Mit dem VW-Bus nach Südafrika

WM 2010: 18.500 Kilometer vom Kiez zum Kap

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Bald starten Bernd Volkens und Kay Amtenbrink vom Millerntorstadion des FC St. Pauli ihre Abenteuer-Tour nach Südafrika.

Hamburg. Bald starten Bernd Volkens und Kay Amtenbrink vom Millerntorstadion des FC St. Pauli ihre Abenteuer-Tour: In vier Monaten mit einem 18 Jahre alten VW-Bus unterwegs nach Südafrika. In Ägypten steigt Maria Pineiro für zehn Wochen dazu.

Wie viele Biere für die ausgelassene Stimmung gesorgt hatten, lässt sich nicht mehr genau eruieren. Zweifelsfrei erwiesen ist nur, dass es feuchtfröhlich zuging an jenem Donnerstag im September 2009, als Bernd Volkens und Kay Amtenbrink, ihres Zeichens Mittelstürmer und Mittelfeldrenner der "Achten Herren" des FC St. Pauli, im Klubheim des Millerntorstadions in der Südtribüne saßen und einen kühnen Plan schmiedeten: "Wir wollen die intensive Stimmung bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland noch einmal erleben - in Südafrika!" In glänzender Bierlaune fügten sie hinzu: "Mit dem Flieger? Bloß nicht. Wenn schon, dann mit dem Auto, nach dem Motto: Richtung Süden fahren, bis es nicht mehr weitergeht, ohne an den Rückweg denken zu müssen."

Als der Kater am nächsten Tag verflogen war, wirkte die Idee immer noch stark euphorisierend, zumal Volkens Freundin Maria Pineiro sofort ihr konkretes Interesse anmeldete, die beiden Freunde in Afrika ein Stück des Weges zu begleiten.

Nach einem Klick im Internet gab es kurz darauf kein Zurück mehr. Beim Auktionshaus Ebay ersteigerten die beiden Hamburger für 5600 Euro einen 1992er T 3 Syncro, einen VW-Bulli aus dem letzten Baujahr mit läppischen 350.000 km auf der Uhr.

Ein Schnäppchen, war sich Volkens sicher, der als Auto-Journalist vom Fach ist und in seiner Freizeit gerne an Oldtimern schraubt. Doch bald stellte sich heraus, dass der Transporter für eine Fahrt zum Beispiel nach München zwar technisch gut gerüstet wäre, nicht jedoch für einen 18 500-Kilometer-Trip, der nicht nur auf glattem Asphalt, sondern auch Schotter und Schlamm zurückgelegt würde. Die beiden 40-Jährigen entschieden sich, auf Nummer sicher zu gehen und tauschten für insgesamt 4000 Euro das Getriebe und weitere potenzielle Schwachstellen aus. Volkens: "Das Teilenetz ist bekanntlich in Afrika nicht ganz so dicht ..."

Nun ist der Bulli startbereit. Am Freitagabend, nach dem Zweitligaspiel der "Ersten Herren" des FC St. Pauli gegen den KSC, feierten sie mit Freunden ihre Abschiedsparty, standesgemäß natürlich auf dem Kiez. Nächste Woche, voraussichtlich am Donnerstag, besteigen Amtenbrink und Volkens ihr Vehikel, das für die kommenden vier Monate ihr Zuhause sein wird.

Wenige Stunden zuvor präsentierten sie ihr neues Schmuckstück genau dort, wo die Idee entstand. Richtig stolz sieht der VW-Bus trotz seines Alters inzwischen aus, kräftig blubbert der Dieselmotor, obwohl er nur bescheidene 70 Pferdestärken leistet, als er auf den verschneiten Parkplatz vor der Südtribüne einbiegt. Auf dem Lack sind die Flaggen der Nationen auf der vorgesehenen Route und der afrikanische Kontinent verewigt. Nur der nicht mehr taufrische Geruch der noch nicht ganz fertigen Inneneinrichtung erinnert dann doch an das fortgeschrittene Alter. Ein paar Regale hier, Schubladen mit doppeltem Boden für Wertsachen, in den kommenden Tagen geht es ans Feintuning. Und groß? Nein, groß wirkt der betagte Wagen wirklich nicht für eine Dauerbehausung, zumal nicht nur Harmonie pur angesagt sein dürfte. "Das wird sicher interessant, da wir nicht nur beim Fußball auch mal kräftig aneinander rasseln und verschiedener Meinung sind", betont Volkens. "Vor zehn, 15 Jahren hätte ich mir solch eine Tour bei meiner aufbrausenden Art nicht zugetraut, das wäre nicht gut gegangen. Heute kann ich das lockerer wegatmen."

"Vom Kiez zum Kap" haben Amtenbrink und Volkens ihr waghalsig scheinendes Unternehmen getauft. Wenn in Kapstadt am 11. Juni um 20.30 Uhr das WM-Spiel Uruguay gegen Frankreich angepfiffen wird, wollen die Fußballfans im Stadion sitzen. Für alle fünf Gruppenspiele und ein Achtelfinale an der Südspitze des Landes haben sie beim Fußball-Weltverband Fifa Karten beantragt. Gleich doppelt, um sicherzugehen. Bekommen haben sie pro Spiel vier Tickets - also 24. Viel zu viele. "Aber die kriegen wir sicher noch an den Mann", glaubt Amtenbrink, der als selbstständig arbeitender Grafik-Designer weniger Mühe hatte als Volkens, sich so lange unbezahlten Urlaub zu genehmigen.

Maria Pineiro, deren Wurzeln im galizischen Vigo liegen, die aber in Heidelberg geboren ist, überwacht beruflich den Bau von Windparks in Spanien und Portugal. Und sie pfeift auf die WM. Die 37-Jährige hat nämlich null Ahnung von Fußball und beabsichtigt auch nicht, an diesem Zustand in näherer Zukunft etwas zu ändern. Beim WM-Start wird sie längst wieder in Deutschland angekommen sein.

Für sie ist noch viel mehr als die beiden Männer der Weg das Ziel. In Scharm El-Scheich am Roten Meer will Maria Pineiro für zehn Wochen zu den WM-Reisenden dazustoßen, Land und Leute genießen und während der behutsamen Fortbewegung - viel mehr als 100 km/h fährt der Bus sowieso nicht - entschleunigen: "Ich freue mich auf eine unglaubliche Entspannung und das Wiederentdecken der Langsamkeit. Ohne iPhone oder Blackberry", sagt sie. Schon bei früheren Rucksackreisen in Südamerika und Afrika hat sie festgestellt, wie ruhig ihr Puls blieb, obwohl sie zwölf Stunden an einer Station auf einen Bus warten musste.

Allen Ballast zurückzulassen, das reizt auch Amtenbrink, der seine 19. Reise nach Afrika antritt, was kein Wunder ist, da seine Schwester in Südafrika lebt. In seiner Reisetasche sollen nur "Stiefel, Flipflops, Chucks, zwei Büchsen, eine Jeans und eine Stoffhose sein. Fertig." T-Shirts? Kann man unterwegs kaufen. " Wenig Sachen dabeizuhaben, macht dich frei", ist auch Volkens sicher.

Wenig Planung auch. Die Ursprungsidee, in jedem Land ein Fußballspiel anzuschauen, wird nicht mehr zwingend verfolgt. Klar ist nur, dass ein Fußball im Gepäck ist. "Wir entscheiden kurzfristig über die Route und bauen darauf, dass uns die Menschen Tipps geben, wo es besonders schön ist." Die Aufenthaltsdauer in einem Land ist sowieso nicht genau zu bestimmen. Trotz direkter Grenze zwischen Ägypten und dem Sudan müssen die Abenteurer wegen komplizierter Einreisebestimmungen eine Fähre benutzen, die allerdings nur einmal pro Woche fährt. Durch Ägypten geht es nur im Konvoi.

Aber gerade diese Erfahrungen reizen so. "Wir wollen nicht einfach irgendwo hinfliegen und uns in ein Hotel einquartieren", sagt Maria Pineiro, "sondern uns auf die jeweilige Infrastruktur einlassen, die geografischen Übergänge erleben. Und wenn uns der Sprit ausgeht, muss uns eben der Bauer sagen, woher wir neues Benzin bekommen."

Nein, Kay Amtenbrink, Bernd Volkens und Maria Pineiro sind keine naiven Hasardeure, sondern reiseerfahren, alle drei haben sich mit neun Impfungen gegen Krankheiten wie Cholera, Typhus, Gelbfieber geschützt. Im Notfall kleine Wunden selbst zu nähen, hat Amtenbrink in Heimarbeit gelernt.

Doch sie wissen auch um das Sicherheitsrisiko, als Weiße durch arme Länder zu fahren. "Mein Vater war richtig geschockt, als ich von unserem Trip erzählte und meinte, er wolle mich nicht überleben", sagt Volkens, der wie Amtenbrink auf eine defensiv ausgelegte Verteidigungstaktik setzt: "Wegen einer Kamera werde ich ganz sicher nicht mein Leben riskieren." Und na klar, in den Städten müsse der Wagen sicher stehen: "Da steckt viel drin, was wir brauchen."

Spätestens am 1. Juli, noch vor dem WM-Finale am 11. Juli, muss Volkens wieder seinen Dienst antreten. Mehr als 10 000 Euro will er nicht an Reisekosten (auch mal für Hotelübernachtungen) investiert haben. "Aber jetzt freue ich mich erst mal total, für lange Zeit raus aus dem Stress zu sein. Unser einziger Auftrag lautet: Den Bus von hier nach Südafrika zu fahren."

Wenn der Wagen durchhält und nicht abhanden kommt, wird er voraussichtlich mit einem Schiffscontainer zurück nach Deutschland gebracht. Ein Verkauf würde sich finanziell angesichts der teuren Zollgebühren nicht lohnen - ganz abgesehen von der emotionalen Bindung. "Verkaufen kommt nicht infrage", sagt Amtenbrink. "Wer weiß, vielleicht lassen wir das Auto auch eine Weile in Kapstadt und verschiffen es dann nach Montevideo. Schließlich steht 2014 schon die nächste interessante WM in Brasilien an."