Episode 16

OMR-Gründer Westermeyer probt Reden in eigener Turnhalle

Foto: HA

Entscheider treffen Haider, Episode 16: Wer ist der Mann, der 50.000 Menschen zu den Online Marketing Rockstars nach Hamburg holt?

Hamburg. Energietiefs gibt es für ihn nicht. Sofort eine Lösung aus dem Longsleeve schütteln: „Soll ich dir Kohlrabi schneiden?“ Der Vorschlag allein ist nun schon so unerwartet, da fühlt man sich sofort wieder fit. Wer mit Philipp Wester­meyer ein Magazin machen will, der muss bereit sein, seinen Plan zu vergessen. Ich wollte um 17 Uhr weiter, zum Beispiel. Jetzt ist es 19.10 Uhr. Passt schon. Es gibt ja Kohlrabi dafür, dass aus unserem kurzen Meeting ein dreistündiges Treffen wurde. Nicht, weil wir so langsam arbeiten und uns in unseren Aufgaben verheddern, sondern weil Philipp Westermeyer noch 1000 andere Aufgaben nebenbei erledigt.

„Oh, den Call muss ich annehmen“, sagt er mitten im Satz, denn ein Bekannter ruft an, der ihm mal eben ein neues Businesskonzept verklickern will. Nach ein paar Minuten steht fest: Die Idee ist tatsächlich gut, die Zielgruppe klar, „ich setz da mal jemanden ran, der das Excel-mäßig hinterfragt“, sagt Westermeyer.

Philipp Westermeyer kümmert sich rührend um Gäste

Wo andere wochenlang überlegen und abwägen, fasst der Gründer von Online Marketing Rockstars (OMR), Europas führendem Event in dieser Branche, einen Entschluss und legt los. Trump und Putin können froh sein, dass die Weltherrschaft nicht zu den Plänen des Medienmanagers gehört, sonst hätten sie ruck, zuck Konkurrenz. Nur kompetenter und menschenfreundlicher.

So, weiter im Programm. Wo waren wir? „Ach ja, du hast bestimmt Hunger.“ Also raus aus dem Besprechungszimmer und ab in die Küche. Westermeyer holt ein Messer und schneidet liebevoll Kohlrabi für den Gast. „Guck mal, unser Wurstschrank“, sagt er stolz. Wie der 40-Jährige das Ding an der Wand öffnet, hat es den Eindruck, man sei live bei einem großen „Sesam öffne dich!“-Moment. „Da sind Salamis drin, Philipp, also was …?“ „Ja, aber richtig gute Salamis!“ Wir essen. Abendbrot. Ich sitze. Er versucht zu sitzen, steht aber immer wieder auf, um noch was zu erledigen. Wurst schneiden. Alkohol­freies Bier holen.

Feelgood-Managerin für Festival der Online Marketing Rockstars

Eine Kollegin kommt rein, sie will Tschüs sagen. „Wo geht’s hin?“, fragt der Chef. „Zum Mädchen-Italiener!“ Alles klar, hau rein, viel Spaß. „Hoffentlich sind die Typen da nett“, sagt Westermeyer. Die Kollegin sei gerade aus Berlin hergezogen und solle sich in Hamburg schnell wohlfühlen, wünscht er sich. Fast meint man ein schlechtes Gewissen zu erkennen, weil er einem jungen Talent einen tollen Arbeitsvertrag gegeben hat. Dafür musste sie umziehen, und so ganz neu in dieser Stadt, das kann ja hart sein. „Oder was meinst du?“, fragt Philipp Westermeyer, den viele einfach Weste nennen. Alle in seiner Umgebung sollen sich immer und unbedingt wohlfühlen. Werden mit einbezogen, gehört.

Philipp über Philipp: OMR-Chef Westermeyer über das Magazin

Offiziell gibt es bei seiner Firma, der Ramp 106 GmbH, zur Hochphase des OMR-Festivals eine Feel­good-Managerin, die Smoothies zubereitet und die 70 fest angestellten Mitarbeiter mit Vitamin C und Aufmerksamkeit verwöhnt. Doch der oberste Feelgood-Manager hier ist der Boss selbst. Bemerkt er wahrscheinlich gar nicht, das hat einfach mit seinem Naturell zu tun. Nie berechnend, dafür immer rechnend. Am Ende muss das Plus überwiegen. Wir verlieren eine sechsstellige Summe mit einer bestimmten Aktion? Auf der anderen Seite wären Zehntausende Festivalgäste happy? Raten Sie mal, wie Westermeyer in solchen Fällen entscheidet.

Philipp Westermeyer gründet und verkauft

Erfolgreich ist er trotzdem oder gerade deshalb. Schon zweimal hat er ein Unternehmen gegründet und gewinnbringend verkauft. 2009 startete er mit Tobias Schlottke und Christian Müller die erste eigene Firma, Adyard, die sie zwei Jahre später an Gruner + Jahr verkauften. Anschließend gründete das Trio Metrigo, welches 2015 Zalando haben wollte. Also bitte. Machen wir eben was Neues, noch Cooleres, noch Besseres.

Dabei spielte er nicht immer Champions League, angefangen hat der gebürtige Essener mit 15 Jahren bei der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ mit Berichten über Lokalsport. Dann ging er zu Radio Essen und wollte Journalist werden. Seinen Master in Medienmanagement schloss er offiziell in Hamburg ab, aber gelernt hat er dafür in der Brooklyn Public Library, weil seine damalige Freundin in New York lebte. Zum Klausurenschreiben kam er nach Deutschland, ansonsten jobbte er in Manhattan bei einer Bank und einem Rap-Magazin. „Ich musste ja Geld verdienen.“

"Als Unternehmer kannst du so viel Gas geben, wie du möchtest"

Zurück in Deutschland begann er als Vorstandsassistent bei der Bertelsmann AG. Im Anschluss arbeitete er als Investment Manager bei Gruner + Jahr. „Das war ein Glücksfall“, sagt Westermeyer. Er marschierte dort mit seiner H&M-Krawatte rein und lernte alles über das Medienbusiness und einen Großkonzern. Außerdem begaben sich zu der Zeit die ersten Startups in die Startblöcke, manche zogen richtig schnell davon. ­StudiVZ­ (mittlerweile pleite) hieß eine dieser Erfolgsgeschichten; Westermeyer erlebte die Verkaufsgespräche hautnah und fasste einen Entschluss: „Ich bin jung, ich will in diesem Game mitmischen. Als Unternehmer kannst du so viel Gas geben, wie du möchtest, und wirst direkter belohnt.“

Hannes Arendholz von Foodboom bei der "Philipp"-Launch-Party

Also gründen. Sein erstes Geschäft bestand aus der Restplatzvermarktung von Bannerflächen. Für 20 Cent einkaufen, für 40 Cent weiterverkaufen – das klingt klein, aber es handelt sich immerhin um eine Verdoppelung des Gewinns. Wer für eine Millionen Euro einkauft, der hat ganz schnell eine profitable, attraktive Firma. So attraktiv, dass Gruner + Jahr sie haben wollte. Auch die nächste Firma führten Westermeyer und seine Partner nur gute zwei Jahre, bis sie sie gewinnbringend verkauften.

Von seiner dritten Firma will Westermeyer sich nicht trennen

Die Ramp 106 GmbH stellt Westermeyers dritte Firma dar, und von der wird er sich voraussichtlich erst mal nicht trennen. Zu viel Erfolg, zu viel Verbindung stecken schon drin. Nicht nur, weil die Besucherzahlen des OMR Festivals von Jahr zu Jahr steil bergauf gehen, auch der OMR Podcast läuft Bombe.

Die Idee dazu hatte Westermeyer vor fünf Jahren, als er zum ersten Mal Vater geworden war. Damit seine Freundin schlafen konnte, schob er morgens um 4.30 Uhr draußen mit dem Kinderwagen durch die Gegend. Was macht man um diese Zeit? Alle Cafés sind noch geschlossen, jemanden anrufen geht auch nicht, also fing der junge Daddy an, Podcasts zu hören. Teilweise fand er die Storys so spannend, dass er stundenlang unterwegs war, seine Freundin begrüßte ihn manchmal mit den Worten: „So lange hättest du gar nicht unterwegs sein müssen, ich bin jetzt ausgeschlafen.“ Wer Kinder hat, der weiß, wie selten junge Mütter solche Sätze sagen.

OMR Podcast „über digitales Marketing und was sonst noch so los ist“

OMR Podcast ist der erste große Podcast „über digitales Marketing und was sonst noch so los ist“, erklärt Wester­meyer das Konzept. Er spricht dafür mit Machern, Könnern und guten Freunden, darunter zum Beispiel der Vorstandschef eines der größten Medienkonzerne Europas, der Europachef einer der größten Plattformfirmen, einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands, Entertainment-Größen und YouTube-Stars. Sie alle zwängen sich in die relative kleine Aufnahmekabine in der Ramp-106-Büroetage auf der Schanze, setzen sich auf eine Holzbank an einen Holztisch und bekommen von Techniker Chris nur die Anweisung, nicht so laut auf den Tisch zu hauen mit Stiften oder auch mit der Hand, aber die Gespräche laufen ziemlich easy ab, also kein Grund zur Aufregung.

Yared Dibaba: Vom Tonstudio zur Launch-Party von "Philipp"

An diesem Tag ist beispielsweise Sebastian Johnston zu Gast. Der 35-Jährige hat ein Business aufgebaut, welches er als „Consumer Goods Incubator“ bezeichnet. Westermeyer scheint die Gespräche ohne große Vorbereitung zu führen, er hat keine Fragen aufgeschrieben, er spricht einfach so los. Schnell und manchmal auch wirklich nuschelig, beim Radio oder Fernsehen hätten sie einen wie ihn erst mal zu Sprechtraining verdonnert und ihm einen Korken in den Mund gepresst: „So, Philipp, und nun versuchen wir die Wörter mal korrekt und deutlich auszusprechen. Und bitte.“

Plötzlich stehen 187 Strassenbande auf dem Flur

Vorteil von „eigener Chef sein“: Niemand sagt Westermeyer, was er zu tun hat. Der Hamburger kann sagen, was er will, und seine Begeisterung ungefiltert zu seinen Hörern senden: „Krass, Sebastian, was ihr da entwickelt. Ich habe in Chemie nicht so gut aufgepasst, aber was ihr da macht, das scheint mir gefühlsmäßig eine ganz große Challenge zu sein!“ Westermeyers Sprache zieht an, man hört ihm einfach gern zu.

An einem anderen Tag stehen plötzlich zwei Mitglieder der 187 Strassenbande auf dem Flur. 187 ist die Nummer des Paragrafen im kalifornischen Strafgesetzbuch, in dem Mord behandelt wird. Die Rapper der Hamburger Band sind teilweise mehrfach vorbestraft, Schusswaffen, Drogen, Körperverletzung, Raub. Aber eine Goldene Schallplatte nach der anderen.

Bonez MC, neben Gzuz das Gesicht der Combo, trägt eine Kenzo-Jogginghose, die er in weiße Socken gestopft hat, und antwortet auf Philipps höflich vorgebrachte Frage, ob er etwas trinken möchte: „Drei Bier.“ Keine Berührungsängste mit so schrägen Typen? Nee, sagt Westermeyer. „Ich bin einfach neugierig auf andere Leute, und eines darf man nicht vergessen: Die Strassenbande-Typen tun mehr für das Hamburg Marketing als viele andere.“

Westermeyer fährt im Kinderabteil nach Berlin

Von Vorbestraften bis zu Vorstandsvorsitzenden. An einem kalten Mittwoch fahren wir gemeinsam mit dem Zug nach Berlin; Westermeyer wird dort mit dem Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner ein neues Format aufnehmen. Ein Dinner, zu dem unter anderem CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer (Spitzname „AKK“), Palantir-Gründer Alex Karp und Grünen-Politiker Cem Özdemir eingeladen sind. Hochkarätig also. Das Gegenteil von Abendbrot, es wird drei Gänge und teuren Wein geben am schönsten Ort des Verlags hoch über Berlin, der alten Bibliothek von Axel Springer.

Ob Westermeyer aufgeregt ist? „Na ja, das hat jetzt schon eine gewisse Flughöhe, aber wird schon laufen. Komm, wir setzen uns ins Kinderabteil!“ Sein Geheimtipp, um während der Fahrt in Ruhe arbeiten zu können. Er trifft auf der Strecke Hamburg–Berlin sonst einfach zu viele Bekannte. Gerade am Bahnsteig etwa Verena Pausder, Geschäftsführerin der bundesweiten HABA Digitalwerkstätten und Initiatorin von Startup eens. Wenn es um Frauen im Digitalbusiness geht, wird Pausder immer als eine der Ersten erwähnt. „Ah, Philipp, du schon wieder!“ Die beiden hatten sich am Tag zuvor noch getroffen. „Hey, komm gut nach Hause!“

Philipp Westermeyer lädt sein Team ins Hamam ein

Was die alles auf die Beine gestellt habe, Respekt, erzählt Westermeyer beeindruckt. Nur wenige können sich so sehr für die Erfolge von anderen begeistern wie der, der seine eigene Leistung niedrighängt. „Ich habe einfach die letzten 15 Jahre jeden Tag gearbeitet, da kommt halt was bei rum, würde jedem so gehen.“ Nie Urlaub? Selten. Nach dem OMR Festival lädt er sein Team traditionell ins Hamam ein, das ist es dann aber auch mit Wellness in seinem Leben.

Sport hingegen liebt das Fußball-Talent. Als eine Mehrzweckhalle nahe dem Michel auf der Suche nach einem neuen Pächter war, griff er zu. Andere stecken ihr Geld in teure Karren, Westermeyer gönnt sich eine eigene Turnhalle. Dort übt er auch die Reden für das Festival, bevor er vor 6000 Leuten in der Messehalle spricht. Oh. Er bereitet sich tatsächlich mal vor? Ausnahmsweise, doch.

Vorzeigefigur in der Internetwelt

Eine Familie steigt zu, wir müssen raus aus dem Kinderabteil. „Dumme Idee von mir, hier reinzugehen, sorry!“, entschuldigt sich Philipp. Viele andere Einfälle in der Vergangenheit waren gut, deshalb wurde Westermeyer zu einer Vorzeigefigur in der Internetwelt. Das Vorbild für viele Hipster ist allerdings selbst keiner. „Ich bin ja ein ganz normaler Typ. Udo Lindenberg, der gehört für mich zu den Ungewöhnlichen.“

Und prominent will Weste erst recht nicht sein. „Ich bin nicht der Star beim OMR Festival. Meine Leistung ist, dass es das gibt.“ Genauso wie das Dinner in Berlin mit Mathias Döpfner. Westermeyer muss sich nie in den Vordergrund labern, er lässt die glänzen, die gerne im Scheinwerferlicht stehen, und hält seine weißen Sneaker still unter dem Tisch. AKK und Cem Özdemir verstehen sich in dieser entspannten Atmosphäre plötzlich so gut, die nächste Große Koalition wird bestimmt Schwarz-Grün ... Anschließend, bei einem Drink in Springers Journalistenclub: „Was meinst du, wie war das jetzt? War das wirklich gut? So richtig?“

Moderator kann Westermeyer auch

Immer wieder infrage stellen, sich selbst, die letzte Idee, das nächste Konzept – oder wie an einem anderen Tag die Rednerliste für das OMR Festival. „Sollen wir noch jemand Krasseren holen? Doch. Da müssen wir dringend weitermachen, we have to push that thing!“ Westermeyer, dieser lockere Typ, lässt nicht so schnell locker, wenn er etwas will. Ein Beispiel: 2014 generierte das Portal Heftig innerhalb kürzester Zeit mit einer Website über Facebook Traffic im Millionen-User-Bereich. Niemand wusste, wer als Macher hinter diesem Erfolg steckte, also recherchierte der „halbe Journalist“ (Westermeyer über sich selbst), bis er es herausfand. Ein Geheimnis darf seiner Ansicht nach gerne ein Geheimnis bleiben, doch er selbst muss es wissen.

Moderator kann er auch. Am Telefon bespricht er seinen nächsten Einsatz. Ein bekanntes Unternehmen hat ihn für eine Podiumsdiskussion gebucht und sorgt sich nun, dass ein bestimmter Gast zu lange sprechen könnte: „Das ist ein Laberkopf. Wenn der nach 20 Minuten erst bei Punkt zwei ankommt, dann musst du da reingrätschen, Philipp!“

„Macht euch keine Gedanken, das wird gut!“

„Da hab ich schon den richtigen Touch für“, sagt Westermeyer. Er müsse eigentlich nur irgendwo eine Uhr sehen, wenn er auf der Bühne stehe, der Rest ergibt sich von allein. „Ich sorge schon dafür, dass alle happy sind.“ Die Art und Weise, wie er das sagt, besänftigt unmittelbar die Nerven aller Zuhörer. Da hat er ein Talent für. Andere beruhigen. „Macht euch keine Gedanken, das wird gut!“, sagt er am Ende des Telefonats, und allein mit der Aktion hat er sein Honorar wahrscheinlich schon verdient.

Bald ist es wieder so weit. Die Tage und Nächte vor dem Festival, wenn alle durchdrehen, weil so ein großes Ding eben auch potenziell großes Drama beinhaltet. Westermeyer wird Augenringe zu den weißen Sneakern tragen, doch äußerlich mehr Ruhe ausstrahlen als ein tibetischer Mönch.

Ein buddhistischer Duracell-Hase, das ist Weste.