Passage im Waschsalon

Nordland-Kreuzfahrt vom 10. – 21. Juli 2007

Sommer? Urlaub? In Hamburg bleiben? In die Dauerferienwohnung auf dem Lande? Der morgendliche Blick ins Hamburger Abendblatt brachte mich auf den Weg. "Schatz, haben wir 2400 Euro pro Person für eine Reise übrig?" Noch schlaftrunken kopfschütteln meines lieben Mannes. Am Küchentisch las ich mit großem Interesse: Nordlandreise ins ewige Packeis, entlang Norwegens Küste, Fahrt durch den Geiranger Fjord (waren wir schon mal), das Nordkap (auch schon mal gesehen im Mitternachtssonnenschein) und als Highlight das Nordmeer bis Spitzbergen und das ewige Gletschereis, solange es noch nicht geschmolzen ist.

Ein oder zwei Nächte drüber geschlafen und gebucht.

Am 10. Juli war die Einschiffung auf der MS Vistamar in Kiel. Glückskabine mit Bullauge auf Augenhöhe mit dem Meer. Vom Nordkap ins Polarmeer Sturm, hohe Dünung und Wellen begleiteten uns, so dass wir unsere Kabine als Waschsalon getauft haben - mit Dauerwaschgang vorm Bullauge. Bei schönem Wetter war heller Schaum davor, bedrohlicher sah das Meer an grauen Tagen aus. Tagelang auf dem Polarmeer unterwegs, interessante Vorträge über den Einfluss des Golfstromes, die Entstehung und Entdeckung von Spitzbergen, die arktischen Vogelwelt gehört, das viel zu gute Essen, die Mitternachtssonne: an Schlaf war kaum zu denken. Nachts Passage der Bäreninsel, Brutstätte vieler Vögel, eisiger Nordwind.

Mal wieder Land, aber unbewohnt von Menschen, beschienen um 3 Uhr von der Mitternachtssonne. Ein kurzer Schlaf mit Schaukeln in der Koje, ein gutes Frühstück und danach wieder warm angezogen aufs Sonnendeck. Einige Miturlauber joggten den kleinen Parcours. Obgleich wir über den 80. Breitengrad geschaukelt sind, war die Packeisgrenze noch nicht erreicht. Alles grau in grau und wir waren fast alleine oben. Ich dachte bei mir: Die lange Reise auf diesem Schaukelkahn und es sieht hier nicht anders aus wie die Nordsee vor Cuxhaven, kalt, alles grau in grau und ungemütlich.

Ja, und dann aus dem Nichts erlebten wir unser Highlight: Spitze schneebedeckte Berge, wie die aus der Schokoladenwerbung, schroff und steil, Gletscher, Eisberge und türkisfarbenes vom Gletschereis gefärbtes Meer. Der Himmel riss auf und die Sonne machte diesen unvergesslichen Anblick einmalig. Wir tuckerten durch die unberührte Natur, nur wir: eine kleine Kreuzfahrtgesellschaft mit 254 Gleichgesinnten, und die guten Geister an Bord auch nicht zu vergessen. Im Magdalenenfjord ging das Schiff auf Reede.

Mit Zodiakbooten wurden wir alle mit signalfarbenen Schwimmwesten ausgerüstet nach 60-stündiger Schaukelfahrt nur auf See ans Land von Spitzbergen gebracht. Brütende arktische Möwen waren uns nicht gerade freundlich gesonnen, sie fühlten sich wohl von uns gestört. Für unsere Sicherheit begleitete uns ein bewaffneter Bärenjäger, denn auf Spitzbergen leben etwa 3000 freilaufende Eisbären. Wir konnten sehen, dass viele einst große Gletscher abgeschmolzen und davon kleinere übrig geblieben sind. Ein Besuch im nördlichstem Postamt der Welt in Ny Alesund, einer Forschungsstation mit einer Handvoll roten oder ockerfarbenen Holzhäusern, ein vormarkierter Weg, mal wieder ein kurzer Landgang.

Nach 12 Tagen nachts von der Sonne beschienen der Rückflug von Longyearbyen/Spitzbergen nach Frankfurt Main zurück. 250 warm angezogene Nordlandurlauber inmitten leichtbekleideter Sommerfrischler. Ein paar Tage hat’s immer noch geschaukelt und der versäumte Schlaf wurde peu à peu nachgeholt. Es war eine Reise, die uns unvergesslich bleibt. Viele Bilde sind eine schöne Erinnerung, aber kein Vergleich, dieses Naturschauspiel mit eigenen Augen gesehen zu haben.

Birgit und Karl-Heinz Berger