Digitalkonferenz

OMR-Chef Westermeyer: Zu Werbung gehört Provokation

OMR-Gründer Philipp Westermeyer eröfnet den zweiten Tag des OMR-Festivals in den Hamburger Messehallen

OMR-Gründer Philipp Westermeyer eröfnet den zweiten Tag des OMR-Festivals in den Hamburger Messehallen

Foto: Michael Rauhe

Bestsellerautor, Juso-Chef und Keks-Erbin bestimmen den zweiten Tag. Am Ende rockt eine Kultband die Digitalmesse.

Hamburg.  Die virtuelle Stoppuhr auf dem Monitor hinter der Bühne zählt die Minuten herunter. „One minute remain“, ertönt eine tiefen Stimme aus dem Off. Es ist kurz nach neun Uhr, als OMR-Initiator Philipp Westermeyer den zweiten Tag der Digitialkonferenz in den Messehallen eröffnet. Und vor der Big-Picture-Bühne sitzen mehrere tausend Besucher. Eine Stunde hat der Marketingexperte die Bühne für seine Thesen zum Stand des Internets in Deutschland. Einer der wichtigsten Werbetrends, so Westermeyer, wie Firmen heute Aufmerksamkeit der Kunden erreichen könnten, sei Provokation. Als Beispiel nannte er eine polarisierende Werbekampagne von Katjes für vegane Produkte. Der Süßwaren-Hersteller hatte ein Model mit Kopftuch eingesetzt – und war etwa von AfD-Politikerin Beatrix von Storch kritisiert worden. Das war wiederum in den Sozialen Medien diskutiert worden. Im Kampf um Aufmerksamkeit seien die mutigen Entscheidungen zu kontroversen Werbemaßnahmen aufgegangen, so Westermeyer: „Packt sie bei ihren Instinkten, am besten bei ihren Urinstinkten.“

Bestsellerautor Harari warnt vor der Macht der Algorithmen

Bei den OMR, in Langform Online Marketing Rockstars, in Hamburg geht es traditionell um Werbestrategien und Influencer, diesem Jahr stehen aber auch ein Bestsellerautor, ein Juso-Chef und eine Keks-Erbin Provokation auf der Bühne. Provokation ist eines der großen Themen, um die es in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen am zweiten Festivaltag geht. Der israelische Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari („21 Lektionen für das 21. Jahrhundert“) beginnt er seinen Beitrag über künstliche Intelligenz mit der kryptischen Formel b x c x d = add. Soll heißen: Biotechnologie multipliziert mit Rechnerleistung multipliziert mit Daten ergibt die Fähigkeit, „Menschen zu hacken“. Die Algorithmen könnten Entscheidungen und Verhalten vorhersagen und Wünsche manipulieren. „Sie werden uns besser kennen als wir selbst. Das ist nicht unmöglich, denn die meisten Leute kennen sich selbst nicht sehr gut“, so die eindringliche Warnung des 43-Jährigen, der weltweit als einer der klügsten Vordenker gilt. Dabei könnten neue Technologien auch positive Auswirkungen haben, etwa bei der Früherkennung von Krankheiten.

Aber Harari warnt vor den dramatischen Folgen. Sogenannte Trolle könnten sich der persönlichen Ängste bedienen, um gezielt Fake News und Propaganda zu streuen, autoritäre Systeme totale Überwachungssysteme schaffen. Gefahren sieht er auch für die Gesellschaften und die menschlichen Beziehungen, wenn Entscheidungen von Algorithmen übernommen würden. Trotzdem sieht sich der Wissenschaftler nicht als Pessimist sondern als Realist. „Technologien sind nicht determiniert. Wir können die Gefahren noch abwenden“, ist eine seiner Botschaften. „Du musst Technologie nutzen und nicht von ihr genutzt werden.“ So könne künstliche Intelligenz helfen, unsere Daten zu schützen.

So mischt Juso-Chef Kevin Kühnert die SPD auf

Zu den diesjährigen OMR ging es am Dienstag und Mittwoch bei zahlreichen Vorträgen und Workshops um Trends im Marketing, Influencer-Geschäft sowie über Mobile-Werbung. Mit dabei waren Model Lena Gercke, Moderator Joko Winterscheidt, aber pünktlich zum Countdown zur Europawahl auch Politiker wie der SPD-Spitzenkandidatin Katharina Barley.

Was etablierte Parteien von neuen politischen Strömungen lernen können, ist eine der Fragestellung des zweiten OMR-Tags. Mit auf dem Podium sitzt der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert, der gerade mit seinen Enteignungsthesen für Kontroversen gesorgt hat. „Ich hoffe, wir haben gerade ein bisschen gezeigt, wie man einen Debattenanstoß gibt und eine Organisation aufmischt“, sagt der Politiker, der wie wenige andere gerade das Ohr von Medien und Öffentlichkeit hat. Seine Analyse: Der Parteienapparat müsse sich verändern, um junge Menschen anzusprechen. „Viele sagen, junge Menschen seien unpolitisch. Das Gegenteil ist der Fall. Wir bieten nur eine schlechte Show.“ Es gehe nicht um persönliches Wohlbefinden und um möglichst reibungslose Abläufe bei Parteitagen und Vorstandswahlen, sondern um eine größere Verantwortung. „Wir müssen uns darum kümmern, wie wir leben und arbeiten wollen.“ Dabei setzt Kühnert anders als Vertreter der Sammlungsbewegung #unteilbar, die im vergangenen Jahr Hunderttausende auf die Straßen gebracht hat, oder die Plattform Demokratie in Europa, die zur Europawahl 2019 gegründet wurde, auf eine Erneuerung innerhalb der Partei- und Parlamentsstrukturen. Dass es Bewegung gebe, habe unter anderem der Meinungsumschwung innerhalb der SPD bei der Urheberrechtsreform gezeigt.

Keks-Erbin Verena Bahlsen will die Lebensmittelbranche aufmischen

Es gibt im Moment wohl keine andere Unternehmenserbin, die so gefeiert wird, wie Verena Bahlsen aus der vierten Generation der Keksbäcker. Rote Locken, Latzhose, direkte Ansprache – und ziemlich provokante Thesen. „Wir haben ein Nahrungssystem, das nicht mehr funktioniert“, sagt die 25-Jährige. Gemeinsam mit ihrem Vater führt sie die Hannoveraner Traditionsfirma. In Berlin hat sie Hermann’s gegründet, eine Art Innovationspool für die Branche. „Wir müssen Lebensmittel wieder zu dem machen, was sie sind: Mittel zum Leben.“ Wachstum und Profitstreben dürften nicht die einzigen Treiber sein. Themen wie Nachhaltigkeit und Gesundheit würden immer bedeutender. „Die Generation Z scheißt auf Digitalisierung, wenn es kein Vehikel ist, die Gesellschaft nach vorne zu bringen.“ Dabei sehe sie sich in der Tradition von Gründer Hermann Bahlsen und nicht als Rebellin. „Ich bin Kapitalistin“, ist so ein Verena-Bahlsen-Satz. „Aber ich glaube, dass sich langfristig mit Weltverbessern mehr Geld verdienen lässt.“ Dafür gibt es viel Beifall.

Future Hamburg Award an Hamburger Start-up Ligno Pure

Am Mittwochabend sollte noch Sängerin Ellie Goulding auf der Bühne stehen. Eher ungewöhnlich für die Veranstaltung ist ein Auftritt von Andy Puddicombe, Gründer der Achtsamkeits-App Headspace. Er führt mit Tausenden Gästen in der riesigen Messehalle eine kurze Massenmeditation. Erstmals gibt es auf dem OMR-Festival auch eine Preisverleihung: Drei innovative Start-ups sind Sieger beim Future Hamburg Award: Heptasense aus Lissabon ermöglicht es Überwachungskameras durch eine Software verdächtige Verhaltensweisen zu erkennen. Auf Platz zwei folgt Ligno Pure aus Hamburg, mit einem nachhaltigen Ersatz für ölbasierte Kunststoffe. Humanising Autonomy aus London hat eine Software entwickelt, die selbstfahrende Fahrzeuge durch das Erkennen und die Vorhersage menschlichen Verhaltens sicherer macht.

OMR 2010 soll wieder in Hamburg stattfinden

Nach zwei Tagen ist OMR-Gründer Philipp Westermeyer sehr zufrieden. Zum Abschluss heizen die Rapper Casper und Marteria noch mal ordentlich ein. „Mehr als 52.000 Besucher sind gekommen. Es gab keine größeren Probleme und fruchtbare Diskussionen aus verschiedenen Blickwinkeln – sowohl politisch wie auch wirtschaftlich“, sagt Westermeyer. Er lässt keinen Zweifel, dass es eine Neuauflage geben wird. Das Ziel sei auch für 2020 die Entwicklung der Digital- und Marketingbranche zu dokumentieren, Perspektiven, Chancen und Risiken aufzuzeigen. „Unsere Formel: Information, Business und Inspiration.“ Und das Ganze selbstverständlich wieder in Hamburg.