Abendblatt-Serie

Katja Suding: „Für mich war das immer nur ein Land“

FDP-Fraktionschefin Katja Suding im Innenhof des Rathauses. Zweimal führte sie ihre Partei in die Bürgerschaft

FDP-Fraktionschefin Katja Suding im Innenhof des Rathauses. Zweimal führte sie ihre Partei in die Bürgerschaft

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Wie verändern sich Zeiten und Menschen in einem Vierteljahrhundert? Prominente erinnern sich. Teil 2: FDP-Frontfrau Katja Suding.

Als Glasnost und Perestroika in aller Munde waren, als in Berlin die Mauer fiel und 1990 aus zwei deutschen Staaten wieder einer wurde, da machte Katja Suding das, was Mädchen ihres Alters halt so machen. „Ich glaube, in dem Jahr war ich in der Tanzschule“, sagt die heutige stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende auf die Frage, was sie aus der Zeit in Erinnerung habe. „Jedenfalls hatten wir Ende 1990 oder Anfang 1991 unseren Abtanzball.“ Aber Politik im Allgemeinen oder die Pünktchen-Partei im Speziellen? Spielten für die damals 14-Jährige aus dem niedersächsischen Vechta natürlich keine Rolle.

Dass es östlich der BRD noch ein Deutschland gibt, war durchaus Thema im Hause Surmann, wie Suding vor ihrer Hochzeit hieß. Denn dort, genauer gesagt in Freiberg, südöstlich von Dresden, lebt bis heute ein Teil der Familie. Und an einen Besuch dort, etwa 1987, erinnert sich Katja Suding sehr gut. „Die Schwester meines Opas hat eine Enkelin in meinem Alter, die wollte ich gern zur Schule begleiten. Aber das durfte ich nicht. Wir waren da als ,Westelemente‘ nicht erwünscht.“ Auch die Intershops, die kohlegeschwängerte Luft, die scharfen Grenzkontrollen und die Blicke der DDR-Bürger auf die auffallend anders gekleideten „Wessis“, das erinnert sie alles noch. „Wir fühlten uns ein bisschen wie im Zoo.“

Was es für ihre Familie in Sachsen bedeutete, als Hans Dietrich Genscher im Herbst 1989 auf dem Balkon der Prager Botschaft den dorthin geflüchteten DDR-Bürgern verkündete, „dass heute Ihre Ausreise …“ (der Rest ging im Jubel unter), das konnte sie einigermaßen einordnen. „Ich wusste ja, dass sie bis dahin nicht ausreisen durften.“ Dass sie aber, die sich damals ansonsten nicht weiter für Politik interessierte, ein knappes Vierteljahrhundert später mit dem früheren Außenminister beim Dreikönigstreffen der FDP am Frühstückstisch sitzen würde, dass sie die Liberalen in Hamburg zweimal aus aussichtsloser Lage in die Bürgerschaft führen würde, dass sie daher als eine Hoffnungsträgerin dieser altehrwürdigen Partei gilt und nun sogar Stellvertreterin des Bundesvorsitzenden Christian Lindner ist, das alles ist ihr immer noch etwas unheimlich. „Wahnsinn“, sagt sie dann. „Wahnsinn, was alles passiert ist.“

Wie viel Strategie steckt dahinter? Was war Glück? Was Zufall?

Aber wie ist das eigentlich alles „passiert“? Wie viel Strategie steckt dahinter? Was war Glück? Was Zufall?

Katja Suding kommt 1975 in Vechta zur Welt. Konservatives Elternhaus, katholische Mädchenschule, Gymnasium – zunächst verläuft ihr Lebensweg typisch in einer landwirtschaftlich geprägten Region, in der man schon eine gute Begründung braucht, wenn man nicht CDU wählt. Es hängt wohl mit dieser Prägung zusammen, dass Vechta der jungen Katja bald zu klein wird. „Ich hatte immer einen unbändigen Drang nach Freiheit, wollte mein eigenes Ding machen, hinaus in die Welt.“

Diese „Welt“ wird dann auch nicht Münster oder Bremen, sondern gleich die USA. Den einjährigen Auslandsaufenthalt 1993 in Logan/Utah finanziert sie zum Teil mit, gibt Nachhilfe, jobbt im Supermarkt, als Zimmermädchen auf Juist und schreckt auch nicht vor den riesigen Viehbetrieben in der Region zurück. Insgesamt vier Wochen steht sie am Fließband einer Geflügelschlachterei und stopft toten Hühnern Tüten mit Innereien in den Leib. „Manchmal platzten die Tüten und dann ...“ – den Rest kann man aus ihrem Gesichtsausdruck ablesen.

Nach dem Jahr in Utah folgen 1996 das Abitur in Vechta und das Studium in Münster. Weil sie BWL langweilt, sattelt sie schnell um auf Kommunikationswissenschaften – eine wichtige Weichenstellung in ihrem Leben. Denn besonders fasziniert sie der Schwerpunkt Politische Kommunikation. „Das hat bei mir das Interesse geweckt, wie Politiker arbeiten und Strategien entwickeln.“ Die deutsche Einheit ist für die damals gut 20-Jährige längst etwas Selbstverständliches. Ob sie sich an Kommilitonen aus den neuen Bundesländern erinnert? Suding denkt lange nach, sagt dann: „Nein. Das spielte keine Rolle. Für mich war das immer ein Land.“ Selbst Politik zu machen, kommt ihr damals noch nicht in den Sinn, dafür ist auch gar keine Zeit.

Noch während des Studiums zieht sie 1999 nach Hamburg und jobbt in einem Internet-Start-up, das ein Bekannter aus Vechta gegründet hat. Parallel schreibt sie an ihrer Examensarbeit, der Firmengründer Christian Suding wird ihr Ehemann, 2001 geht die Firma im Zuge des Platzens der Internet-Blase den Bach runter, sie wechselt zum Otto-Versand, 2002 kommt ihr erster Sohn auf die Welt, mit Baby auf dem Schoß büffelt sie für das Examen, 2004 folgt Sohn Nummer zwei. Eigentlich ist jetzt nur noch Raum für Familie und die Doktorarbeit über TV-Duelle vor Wahlen. Doch den Plan durchkreuzt Gerhard Schröder.

Suding will in ihre Arbeit Befragungen im Vorfeld der für 2006 geplanten Bundestagswahl einbeziehen. Doch als Kanzler Schröder im Mai 2005 nach der Schlappe seiner SPD bei der Wahl in NRW überraschend vorgezogene Neuwahlen ausruft, läuft ihr die Zeit weg. „Man kann sagen: Gerhard Schröder hat mir meine Doktorarbeit versaut“, sagt sie schmunzelnd. „Aber dafür hatte ich ja nun wieder Luft, etwas anderes zu machen.“ Und so macht Katja Suding sich als Kommunikationsberaterin selbstständig und tritt der Partei bei, in der sie sich am besten aufgehoben fühlt – obwohl die FDP damals nicht gerade als sexy gilt. In Hamburg ist sie seit 2004 nicht mehr in der Bürgerschaft vertreten, und im Bund wird seit 1998 ohne die Liberalen um Parteichef Guido Westerwelle regiert.

Im März 2006 unterschreibt Suding den Aufnahmeantrag des FDP-Kreisverbands Blankenese. Kurz darauf übernimmt die PR-Frau das Mitgliedermagazin „Große Freiheit“ der Landes-Partei, und der damalige Vorsitzende Wieland Schinnenburg bittet sie, sich auf einem Parteitag einmal kurz vorzustellen. „Ein traumatisches Erlebnis“, erinnert sich Suding. „Ich bin fast gestorben, als ich nur nach oben auf die Bühne gehen und meinen Namen sagen sollte.“ Angesichts ihrer heutigen Medienpräsenz klingt das kokett, aber wer ihre hölzernen Reden in den Anfangsjahren auf Parteitagen und anderen öffentlichen Veranstaltungen beobachtet hat, nimmt ihr die Scheu vor solchen Auftritten durchaus ab.

Dennoch gibt es von nun an kein Halten mehr. 2009 wird Suding Beisitzerin im Landesvorstand und kandidiert für den Bundestag. „Das war meine Idee, ich wollte das einfach mal ausprobieren“, sagt sie. Sie lässt professionelle Fotos machen, nutzt die Neuen Medien und erzielt mit 8,2 Prozent der Erststimmen einen Achtungserfolg. Die Hamburger FDP wird nun endgültig aufmerksam. „Die Katja“, wie sie alle nennen, „die wird mal was.“ Und zwar schneller als gedacht.

Als die Grünen am 28. November 2010 überraschend den Ausstieg aus der Koalition mit der CDU verkünden, erholt sich Suding in Ägypten von einem stressigen Großprojekt. Von heute auf morgen steht ihr Telefon nicht mehr still. Die Botschaft ist immer die gleiche: Du musst das jetzt machen. „Meine Handyrechnung war teurer als die ganze Woche Urlaub“, erzählt sie. „Als ich zurückkam, war die Ruhe vorbei. Und die ist bis heute nicht wirklich wieder eingekehrt.“

Es folgt eine Karriere wie im Zeitraffer. Anfang Januar 2011 wird sie in Hamburg Spitzenkandidatin, direkt im Anschluss bittet der strauchelnde Parteichef Westerwelle sie, ihn als Tischdame zum Ball vor dem Dreikönigstreffen der FDP zu begleiten. Sie packt ihr schwarzes Abi-Kleid ein („das einzig knitterfreie, das ich hatte“) und düst nach Stuttgart, obwohl sie „keine Ahnung hatte, was da passieren würde“. Nun, völlig überraschend sind da jede Menge Kameras, und völlig überraschend wollen die alle Bilder von dem bekennenden Homosexuellen Westerwelle und der strahlend schönen und zumindest bundesweit unbekannten jungen Frau an seiner Seite.

Bundestag, was auch Rösler das Amt kostet. Auf ihn folgt Christian Lindner.

Ähnlich schwankend läuft es in Hamburg: 2012 trennt sich das Ehepaar Suding, man hat sich „auseinandergelebt“. Die FDP-Rathaus-Fraktion macht zwar ordentliche Arbeit, aber im Hintergrund zerlegt sich die Partei – was auch mit der Fraktionschefin zusammenhängt. Etliche Altvordere der Liberalen halten Suding vor allem für ein Postergirl und kritisieren, wie sie und Parteichef Rolf Salo Getreue um sich scharen. Sichtbar wird der Riss, als Salo 2012 zurücktritt und es ihm und Suding nicht gelingt, ihren Favoriten Gerhold Hinrichs-Henkensiefken zum Parteichef zu machen. Das Amt erobert stattdessen die Bundestagsabgeordnete Sylvia Canel, die Suding in herzlicher Abneigung verbunden ist. 2013 tritt Suding dann selbst gegen Canel an – und verliert überraschend. Parallel zum Niedergang der Bundes-FDP sieht es erstmals so aus, als könnte auch der Stern von Katja Suding verglühen.

Doch 25 Jahre nach der „Wende“ gelingt auch ihr ein spektakulärer Umschwung – mit unfreiwilliger Hilfe von Canel. Nachdem die ihr Bundestagsmandat verloren hat, kündigt sie 2014 an, nun in die Bürgerschaft einziehen zu wollen – eine absurde Idee angesichts des „Zickenkriegs“, den sie und Suding seit Monaten führen. Die Fraktionschefin setzt alles auf eine Karte und stellt die Partei vor die Wahl: die oder ich. Das Ergebnis ist bekannt: Die FDP entscheidet sich mit großer Mehrheit für Suding, Canel tritt aus und gründet die Neuen Liberalen, Suding wird im Herbst 2014 nun doch Parteichefin. Die Hamburger FDP steht damals in Umfragen bei zwei Prozent.

Als die ARD ihre Beine inszeniert, gibt es eine bundesweite Sexismus-Debatte

Doch aus der gefestigten Machtposition heraus schafft Suding erneut das schier Unmögliche. Sie lässt sich als „Unser Mann für Hamburg“ plakatieren, sie posiert mit Parteikolleginnen als „Drei Engel für Lindner“ in der „Gala“, ist in den sozialen Medien präsent und bekommt unerwartet Schützenhilfe von der ARD: Dass die in einem Bericht über das FDP-Dreikönigstreffen sekundenlang ihre Beine inszeniert, löst bundesweit eine Debatte über Sexismus aus – und hilft nur Suding. Die Umfragewerte steigen, von zwei auf vier, von vier auf sechs Prozent, und schließlich kehrt die FDP im Februar mit 7,4 Prozent, ihrem besten Hamburg-Ergebnis aller Zeiten, in die Bürgerschaft zurück. Als fast logische Folge macht FDP-Chef Christian Lindner sie im Mai zu seiner Stellvertreterin.

Im Frühsommer 2015 ist Katja Suding endgültig ein deutscher Politikstar. Die Termine häufen sich, im Osten wie im Westen. „Ich nehme bei Auftritten im Osten keine Unterschiede zum Westen wahr“, sagt sie. Aber wenn man sich Wählerschaft und Wahlergebnisse anschaue, sei der Unterschied doch offensichtlich: „In dem Fall kann man einen Strich durchs Land ziehen.“

Dass sie ihre Karriere am Reißbrett geplant hätte, kann man ihr nicht nachsagen. Aber ganz so unschuldig, wie sie gern tut, ist sie daran nicht. „Ich war immer gern dabei und habe nie lange gezögert, wenn spannende Aufgaben anstanden“, gibt Suding zu und betont: „Aber ich mache das nicht wegen, sondern eher trotz des öffentlichen Trubels.“ Allerdings weiß sie diesen Trubel wie keine Zweite zu erzeugen und zu nutzen, für sich und ihre Partei. In diesem Sinn ist sie schlicht professionell.


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