Handelskonzern

Chef der Hamburger Otto Group attackiert Amazon

| Lesedauer: 5 Minuten
Oliver Schade
Alexander Birke, Vorstandsvorsitzender der Otto Group.

Alexander Birke, Vorstandsvorsitzender der Otto Group.

Foto: Andreas Laible

Alexander Birken kritisiert Steuerbefreiungen. Umsatz und Gewinn entwickeln sich auch wegen Hitze nicht wie erhofft.

Hamburg. Bewölkt, 12 Grad Celsius, dann und wann ein wenig Nieselregen. Während das Gros der Hamburger sich über das unbeständige Mai-Wetter ärgert, schaut Petra Scharner-Wolff durchaus zufrieden zum Himmel über der Hansestadt; zumindest in ihrer Funktion als Finanz- und Personalvorstand der Otto Group mit Marken wie Otto, Bonprix, Witt und dem Paketdienstleister Hermes. Denn Scharner-Wolff weiß: „Bei hohen Temperaturen am Baggersee bestellen die Menschen nicht online.“

Und genau das war das Problem des Hamburger Handelskonzerns im langen und sehr heißen Sommer 2018. Statt sich gemütlich auf dem Sofa über otto.de Mode, Möbel und andere Dinge auszusuchen, gingen die potenziellen Kunden lieber schwimmen oder chillten im Freien. Die Konsequenzen lassen sich im Bericht für das Geschäftsjahr 2018/19 (28. Februar) der Otto Group ablesen. Der Umsatz stieg lediglich um 3,5 Prozent auf 13,4 Milliarden Euro. Der Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) sackte von 388 auf 222 Millionen Euro.

Otto-Group-Chef will an ehrgeizigen Wachstumszielen festhalten

„Wir hatten höhere Erwartungen“, sagte Alexander Birken. Neben der extremen Wetterlage sorgte auch die Tatsache, dass sich der Konzern mit seinen Geschäftsaktivitäten fast komplett aus Russland zurückgezogen hat, für sinkende Erlöse. An seinem ehrgeizigen Wachstumszielen für die Zukunft will der Otto-Group-Chef aber trotz aller Unwägbarkeiten festhalten. Und die lauten für den Umsatz: 17 Milliarden Euro bis 2022/23.

„Wir werden auf unserem geplanten Wachstumspfad bleiben.“ Eigentlich muss der Konzern beim Umsatz jährlich um vier bis fünf Prozent zulegen, um die 17-Milliarden-Euro-Marke zu erreichen. Eine Steigerung, welche die Otto Group nun zumindest für 2019/20 anstrebt, wie Scharner-Wolf sagte. Und auch beim Gewinn soll es wieder besser laufen.

Gebäude am zentralen Standort in Bramfeld werden modernisiert

Birken erwartet im laufenden Geschäftsjahr – ohne konkrete Zahlen zu nennen – ein „leicht verbessertes operatives Ergebnis“. Allerdings betonte der Otto-Chef während der Bilanzvorlage auch immer wieder, dass er mit Blick auf das Umsatzziel weiter kräftig investieren wolle, was zumindest kurzfristig den Gewinn schmälern dürfte.

Er selbst spricht von „Investitionen in Technik und Steine“. So ist das Unternehmen nicht nur dabei, seine E-Commerce-Plattform neu aufzustellen, auch die Gebäude am zentralen Standort in Bramfeld werden modernisiert, zum Teil komplett erneuert. Und auch bei den Mitarbeitern will der Konzern nicht sparen. „Wir hatten deutliche Lohnerhöhungen“, sagte Birken. Dabei muss nicht nur in das bestehende Personal investiert werden. Wegen des engen Marktes – vor allem für die begehrten IT-Fachkräfte – ist die Otto Group gezwungen, attraktive Gehälter als Lockmittel zu bezahlen. 250 dieser High-Potentials sucht der Konzern aktuell und steht dabei in harter Konkurrenz mit Unternehmen auch abseits der eigenen Branche.

Birken hat gute Nachrichten für den Standort Hamburg

Dass die Otto Group es ernst meint mit dem angepeilten Wachstum zeigt sich an der Arbeitsplatz-Entwicklung. Weltweit ist die Zahl der Vollzeitstellen trotz Gewinnrückgangs und mäßigem Umsatzplus um knapp 800 auf 52.560 gestiegen. In Deutschland beschäftigt der Konzern nun 29.860 Mitarbeiter (Vorjahr: 28.100).

Birkens gute Nachricht für den Standort Hamburg. „Auch hier werden wir beim Personal wachsen.“ Derzeit habe man in der Hansestadt exakt 9163 Vollzeitstellen. Beim Blick auf künftige Umsätze, Erträge und Mitarbeiter machte Birken auch deutlich, dass es ihm nicht ausschließlich um quantitatives Wachstum geht.

Breitseiten gegen Konkurrenten wie den US-Konzern Amazon

In einem längeren Redebeitrag – kurz nachdem Finanzvorstand Scharner-Wolff die Bilanzzahlen analysiert und interpretiert hatte – sprach der Vorstandsvorsitzende über Werte in unserer Gesellschaft und sparte dabei nicht mit Breitseiten gegen internationale Konkurrenten wie den US-Konzern Amazon oder den chinesischen Wettbewerber Alibaba, ohne sie namentlich zu nennen.

„Wir müssen uns fragen: Wie gehen wir mit unseren europäischen, sozialen Werten um?“, fragte Birken in die Runde. Er hob die Bedeutung von „Rechtsstaatlichkeit und Nachhaltigkeit“ hervor und stellte klar: „ Wir als Otto Group sind davon überzeugt, dass es sich lohnt für europäische Werte zu kämpfen.“

Hauptproblem bleibe, überhaupt Personal zu finden

Beim Thema Steuern wurde Birken besonders deutlich Schließlich wollten die Kunden ein „aufrichtiges Verhalten“ von den Unternehmen, bei denen sie Waren bestellten. Dabei hob Birken die konzernweite Kampagne „Cotton made in Africa“ hervor, über die nachhaltiger Baumwollanbau gefördert wird. Und er betonte, dass mittlerweile beim konzerneigenen Paketdienstleister Hermes mindestens 9,50 Euro pro Stunde bezahlt würden. In den Großstädten seien es de facto sogar oft 13 bis 14 Euro. Das Hauptproblem bleibe dennoch, überhaupt Personal zu finden.

Beim Thema Steuern wurde Birken dann deutlich: „Es kann nicht sein, dass wir brav unsere Steuern in allen Ländern bezahlen und andere Wettbewerber quasi steuerfrei wirtschaften, weil sie entsprechende Einzelabkommen mit Staaten schließen.“ Über alle diese Themen brauche man einen breit angelegten öffentlichen Diskurs und politische Entscheidungen. Die Frage eines Journalisten, ob die Politik aus seiner Sicht hier genug unternehme, verneinte Birken.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Wirtschaft