, mit deren Leben, Lieben und Leiden kannte sich Jürgs aus. „Auch Axel Springer könnte mich interessieren.“ Doch der Überverleger musste noch warten. Der Zeitungs- und Magazin-Journalist Jürgs musste die Langstrecke zunächst beherrschen lernen, seine erste Fassung des Romy-Buchs hatte 20 Seiten. Die letzte wurde ein Bestseller.

1992 bekam er wieder ein Magazin-Ruder in die Hände, als Chefredakteur bei der Zeitgeistlegende „Tempo“. 1994 flog er auch dort raus. „Das“, grinst Jürgs, „war dann aber schon nicht mehr so schlimm.“ Am Morgen danach schickte Jürgs ein Fax nach Berlin, er hätte gern die Stasi-Unterlagen über Axel Springer. Der nächste Bestseller, klar. Mehr als ein gutes Dutzend Bücher hat er inzwischen im Lebenslauf, im bewährten Rhythmus aus Recherche, Schreiben, Erholen entstanden. Viel harte Recherche, viel auch über die Deutschen hier und dort und überhaupt. Politisches und Polemisches. Aber auch immer wieder leisere Themen, vielschichtigen Künstlerleben nachspüren wie dem des Tenors Richard Tauber oder der Künstlerin Eva Hesse. Oder die Biografie über Günter Grass, die Jürgs nach dessen Tod im April im Eiltempo aktualisierte. Gelernt ist gelernt.

Jürgs wäre nicht Jürgs, wenn er nicht auch eine Anekdote parat hätte, über DIE NACHT, in der die Mauer fiel. Er war dran gewesen mit Heftmachen in jener Woche. Eigentlich sollte der weltweite Kampf gegen Kinderpornos auf den Titel. Dann knallte Günter Schabowskis historische Verzettelung über die Westreisen-Regelung für DDR-Bürger bei einer Pressekonferenz dazwischen. „Wir saßen bis morgens um drei an einem Heft, ,Nacht der Freiheit, Tag der Deutschen‘ oder so ähnlich.“ Als alles durch war und fertig und Jürgs auch, fuhr er mit dem Auto durch den Innocentiapark. ­Polizeikontrolle, hallöchen der Herr, pusten Sie mal bitte. Ich hab nichts ­getrunken, komme direkt aus dem ­Büro. Kann ja jeder sagen. Aber! Die Mauer! Ist! Gefallen! „Jetzt pusten Sie erst recht.“ Jürgs gluckst vor Freude über diese Pointe. „Das war meine Nacht des Mauerfalls. Alles andere ist Geschichte.“

Die Geschichte mit ihm und dem Osten fing nicht gut an, ging aber spannend weiter. „Drei Bücher, mehrere Filme, das ist die Aufarbeitung dessen, dass ich entlassen worden bin.“ Er wollte wissen, was da ist, als Therapie und weil Jürgs nun mal chronisch neugierig ist. Inzwischen kennt man sich, und wenn er drüben bei einer Lesung ist, sagen die Leute zu ihm, er habe eigentlich das Buch zur deutschen Einheit geschrieben. „Es hat sich also gelohnt.“ Seine erste Lesung im Osten hatte Jürgs mit dem Treuhand-Buch, „da gab’s volle Pulle. Aber man muss zu dem stehen, was man gemacht hat.“ Und seinem Publikum spendierte er damals noch einen Nachschlag zum Nachdenken, für den Heimweg. „Das hätte ich Ihren Leuten gewünscht, die Sie so lange regiert haben.“

Durch das Schreiben merkte er „plötzlich, wie spannend das war“ in diesen Gegenden, die erst erfahren werden wollten. 2005 kam „Typisch Ossi, typisch Wessi“ heraus, ein deutsch-deutsches Zoff-Duell mit einer Co-Autorin aus Leipzig. Zum Buch „Wie geht’s, Deutschland?“, 2008 erschienen, drehte Jürgs 2009 eine Zustandsanalyse für das ZDF. Und in Kürze, nach BKA und Menschenhandel, erscheint ein neues Befindlichkeiten-Bulletin über die Lagen der Nation, mit Temperaturmessungen des deutschen Alltags kreuz und quer in der Republik. Es gibt allerdings auch Gegenden, die Jürgs von seinen Reiseplänen streicht. Dort, wo es nicht harmlos amüsant dunkel ist, sondern eklig braun und dumpf vorgestrig. Finstere Ecken in Mecklenburg-Vorpommern, die Sächsische Schweiz. Macht er nicht, no way.

Als Themenwitterer weiß Jürgs genau, dass das Bessere des Guten Feind ist

Klar ist Jürgs auch mit seinen gerade erreichten 70 Jahren keiner, der einknickt, bloß weil es mal laut wird und es Gegenwind gibt. Neulich hat er, wutschäumend wegen der Pegida-Aufmärsche in Dresden, über die „Gemüts­nazis“ im Osten Klartext geredet, „das löste viel Freude aus, klar“. Aber als Themenwitterer weiß Jürgs immer noch genau, dass das Bessere des Guten Feind ist. Also kann er sich heute genauso für vieles begeistern, das einst nach DDR klang, roch oder schmeckte, wie er es damals infrage stellte, als die ersten Wartburg-Ossis beim Redaktionspförtner klingelten. Sie würden sich gern mal die Alster von weiter oben ansehen. War ja alles ganz neu hier. Damals sagte der „Stern“-Chef Jürgs seinen Ressortleitern: „Gleich kommen Zonis, benehmt euch anständig, die haben nichts, jetzt legt mal Kohle in die Mitte.“ So war das damals.

Michael Jürgs und die Einheit, da geht noch was

Bevor Jürgs wieder losmuss (entweder irgendeinen Chefredakteur in der Republik telefonisch wegen Dummheit beim Tagesgeschäft rundmachen oder Klavier üben), müssen wir aber grundsätzlich werden. Was hätten wir von denen im Osten lernen sollen – und was haben wir gelernt? Eine kurze Antwort kann Jürgs auf so etwas nicht liefern. Aber eine knackige, die kommt wie auf Knopfdruck, sehr firm im Thema. „Wir haben von denen im Osten viel zu wenig gelernt. Wir hätten von denen lernen können, was uns gutgetan hätte. Wir haben zu viel westdeutsche Arroganz, immer noch. Wir haben euch gerettet, wir haben’s gemacht. Ohne uns wärt ihr nichts. Wir spenden, wir finanzieren euch. Soli. Radwege. Spaßbäder. Alles Quatsch. Wir hätten vom Osten lernen können, wie schwer es ist und dennoch schaffbar, aus unglaublich beschissenen Verhältnissen etwas zu machen. Durch zwei Umbrüche – Mauerfall und Einheit, Mark und Euro – dennoch etwas auf die Beine zu stellen, was funktioniert. Inzwischen gibt es ganz viele, die nicht mehr jammern, sondern sagen: Was ihr könnt, können wir schon lange. Und die hätten auch von uns lernen können. Ich hätte mit denen Bustouren nach Pirmasens, ins Ruhrgebiet oder sonstwohin gemacht und gesagt „guck mal, so sieht das bei uns aus. Lasst uns das Geld anständig verteilen, denn dann wächst ja auch etwas zusammen.“

Michael Jürgs und die Einheit, da geht also noch was. Die beiden sind noch nicht fertig miteinander. „Freiheit ist eine Geliebte, die man jeden Tag erobern muss. Das fehlt drüben. Aber: Es verbessert sich. Das Stichwort lautet Zivilgesellschaft. Nur wächst die über Jahrzehnte und nicht in 25 Jahren.“


Im August erscheint Jürgs’ neues Buch „Wer wir waren, wer wir sind. Wie Deutsche ihre Geschichte erleben“, ­
C. Bertelsmann, 352 Seiten, 19,90 Euro

Nächsten Donnerstag in Folge 11 unserer Serie: Internet-Millionär Heiko Hubertz