Landwirtschaft

Die Straußenzüchter im hohen Norden

Doris und Stefan Johannsen mit einem Strauß. Vor sieben Jahren sind sie auf den größten Vogel der Welt gekommen.

Doris und Stefan Johannsen mit einem Strauß. Vor sieben Jahren sind sie auf den größten Vogel der Welt gekommen.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Familie Johannsen aus Winsen ist auf den größten Vogel der Welt gekommen. Sie hält derzeit 80 Tiere – und will die Zucht ausbauen

Hamburg. Willi will’s wissen: Wer bewegt sich da in Richtung seines Zauns? Zügigen Schrittes kommt der Strauß angelaufen, hebt die Flügel immer wieder hoch, die Federn stellen sich auf. „Das ist seine Drohgebärde“, sagt Stefan Johannsen. Der 47-Jährige ist der Besitzer von Willi und geht gemächlichen Schrittes auf das Gehege zu. Willis Schnabel ist rot, die Beinplatten auch. Ein Zeichen dafür, dass Paarungszeit ist. Und da ist der Hahn besonders aggressiv. „In das Gehege darf keiner rein, den würde er töten“, sagt Doris Johannsen: „Er zeigt jetzt: Das ist mein Revier, das sind meine Hennen.“ Und die heißen Helene und Hedwig – nach den Vorfahren der Johannsens.

In vierter Generation betreibt die Familie den Bauernhof in Winsen/Luhe, Ortsteil Bahlburg. Gegangen sind schon vor Jahrzehnten die Milchkühe und Schweine, die sie früher einmal hielten. Geblieben ist der Spargelanbau. Hinzugekommen sind die größten Vögel der Welt, die allerdings flugunfähig sind. Damit hat der Hof in der Metropolregion ein Alleinstellungsmerkmal. Die nächsten Straußenfarmen gibt es an der Ostseeküste nordöstlich von Kiel, in Lübz an der Mecklenburgischen Seenplatte und in Bad Fallingbostel. In Deutschland ist die Straußenzucht seit Anfang der 90er-Jahre erlaubt, es soll rund 150 Betriebe geben. Aber wie kommt man auf die Idee, einen Straußenhof zu eröffnen?

Am 25. Juli 2012 zogen die ersten Strauße ein

Schuld daran ist der Vater von Stefan Johannsen. Wenn es das Fleisch der größten Vögel der Welt früher einmal beim lokalen Supermarkt gab, schickte er seine Frau immer dorthin zum Einkaufen. Häufig kam sie mit leeren Taschen zurück, weil die Stücke so schnell weg waren. Eine hohe Nachfrage – das war schon mal eine gute Voraussetzung für ein wirtschaftliches Vorhaben. Als Stefan Johannsen im Jahr 2010 einen Arbeitsunfall hatte und länger ausfiel, reiste er mit Ehefrau Doris durch Deutschland und schaute sich Straußenfarmen an. „Alle Hofbesitzer haben uns gesagt, sie würden es nie wieder machen“, sagt der gelernte Heizungsbauer. „Aber das ist schon ein tolles Tier.“

Die Straußenzüchter aus Winsen

Also kämpften die Eltern von vier Kindern weiter für ihren Traum. Nach zwei Jahren stimmte das Veterinäramt der Haltung der Tiere zu. Bei einem Hof in Karlsruhe kauften sie Blauhalsstrauße: Hahn Rudi und die beiden Hennen Berta und Johanna als Zuchttiere sowie 15 Küken. „Am 25. Juli 2012 sind unsere ersten Strauße eingezogen“, sagt Stefan Johannsen. Drei Wochen später kamen noch einmal zehn Küken hinzu. Ende 2013 bestimmten sie die eigenen Küken Willi, Helene und Hedwig zum zweiten Zuchttrio. Zwar sind die Tiere eigentlich in Südafrika beheimatet, die Kälte stört sie aber nicht“, sagt der Züchter. „Bis zu -25 Grad Celsius machen dem Strauß nichts. Der hat eher Probleme im Sommer und macht den Schnabel auf.“ So kann die Körpertemperatur heruntergekühlt werden.

Das dickste Ei wog 2,48 Kilogramm

Von März bis September legen die Hennen alle zwei bis drei Tage ein Ei. „Ein Straußenei entspricht von der Menge etwa 25 bis 30 Hühnereiern“, sagt die 53 Jahre alte Doris Johannsen. Das dickste runde Ding auf dem Hof brachte stolze 2,48 Kilogramm auf die Waage. Normalerweise brüten die Hennen tagsüber und die Hähne nachts. Doch auf dem Hof erfolgt das Brüten künstlich, sonst würden sich die Hennen mit wenigen Eiern pro Saison begnügen. Nimmt man ihnen die Eier weg, sind um die 50 Eier pro Henne in der Saison möglich.

Jeden Tag müssen die Johannsens das Gehege „abäppeln“, also vom Kot befreien, und die Eier einsammeln. Dann bringen sie die Eier in einen Flachdachbau. Zunächst geht es in den Brutraum. Dort werden die Eier bis zu zehn Tage lang gesammelt und bei 14 Grad Celsius im Kühler aufbewahrt. Wenn genügend Eier da sind, kommen sie in die Brutmaschine. Bei 36,5 Grad Celsius und 20 Prozent Luftfeuchtigkeit werden sie alle zwei Stunden lang gewendet. 40 Tage bleiben sie darin, dann kommen sie in den Schlupfschrank. Innerhalb von 48 Stunden erblicken die Küken dort das Licht der Welt. Eine rote Digitalanzeige zeigt 36 Grad Celsius an – die ideale Temperatur.

Gefahr droht den Küken von Krähen und Rotmilanen

Doris Johannsen steht vor dem Schrank und öffnet ihn. Rund ein Dutzend Eier liegen dort. Eins hat einen ersten Sprung, vorn rechts ist deutlich mehr zu sehen. Ein Fuß lugt aus der Schale heraus, direkt daneben ist das Auge des zusammengerollten Tiers zu sehen. Beim zweiten Besuch eine Stunde später reckt das Küken den Hals empor. Nun muss es im Schlupfschrank erst einmal trocknen, dann kommt es in die Babykiste mit Wärmelampen. Zunächst ernährt es sich noch aus dem Dottersack, auch ein wenig Wasser und grüne Grashalme werden angeboten.

Drei Tage nach dem Schlüpfen dürfen die Küken in den Stall, bei schönem Wetter mit Bettdecke sogar auf die Terrasse. „Die brauchen die Sonne, um zu wachsen“, sagt Stefan Johannsen. Allerdings ist Wachsamkeit gefragt: Krähen und Rotmilane würden sich über einen Kükenhappen freuen. Die Vögel selbst fressen Gras, aber es wird auch zugefüttert. Es gibt geschrotetes Futter aus Gerste, Weizen, Mais, Sojaschrot und Weizenkleie. Und zwar jeden Tag rund ein Kilogramm pro Tier zusätzlich. Im Spätsommer gibt es eine Ausnahme von der Kunstbrut. „Als Belohnung am Jahresende dürfen sie die Eier selbst ausbrüten“, sagt Doris Johannsen. Aus derzeit 80 Straußen werden dann vermutlich rund 100 Tiere geworden sein.

Der Strauß wird bis zu 2,60 Meter groß

Nach zwölf bis 15 Monaten ist es mit der Bauernhofromantik vorbei. Die bis zu 2,60 Meter großen Tiere, die bis zu 60 Jahre alt werden können, sind dann mindestens 120 Kilogramm schwer und werden geschlachtet. Vor zwei Jahren weihte die Familie ihr eigenes Schlachthaus ein. „Vom Küken bis zum Verwursten machen wir nun alles selber auf dem Hof“, sagt Stefan Johannsen, der die Vögel selbst tötet und zerlegt. Die Amtstierärzte schauen sich 24 Stunden vorher die Tiere an und kurz nach der Schlachtung das Fleisch. Im vergangenen Jahr waren es 40 Strauße, dieses Jahr sollen es 45 bis 48 sein und im nächsten Jahr schon 60.

Bis auf Kopf und Füße werde alles verwertet. Rund 35 Kilogramm Fleisch ergibt ein Tier. Das teuerste Stück ist das Fan-Filet für 42,95 Euro das Kilogramm. Der Steakpreis liegt bei 37,95 Euro das Kilo. Das klingt nach einem guten Geschäft – aber Stefan Johannsen sagt: „Vom Geldverdienen können wir noch nicht reden.“ In den vergangenen sieben Jahren sei eine mittlere sechsstellige Summe in Brutraum, Schlachthaus, Stallungen, Fotovoltaikanlage auf dem Dach und die Pacht draufgegangen. Den Großteil des Lebensunterhaltes verdient der Heizungsbauer daher weiterhin als Angestellter, drei Tage die Woche. Von Freitag bis Montag kümmert er sich um den Hof. Derzeit tummeln sich die Strauße auf zwei Hektar Fläche, in den nächsten Jahren soll sich die Fläche noch um sieben Hektar erweitern. „Wir wollen auf die Nachfrage reagieren, noch ein bisschen wachsen, aber keinesfalls auf die Schiene Massenproduktion kommen“, sagt Stefan Johannsen.

Im Hofcafé gibt es Currywurst – aus Straußenfleisch

Der Verkauf von Fleisch, Wurstwaren wie Salami, Leberwurst und Schinken sowie dem selbst gemachten Eierlikör findet ausschließlich im eigenen Hofladen statt. Selbstvermarktung, um den Gewinn für sich allein zu behalten. Für 25 Euro kann ein volles Straußenei erworben werden. Allerdings muss wegen der hohen Nachfrage vorbestellt werden. Es gibt aber auch zugekaufte Produkte: Straußeneinudeln, Schlüsselanhänger, Plüschkuscheltiere, Eierlikörbonbons sowie Eier, die zu Lampen oder Dekoartikeln umfunktioniert wurden.

Zudem wird Geld über Führungen verdient: Kindergärten, Schulklassen oder Landfrauengruppen schauen sich gern die Straußenzucht an, trinken und essen danach im Hofcafé Kaffee und Kuchen. Oder greifen zu Deftigerem wie Brat- und Currywurst, die zu 100 Prozent aus Strauß bestünden. Am 18. August feiert die Familie wieder ihren Tag der offenen Tür – im vergangenen Jahr waren 4500 Leute da. Zudem präsentiert die Familie ihre Produkte verzehrfertig in einem Imbisswagen, mit dem sie auf Festen gastiert. Das Fleisch der Vögel gilt als mager, eiweißreich, vergleichsweise sehr cholesterinarm und sollte am besten „medium“ gebraten werden.

Ein Strauß kann 70 Kilometer pro Stunde schnell laufen

Vor der Schlachtung seien die Laufvögel übrigens ziemlich ruhig, sagt Stefan Johannsen. Sie bekämen eine Kappe über den Kopf, und dann ginge alles ganz schnell. Helle Aufregung im Gehege herrscht hingegen bei einem eher unauffälligen und bedächtig daherkommenden Objekt. „Das Schlimmste sind Heißluftballons“, sagt Doris Johannsen. Denn die Strauße sehen rund drei Kilometer weit gestochen scharf. Tauchen die Ballone in weiter Ferne am Himmel auf, herrscht Alarm. Strauße leben in Gemeinschaften und sind Fluchttiere. Wenn ein Vogel in Panik gerät und wegläuft, rennen alle hinterher – und zwar in rasender Geschwindigkeit. „Auf den ersten 20 Metern ist ein Strauß schneller als ein Formel-1-Auto“, sagt Stefan Johannsen. Bis zu 70 Kilometer pro Stunde schaffen sie dank ihrer kräftigen Beine als Höchstgeschwindigkeit. Ausgelöst wird so ein Sprint zum Beispiel auch durch Blitz und Donner, sagt Dörte Johannsen: „Bei Gewitter haben sie den Zaun schon einmal durchgerannt.“

Ihr Mann steht unterdessen hinter einem hohen Drahtzaun, bückt sich, pflückt ein wenig Gras und reicht es Willi durch die offenen Stellen. Willi hapst zu, trifft neben dem Grünzeug auch noch Johannsens Finger. Die Straußenschnäbel sind Härteres gewohnt, fressen sogar Steine, um die Nahrung im Magen zu zermalmen. Rund 1,5 Kilogramm Steine fand er nach der Schlachtung schon im Magen eines Tieres, sagt Stefan Johannsen. Auch er ist hart im Nehmen: Das Hapsen in den Finger sei halb so wild. Richtig weh tue es, wenn sie in den Arm reinhapsen. „Dann gibt’s einen Knutschfleck.“