Abendblatt-Serie

Kai Hollmann: Wie viele Hotels passen in 25 Jahre?

Unternehmer mit Weitblick: Kai Hollmann auf der Dachterasse seines Hotels „The George“ in St. Georg

Unternehmer mit Weitblick: Kai Hollmann auf der Dachterasse seines Hotels „The George“ in St. Georg

Foto: Andreas Laible

Was passierte nicht alles in den 25 Jahren seit der Wiedervereinigung passiert! Prominente erinnern sich: Hotelier Kai Hollmann.

Dass Kai Hollmann fünf Geschwister hat, brachte ihm neben einer durchaus bewegten Kindheit im beschaulichen Ahrensburg eine gewisse Durchsetzungskraft ein. Man kann sagen, der kleine Kai hat gelernt, dass es durchaus nachhaltig ist, sich gegen die Schwester und vier Brüder durchzusetzen. Besonders: Entscheidungen fix zu treffen und zu verteidigen. Wer will wo im Auto sitzen? Die vermeintlich besten Plätze im Mercedes 230 Langversion mit drei Sitzreihen waren schließlich umkämpft. Wer bekommt den letzten Löffel rote Grütze? Wer darf den Restteig aus der Rührschüssel beim Kuchenbacken schlecken? Zögern war da sicher nicht die beste Reaktion.

Der große Kai, heute 58 Jahre alt, kann deshalb nicht nur feinste Kuchen backen, sondern – und das half ihm in seiner Karriere mindestens ebenso wie seine Fertigkeiten in der Küche – sich schnell, dabei unumstößlich und sicher entscheiden.

Hollmann ist immer noch Bruder und Sohn, dazu Vater und Ehemann im Privaten, in der Öffentlichkeit der ­innovativste Hotelunternehmer der Stadt. Mehrfach ausgezeichnet ist er: Unter anderem wurde der Chef des ­Design-Hotels „Gastwerk“, des Hotels „The George“, der Hostels „Superbude“ und Miteigentümer der „25hours“-Häuser zum „Unternehmer des Jahres“ und „Hotelier des Jahres“ gewählt.

Späte Selbstständigkeit, schnelle Entscheidungen

Dabei wäre die Zusammenlegung der beiden Titel zu „Hotelunternehmer“ eine überaus passende Berufsbezeichnung für Hollmann. Denn er führt die Hotels nicht nur, sondern er erschafft sie. Sieht komplett eingerichtete Zimmer, Suiten, Lobbys, Spa-Bereiche vor seinem inneren Auge wachsen, während er auf zugigen Baustellen, verwaisten Grundstücken oder historischen Ruinen steht.

Denken andere noch an Finanzierungsmöglichkeiten oder Rabatte, ist Hollmann schon bei den Lichtschaltern angelangt. Die jeweiligen Immobilien verlangten nach einem gewissen Stil, sagt Hollmann dann, der deshalb am liebsten Hotels mit historischer Bausubstanz und Geschichte entwickelt. „Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob es Dreh- oder Kippschalter für das Licht gibt.“

Hollmann machte sich verhältnismäßig spät, 1997, im Alter von 40 Jahren selbstständig. Zuvor absolvierte er im ehemaligen Hotel InterConti eine Ausbildung zum Koch und Kaufmann und arbeitete anschließend zwanzig Jahre für den legendären Hamburger Willi Bartels in dessen Hotel „Hafen Hamburg“. Erst als Direktionsassistent, doch schon nach einem Jahr befördert, heimste er als 24-Jähriger seinen ersten Titel ein: „Jüngster Hoteldirektor Deutschlands“.

Querdenker in der Mitte der Hamburger Gesellschaft

„Ich habe gerne für Bartels gearbeitet“, sagt Hollmann, der bei sonnigem Wetter auf der Terrasse des „The George“ sitzt. Wie so oft trägt er einen Nadelstreifenanzug in Grau, dazu ein auffälliges, farbiges Einstecktuch. Ein bewusst gesetzter Akzent. Ebenso wie seine Häuser ist auch sein Kleidungsstil einen Tick anders, unerwartet.

Der Tweed im Winter glänzt, die Socken sind rot, die Weste hat gemusterte Knöpfe. Er ist kein Enfant terrible, er verletzt keine Konvention, aber er spielt mit ihr. Das kommt an bei den Gästeströmen, die den Spirit, das unerwartete Detail auf den Zimmern schätzen. Bei den Geschäftspartnern, der Hamburger Gesellschaft, die Querdenker gern in ihrer Mitte wissen. Solange diese nicht abheben.

Einen „feinen Kerl“ nennen sie ihn, ein „besonders guter Junge“, das sei er, der Kai, so ein anerkannter Hamburger Geschäftsmann. Mit ihm mache man gern Geschäfte. Nicht nur, weil man um die Herkunft des Sprosses einer wohlhabenden Familie – Hollmanns Mutter Marlies ist eine Tochter des Verlagsgründers Heinrich Bauer und die ältere Schwester von Verleger Heinz Bauer – wisse, sondern, weil Hollmann als „Worthalter“ gilt.

Wendezeit: „Mich interessierte diese Thematik unheimlich“

Eine Eigenschaft, die schon Willi Bartels erkannt haben muss, der in der Wende-Zeit um 1989 bereits ein neues Betätigungsfeld für seinen aufstrebenden Angestellten vor sich sah: Hollmann sollte in Dresden zusätzlich das Hotel Gewandhaus führen, an dessen Kauf der Hamburger Immobilien-Unternehmer interessiert war.

„Nach dem Mauerfall, so Ende 1990, fuhren wir im alten Mercedes von Bartels – ich am Steuer, Bartels, sein Haus-Architekt und ein Empfehlungsschreiben vom damaligen Bürgermeister von Dohnanyi auf der Rückbank – in den Osten, um dieses Hotel zu besichtigen“, erinnert sich Hollmann. „Schon die Fahrt dorthin war ein Traum, über die Dörfer, durch tolle Alleen mit wunderschönem Kopfsteinpflaster.“

In Dresden angekommen, checkten die Hamburger in das Hotel ein und bekamen eine Hausführung. „Die Abhörstation im Keller hat mich fasziniert, denn da es neben dem Rathaus lag, wurde jedes Telefon abgehört und es gab zu jedem Zimmer ein Leer-Rohr“, so Hollmann, der die Umbruchphase vor dem Mauerfall und der Wiedervereinigung mit den Montagsdemonstrationen 1989/90 bereits intensiv im Fernsehen verfolgt hatte. „Mich interessierte diese Thematik unheimlich“, sagt er. „Ich habe immer Gas gegeben, damit ich um kurz vor acht zu Hause sein konnte. Dann habe ich erst die ,Aktuelle Kamera‘ aus der DDR angeschaut, dann die ,Tagesschau‘ als Kontrast.“

Hamburg profitierte von der Wend - und Hollmann eröffnete sein erstes Hotel

Die ehemalige DDR dann „live“ zu erleben habe ihn begeistert. „Denn wir haben in Hamburg die Grenzöffnung sofort gespürt. Ich erinnere mich an Ströme von Trabis, die die Ost-West-Straße entlangfuhren, an Gäste, die so ein immenses Interesse an frischem Obst hatten, dass wir mehr Bananen auf das Frühstücksbüfett im Hafen Hamburg gelegt haben, an Bewerbungen von jungen Menschen, die einen Job im Hotel suchten“, sagt Hollmann.

Die Bemühungen Bartels, das Gewandhaus zu erwerben, scheiterten schlussendlich an der damals verwaltenden und verhandelnden Treuhand. Und so gab es dann kein Hamburger Engagement, kein Hollmannsches Gastspiel im Osten, „was ich gern gemacht hätte, denn ich habe schon gespürt, dass Dresden etwas ganz Besonderes hat“, sagt er.

Dennoch, Hamburg – seit 1987 Partnerstadt von Dresden – habe klar vom Mauerfall profitiert: Die Übernachtungszahlen seien rasant gestiegen, die ganze Branche habe vor zwanzig Jahren einen Höhepunkt gehabt.

„Die Phase der ersten zehn Jahre nach der Wende war Hamburg sehr innovativ unterwegs, die Metropole kam richtig in Schwung“, weiß Hollmann. „Wo gab es die meisten Sterne-Restaurants? Die waren in Hamburg. Die neusten kulinarischen Trends? Die kamen nicht aus Düsseldorf, nein, die kamen aus Hamburg. Die ersten Design-Hotels? Sie eröffneten in Hamburg“, sagt er.

Sein erstes eigenes übrigens auch: Das „Gastwerk“ in Bahrenfeld feierte am 31. Dezember 1999 Einweihung. Hier profitierte Hollmann von seiner Geschwisterzahl und dem guten Verhältnis des Clans: Er stemmte das Projekt, aus einem alten Fabrikgebäude in einem wenig attraktiven Stadtteil ein angesagtes Hotel zu schaffen, mit der finanziellen Unterstützung seiner Brüder Jens, Lars, Niels, Dirk und Schwester Silke.

Stillstand gibt es nicht

Kopf und Sprecher ist Kai Hollmann, der in den vergangenen Jahren unternehmerisch gewachsen ist wie kaum ein Zweiter: Dem „Gastwerk“ folgten das „25hours Hotel Number One“ in Altona, zwei weitere als Beteiligung in Frankfurt, die erste „Superbude“ in St. Georg im Jahr 2008 und, ebenfalls in St. Georg, sein „The George“.

Es folgte 2011 das „25hours Hotel HafenCity“, das „25hours Hotel Beim Museumsquartier“ in Wien und ein weiteres Hotel aus der „25hours“-Kette in Zürich. Schließlich kamen in Deutschland 2012 noch die nächste „Superbude“ auf St. Pauli und 2014 mit dem „25hours Hotel Bikini Berlin“ das erste Berliner „25hours Hotel“ hinzu.

„Die Häuser acht und neun sind in meinem Kopf schon fertig“, sagt Hollmann und lacht. Zufrieden sieht er dann aus. Ein Projekt habe er immer am Laufen, eigentlich. „Mein Vater und mein Großvater waren auch Unternehmer“, sagt er, der sein Privatleben strenger hütet als die aktuellen Auslastungszahlen seiner Häuser. „Daher kommt es wahrscheinlich, dass bei mir kein Stillstand herrscht.“

Sein aktuelles Projekt: ein „funktional-schönes“ Familienhotel in der HafenCity

Allerdings, auch er zolle seinem fortschreitenden Alter Tribut. „Ich habe mich schon zunehmend gefragt: ,Warum machst du das?‘. Und habe dann auch schon ein Projekt abgelehnt, das sich über vier bis fünf Jahre hinziehen würde. ,Dafür bist du zu alt‘, habe ich mir gesagt“, erzählt Hollmann. Sein Blick schweift kurz ab, mit einem Lächeln im Gesicht kehrt die Aufmerksamkeit zurück: „Aber wenn es kribbelt und zu rattern beginnt, dann kann ich nicht anders“, sagt er und sieht dabei sehr jung aus.

Sein aktueller Anreger ist ein perfekt durchdachtes und „funktional-schönes“ Familienhotel in der HafenCity. „Viele Ideen kommen mir im Auto, auf meinen Fahrten in der Stadt von Hotel zu Hotel“, sagt Hollmann, der täglich in seinen Häusern zu sehen ist. Und immer etwas sieht. Ein falsches Glas zum Getränk, ein unpassender Bodenbelag im Hotelgarten. Die 300 Mitarbeiter, das kann man getrost annehmen, kennen das genaue Auge des Chefs nur zu gut.

Vielleicht ist Hollmanns Detailverliebtheit ein Garant für den andauernden Erfolg. „Die vergangenen 25 Jahre waren 25 gute Jahre“, sagt er rückblickend. „Tolle Jahre der Veränderung in einem Beruf, in dem es wenig Alltag gibt“, sagt Hollmann, der in diesem Vierteljahrhundert vom Angestellten zum Chef, Unternehmer und Visionär heranwuchs.

Nächsten Donnerstag in Folge 9 unserer Serie: Hafenchef Jens Meyer