Vom Flussdampfer zum Containerschiff

Jubiläum bei Reederfamilie Rickmers

Eine große Liebe legte damals den Grundstein zur Reederei Rickmers. 175 Jahre später geht es dem Unternehmen besser als vielen anderen Reedereien.

Hamburg. Im Winter 1828 hat sich Rickmer Clasen Rickmers verliebt. Auf Helgoland, seinem Heimatort, munkeln die Insulaner von einer Verlobung mit Margaretha Reimers, der Tochter eines Rechtsberaters. Doch die beiden müssen lange warten, bis sie zusammenkommen.

Rickmers muss zunächst bei einem Schiffbauer auf St. Pauli arbeiten und fährt später für eineinhalb Jahre zur See, um Erfahrungen im Schiffbau, Seefahrt und Unternehmertum zu sammeln. Für die Hochzeit müssen die Liebenden sogar von der Insel flüchten, weil beide Elternpaare sich während der Besatzungszeit durch die Engländer politisch zerstritten haben.

Doch Rickmer und Margarethe, genannt Etha, setzen mit ihrer Heirat 1831 in Esens den Anfang für eine Familientradition, die jetzt die fünfte Generation erreicht hat. 175 Jahre nach der Gründung der Rickmers Werft in Bremerhaven 1834 sitzen die Brüder Bertram und Erck Rickmers an der Außenalster und strahlen um die Wette. Jeder von ihnen führt heute eine der weltgrößten Charterreedereien mit zusammen mehr als 5000 Mitarbeitern. Ihr Aufstieg bildet den Abschluss einer neu aufgearbeiteten Familienchronik (siehe Kasten).

Für eine Mark an Bremen verkauft

So steht der Name Rickmers für die erste Flussdampferlinie unter deutscher Flagge auf dem Yangtse in China und für einen regen Reishandel. Und natürlich weht die Flagge mit dem R an Bord der Frachter der Handelsflotten, die zweimal nach den Weltkriegen verloren gehen. "Aber der Wille zum Neuanfang hat uns eben nie verlassen", so Bertram Rickmers.

Doch die Erfolgsgeschichte hat auch dunkle Kapitel. "Auf die Nähe unseres Großvaters zu den Nazis und die 242 Zwangsarbeiter auf der Rickmers Werft sind wir nicht stolz", sagt Erck Rickmers. "Erschütternd für die Familie" ist später auch der Zusammenbruch der Rickmers Werft, die 1985 für eine Mark an Bremen verkauft wird und 1986 doch Konkurs anmelden muss.

Wieder muss ein Neuanfang her. Dieses Mal für Bertram und Erck. Beide gründen 1992 das Emissionshaus Nordcapital, das Geld für Schiffsneubauten sammelt, trennen sich aber vier Jahre später wegen "unterschiedlicher Bewertung unternehmerischer Fragen". Die Brüder haben zurückgefunden. "Was uns verbindet, ist stärker als alles, was uns trennt", sagt Erck Rickmers. Das gilt auch fürs Geschäft. So wurde 2003 die Schiffsmaklerfirma Harper Petersen gekauft, die jetzt für 150 bis 160 Containerfrachter der E.R. Schiffahrt (Erck) und der Rickmers Reederei (Bertram) die Raten aushandelt.

Die Größe der Flotte sichert zum einen die gute Position am Markt, der gemeinsame Einsatz der Schiffe schützt vor der Konkurrenz unter Brüdern. "Wir unterscheiden uns aber schon, denn Bertram ist zwölf Jahre älter als ich", so Erck Rickmers. Der große Bruder korrigiert mit typischem schelmischem Lächeln: "Es sind elfeinhalb."

Gut schlafen in Krisenzeiten

Die Stimmung der beiden Reeder ist trotz der weltweiten Krise gut. Natürlich schmerzen sinkende Transportmengen und die schwächere Auslastung der Schiffe. Doch die Rickmers-Linie, die Bertram im Jahr 2000 von Hapag-Lloyd zurückkaufte, hatte sogar noch ein gutes erstes Halbjahr 2009. Die Schwergutschiffe, die "alles transportieren, was nicht in einen Container passt", sieht der Reeder als Profiteure der geplanten weltweiten Infrastrukturmaßnahmen.In China sind weitere 14 Frachter für solche Anlagenteile bestellt.

Beide Reedereien haben unter ihren Bestellungen noch je acht der mit 13 000 Stellplätzen für Standardcontainer (TEU) größten Containerfrachter der Welt. Sie sind für zehn und 15 Jahre an Linienreedereien verchartert, die zu den fünf weltgrößten zählen. Das lässt auch in Krisenzeiten gut schlafen. Nur drei seiner 119 Frachter lägen vorübergehend still, räumt Erck Rickmers ein. Ein kleines Containerschiff hat er in China, zwei Offshore-Versorger in Korea abbestellt. Beide Reeder lassen keinen Zweifel daran: Ihre Bilanzen weisen Gewinne aus. "Wir haben in den vergangenen Jahren gut verdient und Reserven gebildet", erklärt Erck Rickmers. Nur bei Neubestellungen gilt auch bei den Brüdern Zurückhaltung.

Dafür hat er einen Wunsch für die folgende, sechste Generation: "Auch wir mussten nach dem Konkurs unserer Werft von vorn anfangen wie bei einem Computer, dem man nach einem Absturz mit der Reset-Taste wieder an den Beginn eines Programms bringt." Er hoffe, dass "unser Nachwuchs diese Taste nicht noch einmal drücken muss."