Konzert-Kritik

Er krächzt und knurrt: Bob Dylan hat den Blues in Hamburg

Bob Dylan bei einem Konzertauftritt (Archivfoto).

Bob Dylan bei einem Konzertauftritt (Archivfoto).

Foto: picture alliance / dpa

Die Songwriter-Legende gibt sich gewohnt knorrig beim Auftritt in der Barclaycard Arena. Seine Fans lieben ihn dafür.

Hamburg. Er war wieder mal da. Knapp zwei Stunden lang spielte Bob Dylan am Freitagabend vor rund 7000 Besuchern in der Hamburger Barclaycard Arena. Seine Popularität ist ungebrochen. Einst war er das politische Sprachrohr einer Generation, längst ist es Dylans Gesamtkunstwerk, das die Menschen jeden Alters zu ihm strömen lässt.

Wer in ein Dylan-Konzert geht, will eine Legende sehen. Mehr Erwartungen sollte man nicht haben. Denn ein Bob Dylan überrascht seine Besucher immer wieder mit Versionen seiner Songs, die diese manchmal bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Damit macht er auch deutlich, dass es ihm immer auch um die Worte geht, die oft genug als eine Art Sprechgesang aus ihm rausgedrückt werden.

"Things Have Changed" zum Auftakt in Hamburg

Seine Texte befreiten die Rockmusik erst von ihrer Banalität. „Erst nachdem ich Dylan intensiv gehört hatte, achtete ich peinlich genau auf Texte, auf Aussagen“, hat John Lennon einmal gesagt. Dylans Texte erzählen davon, dass er vor seiner Hinrichtung steht mit einer Schlinge um den Hals, dass die Leute verrückt und die Zeiten seltsam sind, dass sich die ganze Wahrheit in der Welt zu einer einzigen Lüge summiert, dass er in eine Frau verliebt ist, die ihn nicht einmal anspricht.

Und dass die Dinge sich geändert haben. "Things Have Changed", damit beginnt Bob Dylan auch in Hamburg sein Konzert, um vielleicht gleich am Anfang mal klarzustellen, dass die Veränderung das einzige ist, was Bestand hat. Was wichtig ist. Was sein darf. Und was das Leben ausmacht.

Es überwiegt der Blues

Der 78-Jährige hat sich selbst in den vergangenen sechs Jahrzehnten musikalisch ja auch immer wieder neu erfunden. Hat Folk, Rock, Gospel, Blues und Country ausprobiert, miteinander vermischt und zum Besten gegeben. Wurde dafür wahlweise als Verräter geprügelt oder als Heilsbringer auserkoren.

In Hamburg überwiegt an diesem Abend eindeutig der Blues. Geblieben ist über all die Jahre diese Stimme, seine Stimme. Knurrend, krächzend, meckernd. Eine Stimme, über die das Time-Magazin einmal schrieb, sie klinge, "als käme sie über die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums". Manchmal passt sie, manchmal nervt sie. Immer noch ist sie einzigartig. Und kräftig genug, um sich auch in der Barclaycard Arena einen ganzen Abend lang durchzusetzen. Der Sound ist prima.

Keine Begrüßung, kein Dank

Bob Dylan macht auf der Bühne nicht viel Aufhebens um seine Person. Hat er nie getan. Er redet nicht. Begrüßt das Publikum nicht, bedankt sich nicht für den Applaus, der artig aber nie aufbrausend ist. Er stellt die Band nicht vor und verabschiedet sich auch nach zwei Zugaben nicht.

Er sieht sich schlicht als ein Teil der Amüsierindustrie. Entertainer zu sein, bedeutet ihm nichts, hat er einmal dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" erzählt. Er wäre lieber Arzt oder Wissenschaftler oder Ingenieur geworden. "Das sind Berufe, zu denen ich aufschaue." Er hätte sich die Musik ja auch nicht ausgesucht. "Sie hat mich gewählt."

Von Minnesota in die Welt

Was für ein Glück, kann man da nur sagen. Denn kaum ein Songwriter hat die Rockmusik so beeinflusst wie der erste Sohn von Abraham Zimmerman und seiner Ehefrau Beatrice Stone aus der Industrie- und Hafenstadt Duluth in Minnesota. Aus Robert Zimmerman wurde vor sechzig Jahren Bob Dylan. Seine Songs, die oft durch die Aufnahmen anderer Musiker wie Jimi Hendrix ("All Along The Watchtower") oder den Byrds ("Mr. Tambourine Man"), Guns n' Roses ("Knockin' On Heaven's Door") oder Adele ("Make You Feel My Love") noch populärer wurden, sind zeitlose musikalische Geschenke für die ganze Welt.

Auch in Hamburg gibt er einige Klassiker zum Besten. "Like a Rolling Stone" ist natürlich dabei, oft zum besten Rocksong aller Zeiten gekürt. Bücher sind über dieses Lied geschrieben worden, das sicherlich auch seinen Teil dazu beigetragen hat, dass Dylan im Oktober 2016 als erster Songwriter den Literaturnobelpreis "für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition" erhalten hat. Die Frage, die er im Refrain stellt, ist die Frage nach dem, was vom Menschen bleibt, wenn sich die Welt von ihm abgewandt hat. Oder als Zugabe "Blowin' in the Wind". Dass dieser Song seit Generationen am Lagerfeuer gespielt wird, kann man ihm schlecht vorwerfen.

30 Jahre auf "Never Ending Tour"

Unterstützt wird Dylan auf seiner "Never Ending Tour", die nun schon dreißig Jahre andauert, von einer grundsoliden Band. Charlie Sexton an der Gitarre, Tony Garnier am Bass, Donnie Herron spielt Banjo, Violine und Pedal-Steel-Gitarre und George Receli Schlagzeug und Percussion.

Sie halten ihm schon lange die Treue. Sind Konstanten in Dylans Leben, in dem sich Grammys und Krisen, Ehrungen und Irrungen ständig abwechselten. Die Welt konnte an seiner Drogen- und Alkoholsucht genau so teilhaben wie an seinen unzähligen Auszeichnungen, Ehrendoktortiteln oder Oscar-Verleihungen für den besten Filmsong.

In den Himmel, bevor sie die Tür zumachen

Rastlos ist er geblieben, immer noch unterwegs, ein Tramp, der der Welt wohl noch so lange neue Songs schenken wird, bis er eines Tages ganz oben anklingelt. Oder, wie Bob Dylan es unter dem Beifall des Hamburger Publikums musikalisch ausdrückt: "Trying to get to Heaven before they close the door."