Schriftstücke

Benjamin Wellenkamp schreibt: "Murks"

Ich, Benjamin Wellenkamp, wurde verlassen, überdrüssig war ich meines Lebens schon vorher.

Der Versuch, mir etwas anzutun war überhaupt nicht erfolgreich, ich kam nicht einmal ins Krankenhaus. Ich war eben in jeder Hinsicht eine Niete. Dass ich sogar das Vorhaben, mich umzubringen nur halbherzig anging, entlarvte meinen armseligen Jammer vollends und bewies, ich war bloß ein Idiot und Wichtigtuer.

Ich konnte meine hirnverbrannten Einfälle noch nie leiden. Dabei verdiene ich damit mühelos einen Haufen Geld. Mein Beruf ist das Ausdenken von Geschichten im Auftrag anderer. Ich hatte schon zu Beginn meiner Studienzeit bei einer Agentur für Drehbücher unterschrieben. Meine Agentinnen verlangten stets einfach Gestricktes: Liebe mit Verwicklung, die den Alltag erschüttert! Das Ziel: Zerstreuung der frustrierten Frau zur besten Sendezeit. Mir war das egal, ich mochte sowieso nicht, was ich schrieb und war frei von Idealismus.

Meine Mutter schreibt Kinderbücher und Hörspiele. Sie beutete meine Fantasie bereits aus, als ich grade angefangen hatte zu sprechen. Eine Geschichte mit dem Titel "Das Loto und der Lalla - Das Auto und der Ball" war buchstäblich von mir inspiriert. Dafür gab es einen 1. Platz - Das Goldene Lätzchen - als beste vermittelbare Kost mit pädagogischem Ansatz. Bei jeder popeligen Familienfeier las sie das Werk vor und wedelte mit der Urkunde.

Eine Folge von Mutters Ehrgeiz war mein Germanistikstudium mit Medienschwerpunkt. Dort liefen nur solche blasierten Schwachköpfe herum wie ich. Es war kaum auszuhalten. Und so trat ich dort bald nur noch selten auf. Filme anschauen konnte ich auch zu Hause. Man kann es wie Saufen, Vögeln, Onanieren und Schlafen hervorragend bei verschlossenen Gardinen tun.

Ich beschloss, mir ein Hobby zu suchen und entschied ich mich für Schauspielunterricht. Frau Lomonossows Angebot hing am Schwarzen Brett der Mensa. Auf dem Zettel stand nur eine Adresse.

Frau Lomonossow war so klein, dass ich meinen Kopf neigte, um ihr ins vergnügte Gesicht zu schauen. Sie gab mir beide Hände und zog mich mit einem Ruck über die Schwelle direkt ins Wohnzimmer.

Sie verschwand in der Küche, werkelte pfeifend herum und servierte dann säuerliches Schwarzbrot, eine kräftig gewürzte Wurst und einen Berg Perlzwiebeln. Sie sagte, wir müssten uns erst mal ein bisschen unterhalten und öffnete eine Flasche Wodka. Ich blieb bis nach Mitternacht. Und so ging es nun jede Woche. In Schauspiel unterrichtete sie mich kaum. Ich glaube, sie hielt mich für talentlos.

Nach ein paar Monaten verkündete Frau Lomonossow, sie würde schon bald nach Russland zurückkehren. Ihre Geschichten aus der Heimat und immer wieder von der Liebe erfüllten mich nun an fast jedem Abend. Sie war eine große poetische Laienphilosophin. Bald hatte sie mich davon überzeugt, dass Geld das Unwichtigste im Leben war und außerdem den Charakter ruiniere.

Sie war nie zu Geld gekommen, schien mir aber, trotz all ihres persönlichen Unglücks, eine überaus zufriedene Person zu sein. Unser Beisammensein, bei dem einen oder anderen Wodka im Tee, hatte mich sanft davon überzeugt, dass es mehr gab, als ein reicher Fuzzi zu sein, der zu keinem einzigen bedeutungsvollen Gefühl fähig war.

Nachdem Frau Lomonossow angekündigt hatte, mich zu verlassen, verflog meine Gier nach Neuem, und die Idee der wahrhaftigen Liebe nutzte ich nicht als Impuls für die Beziehung mit meiner Freundin, sondern ich wurde abstrakt, starrte bloß noch vor mich hin und begann, Gedichte auswendig zu lernen. Frau Lomonossow hatte mal gesagt:

"Es ist auch Liebe, wenn du fühlst Liebe ohne jemand anders, das ist die erste Regel der Liebe Benjamin!"

Und dann packte sie ihr altes Köfferchen, mit dem sie auch damals gereist war. Wehmütig fuhr ich sie zum Flughafen. Sie legte mir zum Abschied beide Hände auf die Brust und sagte: "Hier musst du lernen."

Halbherzig sah ich mich nach einer neuen Schauspiellehrerin um. Auch sonst wurde ich ziemlich gleichgültig und begann passenderweise zu kiffen, obwohl mir das nicht mal gefiel.

Und dann bemerkte ich langsam, dass meine Freundin nicht mehr wie sonst ein-, zweimal die Woche vorbeikam. Plötzlich entdeckte ich auch ihren Schlüssel auf dem Tisch in der Küche.

Ein paar Tage später rief ich bei ihr an, um zu fragen, ob sie das ernst meine. Sie brüllte: "Ja, und wie!" Ich murmelte: "Ach so, na ja, na dann, na gut."

Ich machte mir vor, mein Schauspielstudium durch das Anschauen von Filmen fortzusetzen. Ich lieh mir jede Menge Zombiefilme aus, kaufte mir sogar ein paar. Dann Filme mit Männern, die in Gruppen organisiert waren und dazu schöne schweigsame Frauen und Schnellfeuerwaffen benutzten. Mir ging es wirklich besser, aber ich brauchte dringend neuen Input. Also besuchte ich ein Schwul-Lesbisches Filmfest.

Ich tauchte mit Begeisterung in diese Welt ein. Besonders gefiel mir die Liebesgeschichte zwischen einer amerikanischen Kriegsberichterstatterin in Afghanistan und einer den ganzen Film über verhüllten Muslima. Das brachte mich zum Heulen.

Ich war erleichtert, da ich nach meinem Heimkinoexzess befürchtet hatte, durch das ewige Blut und Gemetzel, sei der Rest meiner Empfindungsfähigkeit auch noch abgestorben.

In schwächlicher Offenheit setzte ich mich nach Fara&Farah zu einem lesbischen Pärchen in die Gastronomieecke des Foyers. Dankbar stieg ich in ihr Gespräch über die mediale Ignoranz gegenüber Homosexualität in ihrer Alltäglichkeit ein. Ich konnte sogar einen originellen Beitrag leisten, da ich während meines Filmmarathons auf einen Genremix aus Splatter, Kostümfilm und lesbischem Amazonenporno gestoßen war. Zum Schluss verspeiste eine blonde Cleopatra in der Totalen einen dreischwänzigen Cäsar. Technisch war das gar nicht schlecht gemacht.

Ich dozierte, dass erst der Mangel an Qualität eines Kulturerzeugnisses Normalität für Randgruppen schaffe. Das nette Paar resümierte, ich sei ein witziges Kerlchen, sie würden mich adoptieren. Meine Gesellschaft war amüsant, obwohl es mir miserabel ging! Aus diesem Holz sind Helden geschnitzt!

Ich hätte beinahe all die Schmach vergessen, die es mit sich bringt, verlassen zu werden, weil man ein Nichtsnutz war. Nach reichlich öligen Oliven, Käsewürfeln, drei Karaffen Tempranillo und ein paar kalten Brandy tranken wir Schwesternschaft. Dann verging mir die Laune, denn das Pärchen hieß Moni und Anna. Das mag nicht von Belang erscheinen, wenn man nicht weiß, dass eine Anna Schuld an meiner neuen Existenzform als Zuschauer der Liebe war. Ich sagte noch, ich sattel jetzt die Pferde, als würde mich das zum Cowboy machen und wankte zur nächsten Videothek. Ein paar Kriegsfilme ohne Moral rückten mich ein wenig zurecht.

Dann beging ich einen Fehler. Ich schaute französische Filme aus meiner eigenen Sammlung - über die Gravität der Liebe, ihre Grausamkeit, die Einsamkeit, die Fatalität, die Schönheit, die Vergänglichkeit. Ein Marathon großer Regisseure, Darsteller und Themen in meinem kleinen Leben am späten Abend.

Kurz darauf kam ich auf die Idee, mich umzubringen.

Aber die Tabletten aus meinem Alibert waren nicht die richtigen, das Messer war stumpf und das Geschenkband um meinen Hals riss. Später ging ich, noch mit der Schlaufe um den Hals, in die Bar, in der Anna arbeitete. Sie war ganz in der Nähe. Ich hatte da auch mal gearbeitet. Ich kellnerte aus bloßer Langeweile zur Selbsterfahrung und bin nach zwei Schichten wieder rausgeflogen. Mir wurde gesagt, ich wäre talentfrei für Tätigkeiten mit den Händen.

Anna war dort, arbeitete fleißig und lächelte zu allen Seiten, nur nicht in meine Richtung. Sie sah nicht einmal zu mir rüber. Dafür beobachtete mich Volker. Volker gehörte die Bar. Er berührte Anna jedes Mal wenn er in ihre Nähe kam.

Volker drohte mit Hausverbot, komische Kauze würden die Gäste verstören! Ich konnte ihn verstehen, schließlich ging es um seine Existenzgrundlage. Doch auch meine Existenz stand auf dem Spiel! Ich hielt mein Selbstmitleid kaum noch aus. Wer leidet, den soll man nicht stören. Und wenn ich normal drauf war, war ich viel weniger scheiße als Volker.

Meine Darstellung eines Selbstmörders schien niemanden zu interessieren. Ich sah mein Bild im Spiegel hinterm Tresen, es sah irgendwie verwaschen aus, zerlief und verschwamm dann vollends! Ich wankte, hielt mich an einem Barhocker fest und richtete mich mit Mühe wieder auf.

Nachdem ich vergeblich versucht hatte, mir eine richtige Träne rauszudrücken, steckte ich in einem günstigen Moment den Finger in einen Schnaps und rieb ihn mir ins Auge. Es brannte, ich brüllte, zog eine Serviette unter dem Cocktail einer riesigen Blondine hervor und tupfte damit auf meinem Augapfel herum. Die Riesenblondine tätschelte mir die Wange und lud mich auf einen Cocktail ein. Langsam wurde es nett, Zeit zu gehen also!

Die Serviette aufs Auge gedrückt, stolperte ich hinaus. Auf dem Weg nach Hause, entschied ich, mir helfen zu lassen. Kaum hatte ich die Tür hinter mir zugeworfen, wählte ich die Nummer der Studentenseelsorge.

"Studentische Seelsorge, Barbro am Apparat, ich bin für dich da, worum geht es?"

"Hallo, ähm Barbara?"

"Neee, Barbro, das ist die skandinavische Variante. Kenn ich schon, dass das keiner kennt. Du, aber wart mal, bist du ein Mann?!"

"Ja, ich glaube schon."

"Ach okay, liegt das Problem im transsexuellen Bereich?"

"Was? Hä? Ach so, nee nee, ich bin ein richtiger Mann!"

"Na, dann herzlichen Glückwunsch! Aber für Witze ist die Leitung heut nicht frei, heute ist frauenspezifischer Abend hier, darauf wollte ich durch meine Fragestellung hinaus! Die Frauenabende sind immer die Marlene-Dietrich-Tage vor der Freiheit."

"Äh, ach so ... Und was heißt das jetzt?"

"Also, immer die M und D Tage vorm F Tag. Also nicht Montag- und Dienstagabend, sondern eben Mittwoch- und Donnerstagabend vor Freitag."

"Ach so, verstehe. Aber warum sagst du dann nicht einfach Mittwoch und Donnerstag?!"

"Das lass mal meine Sorge sein. Einige Leute, die hier anrufen, fühlen sich echt nicht gut, die freuen sich über jede Eselsbrücke, die brauchen das, dass sich jemand anderer für sie Gedanken macht."

"Was qualifiziert denn dich, da Anrufe anzunehmen, studierst du irgend so ein Psychofach?"

"Sorry, aber das fällt hier jetzt auch nicht in den Gesprächsbereich. Also noch mal: Heut ist Frauentag."

"Aber es geht ja um eine Frau, eine, die mich verlassen hat."

"Wegen einer Frau?"

"Nein, wegen mir!"

"Dann ist das leider kein frauenspezifischer Konflikt."

"Was wäre denn einer?"

"Zum Beispiel, wenn du vergewaltigt worden wärst."

"Von einem Mann?"

"Ja sicher, wie sonst?"

"Aber dann wäre doch gar keine Frau an dem Konflikt beteiligt?"

"Es wäre aber ein Frauenproblem, was auch der Grund ist, warum Männer sich fast nie trauen, das anzuzeigen."

"Aber dann ist das doch erst Recht ein Männerproblem!"

"Hast du denn da schon mal Probleme gehabt?"

"Nein!"

"Musst dich nicht schämen!"

"Ich wurde nicht vergewaltigt, sondern verlassen. Hab ich doch schon gesagt!"

"Ja, tut mir leid, aber ich hab da jetzt wen in der Leitung, mach's gut."

Ich briet mir ein paar Spielgeleier. Eier beruhigen den Kopf. Irgendwo in mir braute sich was zusammen und es drohte eine Explosion, wenn ich nichts unternahm. Nicht, dass ich mich am Ende tatsächlich umbrachte.

Nachdem ich sechs Spiegeleier und ein ganzes Weißbrot verschlungen hatte, besann ich mich auf den weisen Satz eines anonymen Ernährungswissenschaftlers: Nach dem Essen sollst du ruhen oder tausend Schritte tun!

Ich zählte nicht mit, aber ich lief die ganze Nacht.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, saß ich an einer Bushaltestelle und hatte einen üblen Geschmack im Mund. Nach ein paar Schritten lehnte ich mich an eine Ampel und schlief wieder ein. Die Stimmen zweier Jungs weckten mich auf. Zusammen aßen sie Chips aus einer riesigen Tüte. Der größere sagte: "Lass uns doch einen Umweg gehen, damit wir die noch aufessen können!"

Ich fragte mich, warum sie zum Essen nicht einfach stehen blieben. Da wurde mir klar, dass ich mich eigentlich so ähnlich verhielt. Es wurde grün, eine Frau sagte zu ihrem kurzbeinigen Hund: "Los Joschi, lauf, sonst ist es gleich wieder rot!"

Ich tat es Joschi gleich und rannte über die Straße.

Drüben blieb ich stehen, es reichte.

Nur ältere Damen und Lesben mochten meine Gesellschaft. Denn sie waren von meinem durch Selbstüberschätzung und Selbstverachtung gleichermaßen durchdrungenen Charakter nicht unmittelbar betroffen. Ich musste einfach einsehen, dass ich im Grunde nichts als ein lascher Kotzbrocken war und daran etwas ändern.

Bisher verschwieg ich, dass Anna schon die dritte Frau war, die mich in dem Jahr verlassen hatte. Es musste ein anderes Ende geben, ein happy Ende, oder zumindest ein funny Ende! Ich summte Michael Jacksons "Man In The Mirror".

Im Supermarkt kaufte ich nur Lebensmittel, von denen meine Mutter sagt, sie regten den Organismus eher auf als an. Zu hause aß ich einen ganzen Schweinebraten, einen Karton Windbeutel, ein Glas Erdnussbutter, ein paar Stücke Butterkuchen und spülte mit einem Billig-Wodka namens Igor nach. Danach schlief ich sofort ein.

Als ich aufwachte, fühlte ich mich ausgeruht und mir war nicht schlecht. Ich stand auf, nahm eine Wechsel-Dusche, zog mir eine bequeme Hose an und begann zu schreiben.

Nach einer Woche war ich fertig und hatte zu meiner Überraschung einen Krimi geschrieben. Mir fiel ein, dass ich mir als Kind schon mal einen Krimi ausgedacht hatte, aber meine Mutter sagte: "Nein, mein lieber Benjamin, das ist nichts für Kinder, erzähl mir lieber noch mehr von der grünen Giraffe, die sprechen und tanzen kann!"

Ich wollte Barbro anrufen, um ihr von meiner Mutter zu erzählen. Aber eigentlich wollte ich ihr noch lieber mein Werk vorlesen. Leider war es Donnerstag. Also kam Barbro erst am nächsten Tag in den Genuss von "Frau Gorki spielt falsch".

Es geht darin um eine alte russische Lesbe, die vorgibt Schauspiellehrerin zu sein, eigentlich aber verdeckt ermittelt. Die Tarnung hat die Kommissarin angenommen, da sie einen Fall im Studentenmilieu aufklären muss. Den Mord an einem BWL Studenten, der aus Leidenschaft Theater spielte. Schließlich bringt Frau Gorki zu ihrem eigenen Erstaunen ein Stück auf die Bühne, das allerdings ausgebuht wird. Aber immerhin ist sie mittlerweile dem wahren Täter auf die Schliche gekommen.

Barbro war begeistert. Sie wollte meinen Namen wissen und fragte, ob man nicht mal was trinken gehen wolle.

Meine Agentinnen verkauften das Buch eilig an einen ganz anständigen Fernsehsender. Frau Gorki sollte schon bald dreimal im Jahr ermitteln.

Ich kaufte einen großen Flachbild-Fernseher, einen DVD-Player und brach auf nach Moskau. Ich musste mich bei Frau Lomonossow einfach mit teuren Geschenken bedanken, schließlich hatte ich noch lange nicht soviel zu bieten wie sie.

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