Abendblatt-Serie

Plötzlich wurde die Zeit wichtiger als das Geld

Heiko Hubertz vor einem Bild von Udo Lindenberg in seinem Penthouse mit Alsterblick

Heiko Hubertz vor einem Bild von Udo Lindenberg in seinem Penthouse mit Alsterblick

Foto: Roland Magunia

Wie verändern sich Zeiten und Menschen in einem Vierteljahrhundert? Prominente erinnern sich. Teil 11: Internetmillionär Heiko Hubertz.

Als sich am 1. Juli 1990, einem Sonntag, Hunderttausende von DDR-Bürgern aufmachten, um ihre 100 Westmark als Willkommensgeschenk abzuholen, war Heiko Hubertz noch ein Teenager, hatte aber ebenfalls schon ein Auge aufs Geldverdienen geworfen. Die Frauen und Männer in Sachsen und Thüringen reihten sich in langen Schlangen an den hastig aufgebauten Bankschaltern in Schulen oder Volkspolizeidienststellen auf und tauschten ihr Erspartes für den Trabi ein – gegen die lang ersehnte harte Währung. Und der Junge mit den braunen Haaren und dem Rehblick radelte durch seine Heimat Heide, einen beschaulichen Ort nahe der Nordsee, und klingelte an den Türen der Nachbarn. Er half ihnen dabei, ihre Computer wieder flottzumachen. Heiko Hubertz verdiente sich mit seinem frühen Faible für Technik schon als Schüler ein paar Mark, „für Fußballschuhe und so etwas“, erinnert er sich. Heute ist Heiko Hubertz 39 Jahre alt. Und mit einem Vermögen von mehr als 250 Millionen Euro einer der reichsten Hamburger.

Vielleicht war der Unternehmer mit seiner Neigung früher ein Nerd. Einer, der sich in seinem Kinderzimmer tagelang vergrub und, mit blassem Teint und viereckigem Blick, erst zufrieden war, wenn der Rechner das machte, was er wollte. Doch die Beharrlichkeit sollte sich auszahlen. Denn wenige Jahre später baute er mit Visionen und viel Gefühl für den Markt eine Internetfirma auf. Die Hamburger Bigpoint mit zeitweise mehr als 800 Mitarbeitern. Die Firma, die ihm heute ein Leben im Luxus erlaubt. Ein Leben, das sich abspielt zwischen Wohnsitzen im Mittelmeer und der Wahlheimat Hamburg. Er besitzt eine Finca auf Mallorca und ein Penthouse auf der Uhlenhorst, mit Bildern von Udo Lindenberg an den Wänden und einem fantastischen Blick auf die Alster.

Selbstverständlich sind diese Annehmlichkeiten des Establishments für Hubertz nicht. „Mein Vater war Zeitsoldat bei der Bundeswehr, meine Mutter Erzieherin, als Kind konnte ich mir nicht alle Wünsche erfüllen“, erinnert sich der Unternehmer mit den raspelkurzen Haaren. In Jeans und weißem Hemd sitzt er in seinem Büro, an der Wand ein alter 60er-Jahre-Kühlschrank, auf dem Flur ein Tischkicker, und erzählt von seiner Karriere. Von den Zufällen, Begegnungen und Begabungen, die ihn reich machten.

„Wäre ich in der DDR groß geworden, hätte ich die Möglichkeit nicht gehabt“

Der kleine Heiko ist noch in der Grundschule, als es für seinen Vater Zeit ist für einen Neuanfang: Sein Vertrag bei der Bundeswehr wird auf­gelöst. Eine Umschulung steht an, zum EDV-Fachmann, wie es damals heißt. Der erste PC kommt ins Elternhaus. Ein Computer zum Arbeiten. Nicht zum Spielen, wie bei den anderen Jungen aus wohlhabenderen Familien, die verregnete Nachmittage an ihren Amigas verbringen. „Ich wollte auch spielen“, erinnert sich Hubertz. Doch die Eltern lassen sich nicht erweichen, das wenige Geld in einen Daddelrechner zu stecken. Da ergreift der Sohn selber die Initiative. „Ich begann die Games zu programmieren.“ Schon mit neun Jahren sitzt er am Schreibtisch, pinnt die Programmiercodes aus Fachzeitschriften ab und experimentiert am Arbeitsgerät des Vaters. Stunden über Stunden, bis das erste Spiel endlich fertig ist: ein Flugsimulator. Eine eigene Realität mit Start- und Landebahnen und dem erhebenden Gefühl, sich die Welt von oben anschauen zu können. Es geht um Freiheit und erfordert Fingerfertigkeit, während die anderen Kinder noch die kleinen Pac-Man-Monster durch schwarze Labyrinthe jagten. „Wenn ich in der DDR groß geworden wäre, hätte ich diese Möglichkeiten wohl nicht gehabt“, sagt Hubertz.

Was möglich und was fern jeder Vorstellungskraft für die Menschen hinter dem Eisernen Vorhang ist, das erfährt der Gymnasiast durch die Freundschaft zu einem Jungen aus dem sozialistischen Nachbarland, dessen Eltern einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Plötzlich ist Markus aus dem Osten ein Klassenkamerad, einer von denen, die man sonst nur aus dem Fernsehen kennt; die über Zäune klettern, um in den Westen zu gelangen. „Er war in der Schule immer der Beste, hatte uns schon von Anfang an vieles voraus, war ernsthafter“, sagt Hubertz. „Was er sagte, war für mich Gesetz.“ Den Eindruck, dass DDR-Bürger gebildeter seien als die Nachbarn aus dem Westen, habe er sich nach dieser Erfahrung bis heute bewahrt.

Als dann die Mauer fällt, wirkt die Nachricht für die meisten Jungen aus Heide, immerhin 160 Kilometer weit weg von der Grenze, wie ein Krimi, eine Abenteuergeschichte. Nicht wie ein reales, epochemachendes Ereignis. „Wir konnten die Tragweite noch nicht ermessen“, sagt Hubertz.

Jahre später, die Wachtürme an den Zäunen sind abgebaut, die Wiedervereinigung wird zum gelebten Alltag in den „neuen“ und „alten“ Ländern, tritt eine neue Grenzenlosigkeit in das Leben der Menschen – das Internet. Diese revolutionäre Technologie bringt eine weltweite Freiheit. Im Netz fallen die Grenzen für Informationen, Meinungen und Meldungen rund um den Globus. Durch die Möglichkeit, seine Unzufriedenheit mit herrschenden Regimen auszudrücken und andere Menschen weltweit auf unhaltbare Zustände aufmerksam zu machen, fällt so manche Diktatur, in Nordafrika, in Asien.

Für Hubertz ebnet das Internet schon früh den Weg für sein Unternehmen, das amerikanische Finanzinvestoren später mit 600 Millionen Dollar bewerten. Mit seiner Firma Bigpoint verfolgt er das anfangs noch revolutionäre Geschäftsmodell der kostenlosen Internetgames. Zwar sind die Spiele gratis, aber irgendwann stecken die Nutzer durch Anschaffungen für ihre Spielfiguren dann doch jede Menge Geld in ihr Hobby – um schneller zu Erfolgen zu kommen, um andere Player zu übertrumpfen. Beispiel Farmerama, neben Drakensang ein bekannter Bigpoint-Erfolg, bei dem Naturfreunde und Tierliebhaber ihre eigene Farm aufbauen können. Das Ganze bleibt natürlich virtuell, aber dennoch erwerben die Spieler Ackerland, Tiere oder Futter für Millionen.

Auf dem Höhepunkt des wirtschaftlichen Erfolgs verkauft Hubertz Anteile an seiner Firma und wird damit über Nacht zum Multimillionär. Auch aus der Verantwortung zieht er sich vor zwei Jahren komplett zurück und verabschiedet sich auf Weltreise. Er handelt sich bei konservativen Marktbeobachtern Kritik für diesen Schritt ein, denn es ist absehbar, dass das Geschäft schwieriger wird. Wachsende Konkurrenz, teurere Spiele für anspruchsvollere Kunden bedrängen Bigpoint, einige Beschäftigte müssen gehen.

Lässt Hubertz seine Mitarbeiter im Stich, während das Schiff beginnt zu sinken? Genau wie andere Internetunternehmer wie Xing-Gründer Lars Hinrichs oder die Berliner Samwer-Brüder erklärt er seinen Rückzug mit der Unternehmens- und Führungsphilosophie der digitalen Wirtschaft. Warum soll derjenige, der die Ideen und Visionen hat, zugleich ein guter Motivator für Hunderte Mitarbeiter sein?

Hubertz sieht sich als Macher, aber nicht als Manager. Die Werte von Unternehmenspatriarchen, die über Jahrzehnte mit und für ihren Betrieb leben, zählen in der Generation der jungen Gründer nicht mehr. Auch sie schaffen etliche Arbeitsplätze, gehen mit eigenem oder dem Geld von Business Angels hohe Risiken ein, aber verheiratet sind sie mit den Firmen nicht.

Der Geldsegen hat dem Unternehmer kein glücklicheres Leben beschert

Hat der Geldsegen einen Mann wie ihn glücklich gemacht? Nicht unbedingt und nicht sofort. Was für Menschen aus Dresden oder Dessau zur Wende wie ein Traum erschien, mit der D-Mark die Eintrittskarte zum Konsumrausch und zu Fernreisen zu besitzen, brachte den Hamburger an den Rand der Überforderung: „In dem Moment, als ich finanziell unabhängig war, fielen alle möglichen Träume und Ziele weg“, erinnert sich der Unternehmer an den Tag, als er durch den Verkauf seiner Firma plötzlich so viel Geld auf dem Konto hatte, dass er niemals wieder würde arbeiten müssen. Damals beschreibt er seine Pläne in einem Interview mit dieser Zeitung: „Ich habe gemeinsam mit meiner Freundin das Unternehmen aufgebaut, und wir haben oft 14 bis 16 Stunden am Tag hier gesessen. Jetzt wollen wir im nächsten Jahr heiraten und uns um die Familienplanung kümmern. Dazu nehmen wir uns jetzt die Zeit, bevor es zu spät ist.“ Auf der anschließenden Reise durch Australien, Lateinamerika und Asien, für viele Menschen der Traum vom Leben, zerbricht seine Beziehung. Seine Freundin versteht den sonst so ehrgeizigen und zielstrebigen Partner nicht mehr. Seine neue Haltlosigkeit wird zum Problem. Das Ziel, bald eine Familie gründen zu wollen, um nicht als alter Vater vor dem Kindergarten stehen zu müssen, konnte Hubertz nicht wahrmachen.

Heute, einige Jahre sind vergangen, hat Heiko Hubertz seine neue Mitte gefunden. Gemeinsam mit seiner neuen Partnerin, einer Anwältin, wohnt er am östlichen Alsterufer, spielt hin und wieder Golf. Beruflich ist er wieder auf dem Gründertrip. Seine neue Firma „whow“ bringt Casino­spiele ins Internet. „Die Leute können dabei kein Geld gewinnen, aber Sachpreise“, sagt Hubertz. Etwa ein Interview mit einem HSV-Spieler oder ­gemeinsames Teetrinken mit Otto Waalkes.

Es geht also wieder um Geld und Spiele, wie zu Beginn seiner Karriere. Allerdings: Ein Teil der Einnahmen fließt karitativen Organisationen zu. Auf seiner Weltreise hat Heiko Hubertz viel Leid gesehen. Mit Internetprojekten in armen Ländern helfen zu können, das ist heute sein Traum. Die meisten anderen Wünsche hat sich der Hamburger schließlich schon erfüllt.

Nächsten Donnerstag in Folge 12 unserer Serie:
Fernsehmoderator Reinhold Beckmann