Hamburg

Urteil im "20-Cent-Prozess" entsetzt Eltern des Opfers

Foto: Michael Arning

Das Hamburger Landgericht verurteilt die beiden jugendlichen 20-Cent-Schläger zu knapp vier Jahren Haft. Eine sehr umstrittene Entscheidung.

Neustadt. Kreidebleich, mit starrer Miene, verlässt der 70-Jährige den Gerichtssaal. Werner J. ist fassungslos. Er hat gerade erfahren, dass die Jugendlichen, die schuld sind am Tod seines Stiefsohnes, nach drei Jahren wieder auf freien Fuß kommen werden. "Die haben ihr ganzes Leben noch vor sich", sagt der Senior. Er klingt verbittert.

Gestern hat das Landgericht das Urteil im "20-Cent-Fall" verkündet. Ein umstrittenes Urteil, das Strafverteidiger Siegfried Schäfer als unangemessen hoch, Strafrechtsprofessor Bernd-Rüdeger Sonnen als ausgewogen, und die Hinterbliebenen des Opfers als viel zu milde empfinden. Drei Jahre und vier Monate Haft für Onur K., 18, drei Jahre und zehn Monate für Berhan I., 17 - "das ist schlicht ein Skandal", sagt Vera J., die Mutter des Opfers. Sie hatte auf eine deutlich härtere Strafe gehofft.

Die Jugendlichen aus Wilhelmsburg waren nach Überzeugung der Kammer auf Krawall aus, als sie im Juni 2009 am Bahnhof Harburg dem Dachdecker Thomas M. begegneten. Sie bettelten ihn erst an, um 20 Cent, dann schlugen sie zu, weil der 44-Jährige nicht zahlte. Ein Faustschlag von Onur K. landete im Gesicht des 44-Jährigen, der ungebremst mit dem Hinterkopf aufs Pflaster knallte. Vier Wochen später erlag er seinen Kopfverletzungen.

Für die Richter ist das der entscheidende Punkt: Nicht die anschließenden Tritte gegen den Kopf des am Boden liegenden Opfers hätten den Dachdecker getötet, sondern dieser eine Faustschlag. Einen Tötungsvorsatz können sie ihnen nicht nachweisen, und deshalb sind die Jugendlichen auch nicht wegen Totschlags dran, sondern wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge. Die Tat sei aus reiner Streitsucht entstanden. "Selbst wenn Herr M. gezahlt hätte, hätten die Jugendlichen auf ihn eingeprügelt", sagt Gerichtssprecher Conrad Müller-Horn.

Die Harburger Bluttat steht in einer Reihe von Fällen enthemmter Jugendgewalt, die Hamburg zuletzt erschüttert und eine Diskussion über den Umgang mit jungen Gewalttätern ausgelöst haben. Ein 15-Jähriger, vor vier Wochen zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt, hätte einen jungen Mann bei einem Raubüberfall in Billstedt beinahe totgetreten. Der wegen Totschlags angeklagte Elias A., gerade mal 16, erstach im S-Bahnhof Jungfernstieg einen Schüler.

Es sind junge Kerle mit rasierten Schädeln, dicker Strafakte und katastrophaler Sozialprognose, Täter wie Onur K. und Berhan I., die bereits mehrfach angeklagt wurden - und nun erstmals ins Gefängnis müssen.

Das letzte Wort ist indes noch nicht gesprochen. Siegfried Schäfer, Verteidiger von Onur K., kündigte direkt nach dem Urteil Revision an. "Die Urteilsbegründung beruht auf Spekulation", so Schäfer. "Wenn die schriftliche Begründung so aussieht wie die mündliche, sehe ich gute Chancen, dass das Urteil aufgehoben wird." Nach der öffentlichen Hetze kriege sein Mandant jedenfalls "kaum Luft vor lauter Schuld".

Für die Mutter wäre eine zweite Runde vorm Bundesgerichtshof die Höchststrafe. In der aktuellen Verhandlung sei "alles schiefgelaufen, was schieflaufen konnte", sagt Vera J. So mussten die Jugendlichen wegen eines Terminierungsfehlers des Vorsitzenden Richters im Mai frühzeitig aus der Untersuchungshaft entlassen werden - eine Justizpanne mit fatalen Folgen.

Kaum fünf Wochen auf freien Fuß, brach Berhan I. seiner Freundin Jennifer O., 18, das Wadenbein. Auf dem Gelände einer Berufsschule an der Burgstraße, so die Staatsanwaltschaft, soll er sie mit den Worten "Du schuldest mir Geld, das musst du jetzt für mich anschaffen" bepöbelt, ihr die Beine weggezogen und getreten haben. Anschließend soll er die junge Frau gewürgt haben. Die Staatsanwaltschaft hat ihn bereits wegen schwerer Körperverletzung angeklagt, demnächst wird in Harburg verhandelt, und der Schläger ist dann wieder dort, wo er einen guten Teil der letzten zwölf Monate verbracht hat: im Gerichtssaal.