Hamburg

Helmut Schmidt im vollen Thalia-Theater

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Der Altbundeskanzler schlägt sich gut bei einem seiner ersten öffentlichen Auftritte nach Lokis Tod. Natürlich mit Menthol-Zigarette.

Hamburg. Nur wenige Wochen nach dem Tod seiner Frau Loki ist der Altbundeskanzler im vollen Thalia Theater. Mit seinem Vorgänger bei der Wochenzeitung Theo Sommer, sprach der 91-Jährige Zeit-Herausgeber über seine Karriere als Publizist und Politiker. Schmidt wurde vom Publikum in seiner Heimatstadt mit minutenlangem Beifall und stehenden Ovationen begrüßt. Der Altkanzler blickte währenddessen zu Boden, die so bekundete Anteilnahme schien ihn zu erschöpfen. Erst im Gespräch mit Theo Sommer und Moderator Matthias Naß, dem stellvertretenden Chefredakteur der "Zeit", schien Schmidt wieder gefasst und ganz in seinem Element. Gewohnt prägnant und mit dem für ihn typischen, trockenen Humor gab er seine Einschätzungen zum aktuellen politischen Geschehen und zu vergangenen Erlebnissen aus seiner Zeit als Politiker und als Herausgeber der "Zeit" ab. Die obligatorischen Mentholzigaretten hatte er nicht vergessen.

In dem gut zweieinhalbstündigen Gespräch kritisierte Schmidt unter anderem die Führungsschwäche und die Uneinigkeit innerhalb der Europäischen Union. Diese Uneinigkeit könne dazu führen, dass Europa in der Zukunft zu einem bloßen Objekt fremder Beschlüsse werde. Die Europäer würden Ende des 21. Jahrhunderts nur noch fünf Prozent der Weltbevölkerung ausmachen: Sei man sich dann nicht einig, sei es "nicht ganz schwer" für die Weltmächte, Europa so zu behandeln, wie es das dann auch verdient habe: "Als Nebensache", sagte der Altkanzler. Die Europäer müssten an einem Strang ziehen. "Demokratie ohne den Willen zum Kompromiss kann nicht funktionieren", sagte der SPD-Politiker.

Der momentanen politischen Führung attestierte er nicht nur mangelnden Einigungswillen: "Das ist auch ein Mangel an Fähigkeit." Vielen europäischen Politikern fehle der Überblick. Für ihn bestehe "überhaupt kein Zweifel" daran, dass die Deutschen in der augenblicklichen Krise der Euro-Zone helfen müssten, sagte Schmidt, der in wenigen Tagen 92 wird. Die sich verschiebenden Machtverhältnisse auf der Welt beurteilt der Hanseat pragmatisch: Ein Land wie Deutschland, das fast die Hälfte seines Bruttosozialproduktes exportiere, könne es sich nicht leisten, darüber zu philosophieren, ob der chinesische Pseudokapitalismus richtig sei.

Als Moderator Naß Helmut Schmidt am Ende des Gespräches dann "gerade in diesem Jahr" ein frohes Fest wünschte, blickte der im Rollstuhl sitzende 91-Jährige wieder bedrückt zu Boden. Die stehenden Ovationen wollte er nicht mehr entgegennehmen und ließ sich von der Bühne schieben.

(dapd)

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Loki Schmidts letztes Buch erscheint

Das letzte Buch von Loki Schmidt erscheint knapp zwei Monate nach ihrem Tod. In 20 Gesprächen erzählt sie von "großen und kleinen Dingen" und gibt Einblick in ihr außergewöhnliches Leben an der Seite des Altkanzlers. Alle zwei Wochen traf sich Reiner Lehberger mit Loki Schmidt bei einem Kaffee und vielen Zigaretten. Was bedeutete ihr Kunst? Wann fing sie an, Hosen zu tragen? Und was wird mit ihrem Namen in Erinnerung bleiben? Das sind nur einige der Fragen, die er der Frau von Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) in ihrem Haus in Hamburg-Langenhorn stellte. Das letzte Kapitel "Helmut" sei nur wenige Wochen vor ihrem Tod beendet worden, erklärt Lehberger. Der Leiter des Lernwerks der Zeit-Stiftung kannte die ehemalige Lehrerin Schmidt seit 15 Jahren.

An diesem Mittwoch erscheint offiziell das gemeinsame Buch "Auf einen Kaffee mit Loki Schmidt". Neben ihren Herzensthemen Naturschutz oder Bildung geht es in den 20 Gesprächen auch um Mode, Medien, den Wandel des Frauenbildes oder die Gebrechen des Alters. Außerdem gibt es persönliche Einblicke in das bewegte Leben der Kanzlergattin, Mutter, Botanikerin, Pädagogin und Hamburger Ehrenbürgerin, die am 21. Oktober im Alter von 91 Jahren starb.

Als Tochter eines Werftarbeiters kam Hannelore Glaser 1919 in Hamburg zur Welt und nannte sich selbst bald Loki. Malerei habe in ihrem Elternhaus eine bedeutende Rolle gespielt, sagt Schmidt etwa im Kapitel "Kunst und Malerei". Freitags, wenn es Geld gab, habe der Vater der Mutter Schokolade und den Kindern eine Kunstpostkarte mitgebracht. "Bilder haben mich ganz selbstverständlich durch mein ganzes Leben begleitet." Später bemalte sie selbst Teller der Porzellanmanufaktur Rosenthal mit Pflanzen: "Die sind weggegangen wie ich weiß nicht was".

1942 dann die Hochzeit mit Helmut Schmidt, mit dem sie schon seit ihrer Schulzeit befreundet ist. "Meinen ersten Kuss habe ich von ihm erhalten, da war er wohl fünfzehn", berichtet sie in dem Buch. Und ja, "selbstverständlich" würde sie ihn noch einmal heiraten. Sicher habe es auch Krisen gegeben. "In einem so langen Leben gibt es natürlich Phasen, wo man das Gefühl hat, es klappt hier nicht und es klappt da nicht und an sich selbst zweifelt. Ich glaube das gehört einfach zum menschlichen Leben dazu."

Das Buch wird nun, zwei Monate nach Loki Schmidts Tod, ohne sie veröffentlicht. „Das ist ohne Zweifel traurig“, schreibt Lehberger in seinem Vorwort. „Aber realistisch, wie sie war, hätte sie vielleicht gesagt: Ist doch schön, dass wir es fertig bekommen haben.“

(dpa)