Abendblatt-Serie

Senator Horch: „Der Frank, der macht das schon“

Frank Horchs Weg führte in den vergangenen 25 Jahren stetig bergauf. Vom Manager zum Handelskammer-Präses und dann zum Wirtschaftssenator.

Frank Horchs Weg führte in den vergangenen 25 Jahren stetig bergauf. Vom Manager zum Handelskammer-Präses und dann zum Wirtschaftssenator.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Was passiert nicht alles in einem Vierteljahrhundert. Prominente erinnern sich: Wie Frank Horch Wirtschaftssenator wurde.

Hamburg.  Wenn er an die Wiedervereinigung denkt, dann muss Frank Horch kurz innehalten. Von einem der „größten historischen Ereignisse“ spricht er. Und dass die Menschen in der DDR diesen Weg in die Freiheit gewaltlos erreicht haben. „Eigentlich unfassbar.“ Wer habe diese friedliche Revolution damals für möglich gehalten? Unter einem Regime, das für Unterdrückung, Bespitzelung und Kompromisslosigkeit stand? Freiheit – dieses Ausbrechen können aus den Zwängen, Verpflichtungen des Alltags. Sie hat für Frank Horch einen ganz besonderen Stellenwert.

Geboren in Geversdorf, einem verschlafenen Ort mit kaum mehr als 700 Einwohnern nahe Cuxhaven, spürte der kleine Frank den Freiheitsdrang schon früh. Seine Leidenschaft galt mehr dem Fußball als der Schule. Er hatte Talent, wurde als Jugendlicher sogar zur Sichtung des Deutschen Fußballbunds in die Sportschule nach Barsinghausen bei Hannover eingeladen.

„Da war ich richtig stolz“, erinnert er sich. Doch die Schule litt unter seinem sportlichen Ehrgeiz. Die Eltern zogen die Notbremse. Fußball musste hinten anstehen, Deutsch und Mathe traten in den Vordergrund. Aber Frank hatte noch eine andere Leidenschaft, die nahelag, weil das Meer so nahe liegt – an seinem Geburtsort Geversdorf.

Frank liebte das Segeln. Bereits mit acht Jahren entdeckte er die Liebe zum Meer für sich, als er auf einem Frachter Richtung Hamburg fuhr. Seine erste große Fahrt. Da war es bereits in ihm, dieses Gefühl von Freiheit, das er seitdem nicht missen möchte. Zumindest ein paar Wochen im Jahr. Meistens im Sommer. Wenn er mit seiner Ehefrau Margret auf der „Horge“ unterwegs ist, seiner eigenen Segelyacht. Ein Boot zu besitzen sei ihm schon immer wichtiger gewesen als ein Eigenheim, sagt er. Weil ein Haus sich eben nicht bewegen lasse, immer am gleichen Ort stehe. Aber mit seiner Yacht kann er den Alltag hinter sich lassen, ausbrechen, Grenzen überwinden. Einfach mal so nach Dänemark oder Schweden. Wenn er Lust hat.

Das Auto haben sie ihm auseinander­genommen, die Grenzsoldaten

Einfach mal so in die DDR wollte er auch mal – entfernte Verwandte besuchen. Mit dem Auto ist er damals gefahren. Und am Grenzübergang hat er dann erfahren, was es bedeutet, wenn Freiheit unterdrückt wird. Das Auto haben sie ihm auseinandergenommen, die Grenzsoldaten. „Das war schrecklich, nur als Schikane gedacht.“ Danach habe er die Lust auf Fahrten in den anderen Teil Deutschlands verloren. Von der Freiheit in die Unfreiheit reisen? Frank Horch hatte genug Verpflichtungen und Zwänge als Topmanager in Hamburg, wo er mittlerweile arbeitete.

1966 ist er in die Hansestadt gekommen. Auf eine verkürzte Lehre als Schiffbauer folgte ein Schiffbaustudium – und dann die Karriere bei der Phoenix in Harburg. Horch baute bei dem für Autoreifen bekannten Unternehmen eine Abteilung für Schifffahrt und Schiffbau auf und schaffte es bereits mit 37 Jahren zum Generalbevollmächtigten. Der Jungmanager war bei dem Konzern mit seinen etwa 5500 Beschäftigten für Entwicklung und Auslandsbeteiligungen zuständig. Ein hoch begabter Ingenieur, der Menschen führen und begeistern konnte. So wurde er bei der Phoenix sogar in den Aufsichtsrat berufen. Zuständig für die Belange der leitenden Angestellten.

Die tägliche Arbeit machte ihm Spaß, aber wenn es um die grundsätz­liche Strategie des Unternehmens ging, war er nicht immer auf einer Linie mit der Konzernführung. Letztlich kam Horch bei der Phoenix beruflich nicht weiter – aber er wollte noch einen Schritt mehr machen. Mehr Verantwortung übernehmen. Horchs Talent als Entwickler hatte sich in der Branche längst herumgesprochen – und kurz nach der Wiedervereinigung begann ein neuer Berufsabschnitt für ihn, der sein Leben komplett verändern sollte.

Eigentlich wechselte Horch in Harburg nur auf die andere Straßenseite. Denn dort leitete er von 1992 an das Reifenpressenwerk der Friedrich Krupp AG. 300 Beschäftigte, viel Herzblut. „Klar war das anfangs ein Risiko“, erinnert er sich. „Aber schließlich ist dort etwas gewachsen, was ich mir in der Form auch nicht vorgestellt hatte.“ Horch wurde ein Chef zum Anfassen, kannte seine Mitarbeiter und deren Probleme. Er genoss den Schritt heraus aus der Anonymität des Phoenix-Konzerns hin zum Miteinander in dem vergleichsweise kleinen Werk. Auf zehn erfolgreiche Jahre konnte er mit seiner Belegschaft zurückblicken, als die Zentrale von ThyssenKrupp die Entscheidung fasste: Das Werk wird verkauft.

Andere Chefs hätten nun hingeworfen oder versucht, direkt nach dem Verkauf an einen finanziell starken Investor eine möglichst hohe Abfindung für sich selbst auszuhandeln. Horch schlug einen anderen Weg ein, der in Hamburg für Schlagzeilen sorgte: Er wandte sich an die Medien und setzte sich dafür ein, dass „sein“ Werk eben nicht irgendeiner geldgierigen „Heuschrecke“ zum Fraß vorgeworfen wurde, sondern einen seriösen neuen Eigentümer bekam.

Ungewöhnlich solidarisches Verhalten

Von Solidarität spricht Horch heute. Solidarität gegenüber „seinen Leuten“, mit denen er über mehr als eine Dekade etwas bewegt, aufgebaut hatte. Diese Art der Solidarität untereinander, die viele DDR-Bürger im neuen, vereinigten Deutschland so vermissten, lebte Horch an seinem Arbeitsplatz täglich vor. Er selbst war finanziell unabhängig, aber was sollte bei einem Verkauf an ausschließlich an Zahlen interessierten Finanzjongleuren aus den Männern in der Produktion, den Frauen in der Verwaltung werden? Horch erreichte sein Ziel, die Fabrik ging an die Lübecker Possehl-Gruppe und eben nicht an einen Hedgefonds aus den USA oder England.

Dieses für einen angestellten Topmanager so ungewöhnliche solidarische Verhalten mit seinen Beschäftigten machte Horch in der Hamburger Wirtschaft bekannt. Er bekam Schulterklopfen von Managern, die während ihrer eigenen Karriere immer nur den Vorgaben der Konzernzentralen gefolgt waren – und das überraschende Angebot, den Industrieverband Hamburg (IVH) zu leiten. Horch wagte den Schritt, obwohl er Verbandsarbeit eigentlich nicht mochte.

„Doch ich hatte Lust, etwas für die Hamburger Wirtschaft insgesamt zu bewegen“, begründet er seinen damaligen Schritt. Den IVH, der eine wochenlange Schlammschlacht mit persönlichen Intrigen allzu eitler Manager hinter sich hatte, führte Horch wieder in ruhiges Fahrwasser. Unaufgeregt, fast schon staatsmännisch vertrat er nach außen die Positionen der Hamburger Industrie. Manchmal ein wenig steif in der Präsentation, aber immer sachlich.

Diese hanseatische Form der Führung kam bei der altehrwürdigen Handelskammer in der Stadt so gut an, dass man ihn 2008 bat, das Amt des Präses anzunehmen. Vom Leiter eines Werks für Reifenpressen zum wichtigsten Repräsentanten der Hamburger Wirtschaft. „Irgendwie ging das alles ganz schnell und kam auch für mich unerwartet“, sagt er. In einem Zeitraum, in dem aus verfallenen ostdeutschen Altstädten touristisch attraktive, historische Kleinode wurden, war aus dem Schiffbauingenieur Horch der Präses der Handelskammer geworden. Doch sein Weg in dieses neue politische Leben war damit noch lange nicht vorbei.

Den bisherigen Höhepunkt hielt Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz für Horch parat. Kurz nach dem Bruch der schwarz-grünen Koalition 2010 rief Scholz bei ihm an, fragte nach, ob er sich den Posten als Wirtschaftssenator in einem SPD-Senat vorstellen könne. „Das war eine große Ehre für mich.“ Und als Horch tatsächlich im Frühjahr 2011 als neuer Senator für Wirtschaft, Verkehr und Innovation auf der Senatsbank Platz nahm, begann für ihn im Alter von 63 Jahren ein komplett neues Leben. Ohne Parteibuch, ohne SPD-Stallgeruch, ohne Erfahrung in der öffentlichen Verwaltung musste er von heute auf morgen eine Behörde mit rund 700 Mitarbeitern leiten, sich um die Elbvertiefung genauso kümmern wie um die Staus vor dem Elbtunnel und kaputte Fahrradwege.

„Dieser Schritt vom Präses der Handelskammer zum Senator war wohl der bis heute gewaltigste für mich.“ Aber auch hier half ihm wieder diese Mischung aus Ruhe und Sachlichkeit. Und der Respekt vor den Menschen, egal wo sie herkommen oder was sie machen. Wie damals in der Maschinenfabrik in Harburg.

Bürgermeister Olaf Scholz wollte unbedingt an ihm festhalten

„Ich bin nicht der harte Hund, suche nach Kompromissen“, sagt der verheiratete Vater zweier Töchter und Großvater über sich selbst. Und er sucht auch immer nach dem Spaß an der Arbeit. Den scheint er gefunden zu haben. Denn nicht anders ist es zu erklären, dass er die Rente mit 67 für sich selbst nicht in Anspruch nimmt, sondern sich im Februar zu einer neuen Legislaturperiode als Wirtschaftssenator bereit erklärt hat. Viele Medienvertreter hatten ihn schon nicht mehr auf dem Zettel, als es um die Bildung des neuen rot-grünen Senats ging. Doch Bürgermeister Olaf Scholz wollte unbedingt an ihm festhalten. Wegen seiner Expertise und Verlässlichkeit, heißt es. „Der Frank, der macht das schon“, ist ein mehrfach überlieferter Satz des Bürgermeisters.

Und so macht er denn weiter. Aufgaben liegen ja noch genug vor dem Jungen aus der Nähe von Cuxhaven, der eigentlich Fußballprofi werden wollte, früh seine Leidenschaft für das Segeln entdeckte – und wohl eine der ungewöhnlichsten politischen Karrieren im neuen, vereinten Deutschland hingelegt hat.

Während er um die DDR wegen seiner frühen, unangenehmen Grenz­erfahrung einen weiten Bogen gemacht hatte, lernte er den östlichen Teil des vereinten Deutschlands nach der Wende umso besser und intensiver kennen. Natürlich als Segler, mit seiner Ehefrau auf der „Horge“. Wunderschöne Reviere habe er dort gefunden, sagt er. Wenn er mal wieder unterwegs war – auf seine ganz persönliche Art, die Freiheit zu genießen.