Bootsbau

Wenn die Reichen bei ihren Yachten knausern

Foto: HA / A.Laible

Kurzarbeit im Segelparadies: Die Bootswerft Henningsen & Steckmest in Kappeln steht für eine verunsicherte Branche. Ein Besuch.

Kappeln. Mahagoni und Teak, feinste Hölzer im offenen Rohbau eines Kunststoffrumpfes. Rund 5000 Arbeitsstunden werden in der zehneinhalb Meter langen edlen Segelyacht am Ende stecken. Fast jedes Teil der Inneneinrichtung und des Decks fertigen und verfeinern die Bootsbauer von Hand. Für Rolf Steckmest, den Inhaber der Bootswerft Henningsen & Steckmest in Kappeln an der Schlei, ist es ein besonderes Boot: das erste seit vielen Jahren, das die Werft ohne Auftrag eines Kunden baut.

"Wir fertigen es zunächst auf eigene Rechnung an, um die Arbeitsabläufe in Gang zu halten, letztlich auch für unsere drei Auszubildenden", sagt Steckmest. "Später werden wir sehen, wie wir es verkaufen können." Eine Situation, die derzeit Normalität ist für die Bootsbauer an der Schlei zwischen Flensburg und Eckernförde - dem wichtigsten Zentrum des traditionellen Bootsbaus in Norddeutschland. Werften, Segelmacher, Technikunternehmen und Ausrüster leiden darunter, dass das Geld bei den Reichen nicht mehr so locker sitzt.

Der Bundesverband Wassersportwirtschaft (BVWW) in Köln bestätigt diesen Trend für die gesamte Branche. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei rund 1,6 Milliarden Euro, gegenüber fast 1,9 Milliarden Euro im bisherigen Rekordjahr 2007. "Manche Segmente unserer Branche haben in der Krise kaum oder gar nicht gelitten, etwa der Markt für Charterboote, das Ausrüstungsgeschäft oder der Tauchsport", sagte Jürgen Tracht, Geschäftsführer des BVWW. "Am stärksten hat es den Bootsbau getroffen, und dabei wiederum vor allem das Segment der hochpreisigen Motor- und Segelyachten. Bis 2007 gab es hier extreme Zuwachsraten - nun aber ist der Markt mit gebrauchten, hochwertigen Booten in ganz Europa verstopft."

Das Hauptprodukt von Henningsen & Steckmest sind Yachten der Eigenmarke "Scalar", Segelboote zwischen neuneinhalb und rund zwölf Metern Länge. Sie besitzen einen Rumpf aus dem Verbundkunststoff GfK, ähnlich denen von Booten, die in größeren Serien gefertigt werden. Alles in und auf einer "Scalar" aber besteht aus wertvollen Hölzern und Materialien, gebaut nach den Wünschen der Auftraggeber. Doch es fehlen die Kunden, die ihre teuren Bootsträume auch berühren wollen und bezahlen können.

"Scalar"-Yachten zählen zu den feinsten, die der deutsche Bootsbau zu bieten hat. Zwischen 200 000 Euro und mehr als 400 000 Euro kosten die Modelle, je nach Größe und Ausstattung. Mindestens sieben Monate dauert es, eine "Scalar" zu bauen. Rund 100 Boote dieses Typs hat die Werft seit Beginn der 70er-Jahre verkauft. Und fast die Hälfte davon liegt noch immer dort, wo sie einst entstanden, bei Henningsen & Steckmest.

"Viele Kunden lagern ihre Boote hier im Winter ein und liegen auch im Sommer bei uns", sagt Steckmest beim Rundgang durch den werfteigenen Yachthafen mit seinen gut 150 Liegeplätzen. "Sie wollen eine Rundumbetreuung für die Wochen im Jahr, in denen sie - teils von weither - zum Segeln kommen." Eine Reihe von "Scalaren" aus vier Jahrzehnten dümpelt an den Stegen, auch Steckmests eigenes Boot, eine 34-Fuß-Yacht aus dem Jahr 1998 mit marineblauem Rumpf.

Der Yachthafen, das Reparaturgeschäft und aufwendige Renovierungen älterer Boote bilden das Fundament des Unternehmens in dieser schwierigen Zeit. "Ein schnelles Geschäft war die Entscheidung für eine ,Scalar'-Yacht noch nie", sagt Steckmest. "Mitunter kamen die Kunden erst zwei Jahre nach einer Bootsmesse, bei der sie unseren Stand besucht hatten, wieder zu uns und bestellten." Zwei bis drei Aufträge im Jahr verzeichnete die Werft früher und war damit gut ausgelastet. Die Wirtschaftskrise brachte das Neubaugeschäft zum Erliegen, die bislang letzte "Scalar" lieferte Henningsen & Steckmest im Sommer 2009 ab.

Rolf Steckmest begann Mitte der 60er-Jahre als Bootsbauer auf der Werft. Sein Vater und ein Geschäftspartner hatten das Unternehmen 1958 aus einer älteren Werft heraus gegründet. Rund 140 Segel- und Motoryachten hat Henningsen & Steckmest insgesamt gebaut, darunter die 100 "Scalar"-Yachten. Sämtliche "Scalar"-Modelle hat Rolf Steckmest selbst entworfen und gezeichnet. Zwar baut die Werft diese Boote seit 1990 nicht mehr komplett aus Holz, weil die Pflege und Wartung eines Holzrumpfes den Kunden zu aufwendig ist. Doch der Innenausbau mit Vollholz folgt nach wie vor der klassischen Yacht-Philosophie. Das allerdings in einer Zeit, in der sich auch der Bootsbau technologisch rasant verändert. "Technikpuristen oder Segler, die vor allem auf Geschwindigkeit setzen, kann man mit einer ,Scalar' nicht ansprechen. Das hier ist für ein ganz anderes Publikum gedacht", sagt Steckmest.

Doch wo ist dieses Publikum künftig zu finden? Bislang beschäftigt Steckmest 15 Mitarbeiter auf der Werft, der reine Hafen- und Winterlager-Betrieb laste jedoch nur fünf Angestellte aus. "Wir nutzen derzeit auch die Möglichkeit zur Kurzarbeit", sagt der Werftchef. Irgendwann braucht das Unternehmen auch wieder Neubauaufträge, um seinen Stamm erfahrener Bootsbauer und Tischler halten zu können.

Vielleicht ist das bereits die Herausforderung für die nächste Generation. Rolf Steckmest und seine Frau Renate nähern sich dem Rentenalter. Der 30-jährige Malte, einer der zwei Steckmest-Söhne, hat ebenfalls Bootsbau gelernt und will die Werft in absehbarer Zeit übernehmen. Als Meisterstück entwarf und baute er einen "Scalar Speedster", ein schnörkelloses, elegantes Holz-Motorboot im Design italienischer und amerikanischer Hersteller.

Ist das ein erster Schritt hin zu neuen Produkten und einer neuen Kundschaft? "Wir bauen Segelyachten, das werden wir auch in Zukunft tun. Aber der Geschmack der Kunden verändert sich natürlich im Lauf der Zeit", sagt Malte. Nicht nur die Boote, auch die Gewohnheiten von Seglern ändern sich: "Die Zeiten sind schnelllebig und hektisch. Vor allem jüngere Segler wollen sich mit ihrem Kapital nicht an eine Investition wie eine Yacht binden. Da chartert man im Urlaub lieber für ein paar Tage oder Wochen ein Boot. Für diesen Markt allerdings sind ,Scalar'-Yachten nicht geeignet."

So könnte der Generationswechsel irgendwann auch neuartige "Scalare" aus Kappeln hervorbringen. Mitunter diskutiere er mit seinem Vater schon mal kontrovers über die Farbgebung und die Kombination der Materialien bei den Hausyachten. "Aber da", lacht Malte Steckmest, "habe ich bislang noch nicht wirklich Gehör gefunden."