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René Hamann

Es begann. Es begann, milde zu regnen, die Luft hatte sich grau eingefärbt. Eine alte Frau schleppte einen Müllsack über den Gehweg. Ein Jaguar parkte rückwärts in eine Lücke.

Das Taxi wartete an der Ampel. Der Fahrer rieb sich die Augen. Franziska saß geknickt auf der Rückbank. Sie schaute nach draußen, durch das offene Seitenfenster, ohne etwas zu sehen. Auf Fahrbahnhöhe lag ein schlieriger Film. Hitze. Der Wagen zog wieder an, die Luft bewegte sich, ein Windzug umspielte ihre Augen. Die Taxifahrt führte über eine der zahlreichen Brücken der Stadt, die sie vor Jahren verlassen hatte. Wie wenig ich diese Brücken vermisse, dachte sie. Sie war zu Besuch da. Sie war lange nicht mehr hier gewesen. Sie erinnerte sich nicht. Wir haben keine Vergangenheit, wir haben keine Geschichte, dachte sie im Taxi. Was wir erlebt haben, ist verloren, wir waten durch endlose Gegenwart. Eine Handlung folgt auf die andere, folgenlos.

Am Rand zogen hohe Gebäude vorbei, kalt und stattlich. Unwirklich, schief. Sie ähnelten sich, sie blieben dieselben. Spätes Licht. Reflexionen. Das Radio des Taxifahrers spielte alte Schlager. Sie hielten wieder an einer Ampel. Ein hektischer Alter mit blassrosa Schal überquerte die Kreuzung. Er blieb blicklos. Die Fahrt ging weiter. Franziska schob ihr Fenster hoch. Der Abstand vergrößerte sich. Manche der Häuser trugen Hüllen. Hinter den Hüllen Gerüste. Die anderen Wagen, die entgegenkommenden, die überholenden, die überholten, wirkten wie kleine Raumschiffe. Franziska saß geknickt im Taxi, sie erinnerte sich nicht an den Anlass. Von der Gegend, die sie mit dem Taxi durchmaß, erkannte sie nichts. Der Taxifahrer blieb stumm. Die Musik im Radio blieb angenehm, ein nicht störendes Säuseln mit einer fremdsprachigen Stimme.

Sie zahlte und stieg an der Ecke aus. Beine, die aus dem Taxi heraus auf den Asphalt aufsetzten. Der Regen hatte aufgehört. Ein Frieden lag in der Luft, eine angenehme Vibration. Eine undeutliche Nähe, manchmal der Anflug einer alten Vertrautheit, eine sanfte Welle. Franziska ging damenhaft die Straße herunter. Dunkelbrauner Rock, Tasche, herrschaftliche Bluse. Das rote Haar zusammengesteckt.

Vor der 24-Stunden-Bar kurz vor dem kleinen Stadthotel hockte ein Mann, betrunken, mit der Nase im Schoß. Vor ihm lagen zwei Münzen. Manche denken, es reiche, sich hinter einen Becher zu platzieren, dachte sie. Der Mann dachte nichts. Schon länger nicht mehr. Es gab Menschen, die sich die Haare wachsen ließen, es gab Menschen, die machten den Segelschein.

Sie betrat das Hotel. Sie nahm den Aufzug. Mit dem Rücken zum Spiegel. Im Flur schien schales Licht. Nicht eben lohfarben. Es roch nach Reinigungsmitteln und Staub, und von irgendwo schwebte eine Fahne von würzigem Essen, vielleicht Bratkartoffeln, heran. Franziska tappte durch weitläufige Gänge. Begegnungen im Hotel. Die ruhigen Reinigungskräfte, die vereinzelten Gäste, die an ihren Türen rüttelten oder Gespräche auf ihren Mobiltelefonen führten. Sie nickte ihnen beiläufig zu oder nuschelte Halbsätze, bog um die Ecke, schlenderte weiter. Am Ende stand eine Kassettentür, durch die sie in einen Salon kam. An den Wänden windschiefe Bilder, an den Tischen niemand. Dann erschien das viskose Gesicht einer Kellnerin und fragte nach Wünschen. In den Fenstern flatterten Vögel. Die Erfüllungsstunden im Gelände. Helle Seen, weicher Himmel.

In der Zeitung waren Soldaten abgebildet. Aufmärsche im Fernen. Franziska blätterte die Seiten um, überflog die Buchstaben, manchmal blinzelte sie der Bedienung zu, einer großen, schlanken jungen Frau mit weißblonden Haaren und einer Brille, die ihr wie ein Vogel auf der Nase saß. Sie wusste nicht, wozu. Sie fühlte sich erinnert, an einen Teil ihrer Vergangenheit. Es verging. Sie kratzte sich die Hände. Und widmete sich dem Essen.

Nach dem Essen ging sie hinauf. In der Nacht Geräusche. Flüstern im Flur. Knacken von Holz. Keuchen. Ein trockener Husten. Ein Grundrauschen auf der Straße. Sie schlief nach hinten raus. In ihrem Gesicht bildeten sich Flecken. Sie rief niemanden an. Sie verschickte keine Kurznachrichten. Den Fernseher ließ sie laufen, als sie ins Bad ging. Unter der Dusche dachte sie nichts. Beim Zähneputzen auch nicht. Als sie zurück ins Zimmer kam, es war eng und unwohnlich, stellte sie den Fernseher ab. Das Ende, wie wir es kennen.

Sie hatte Adressen in der Stadt, aber sie hatte keine davon aufgesucht. Sie hatte keine Lust. Sie war nicht aus beruflichen Gründen hier. Sie hatte vergessen, weswegen sie hier war. Sie war zu Besuch. Ihre Karriere führte sie in der Welt herum, nur nicht in ihre Heimatstadt. Ihre Familie lag auf einem Friedhof. Die Geräusche nahmen zu, sie kratzte sich im Ohr, sie suchte nach Ohropax, einer kleinen Schachtel, dann nahmen die Geräusche ab und die Bilder verstärkten sich.

Der aufgetakelte Fleck. Ein scheußlicher See. Jemand in einem dunklen Boot. Jemand ruderte. Sie sah in ein Gesicht, ohne es zu erkennen. Ein schattenhafter Mann. Er sagte etwas. Sie antwortete etwas. Sie fühlte eine Zuneigung, sie griff sich an die Brust. Sie erschoss ihn mit einer silberblauen Pistole. Er zeigte keine Regung, blutete nicht. Er fiel nicht ins Wasser. Er verschwand einfach. Löste sich in Luft auf. Sie drehte sich um und sah, dass das Boot in Richtung einer Hafenstadt trieb. Lichter am Strand. Musik. Tanzende Menschen. Karussells. Johlende Kinder. Hunde. Sie schwitzte und drehte sich zur Seite. Sie fror. Sie klapperte mit den Zähnen. Sie machte die Augen auf und sah nichts. Keine Gestalt. Niemanden, der vor ihrem Bett hockte und sie betrachtete. Niemanden, der ihr übers Haar strich. Ihr die Bettdecke in die Hand gab, die unter dem Kinn lag. Die andere Hand zwischen den Schenkeln. Sie machte die Augen wieder zu.

Vor dem Hotel standen drei Fahnenstangen. Leere Kordeln zitterten im Wind. Gegenüber Schornsteine hinter hohen Fassaden. Jemand kam eine Treppe herab. Eine Straßenbahn fuhr die Straße hinauf. Ein silberblauer Wagen vom Ordnungsamt hielt vor dem Hoteleingang.

Die Hotelzimmer waren karg. Bilder von Corot, in jedem Zimmer eins. Die Rollwagen der Putzhilfen parkten am Ende des Gangs. Die Türen der Schränke waren holzbraun, die Schränke selbst aus Plastik. Weiße Bettwäsche, dunkelbraune Überdecken. Auf dem Bild in ihrem Zimmer die Brücke von Nantes. Wogende, schwappende Felder. Im Fenster manchmal Flugzeuge. Das Sirren einer einsamen Lampe im Hinterhof. Der Geruch nach Küchenabfällen. Sie schob die Bettdecke herunter. Sie hatte Kratzer auf den Unterarmen. Kratzspuren. Die nicht von einer Katze stammten. In den Morgenstunden träumte sie von Musikdateien, die sie über ein Taxameter hatte herunterladen können. Sie fuhr schwarz.

Sie fand die Welt spröde und verklebt. Eine alte Kommode, ein gespaltenes Bett, eine lasche, leere Schrankwand. Sie schaute sich um und erkannte: Innere Zufriedenheit ist ein Mythos. Es herrschte Lähmung. Sie stand auf, wusch sich, zog sich an. Sie drückte eine Klinke, sie grüßte die Putzhilfen. Dann der Aufzug nach unten. Ein Tisch für zwei, an dem sie alleine saß. Die weißblonde Bedienung war nicht da, das Essen war kalt. Es gab Kaffee statt Wein. Die Zeitung trug ein neues Datum und andere Fotos, ausgebrannte Autos, Hochhäuser unter Wasser, volle Boote. Um sie herum flüsterten Rentnerinnen mit ihren Männern. Hautflecken, verbrauchte Körper, Gesichter aus Teig. Wohlbehütete Leben.

Nach einer Stunde verließ sie den Frühstücksraum und ging nach draußen. Tauben hingen in der Luft wie Marionetten. Der Himmel gab sich gescheckt. Die Sonne schien minutenlang auf den glänzenden Asphalt. Die Bewohner des Viertels standen draußen und warteten. Kioskbesitzer und ihre Söhne, Getränkelieferanten und Taxifahrer, Imbissbudenbesitzer und ihre Angestellten, Tagelöhner, Säufer, gewöhnliche Arbeitslose. Eine befremdliche Welt. Worauf sie warteten, wurde nicht klar. Sie hatten mit ihren Leben abgeschlossen, schien es, und lebten jetzt gemächlich auf den Tod hin. Männer mit Bierflaschen. Männer mit Autoschlüsseln, missmutigen Gesichtsausdrücken bei Schnurrbart. Handwerker in Kastenwagen. Franziska fürchtete sich, sie fürchtete sich nicht. Sie bog um die Ecke. Mit zusammengekniffenen Augen lief sie durch die Straßen. Die Stadt als Fledermaushöhle. Nein, keine Vergangenheiten, immer noch nicht. Keine Spuren. Keine Ermittlungen. Nichts von der Karriere, die hier begann. Keine Verflossenen. Keine nächtlichen Fragen.

Jemand liebte sie damals, ob sie jemanden liebte, wusste sie nicht mehr. Sie bewarb sich in fremde Städte. Sie bekam Angebote, sie führte Gespräche. Sie ging auf Reisen. An einem Baggersee hatte sie sich entschieden. Ein Sommertag vor siebeneinhalb Jahren. Sie erinnerte sich nicht.

Sie sah Beine in Autos verschwinden. Eine Frau kniete auf dem Gehsteig, Blick aufs Telefon. Eine andere las im Gehen. Ein junger Türke lehnte sich an sein Auto. Ein mattgrüner Citroen. Er sagte ihr nichts. Eine grauhaarige Dame trug einen Staubsauger über die Kreuzung, Schlauch voraus.

Dann doch eine Erinnerung, ein Stechen, ein unwillkürliches Gefühl. Hier in der Nähe hatte sie einmal gearbeitet. Eine kleine Idylle voller Topfpflanzen und Arbeit, die ihr nichts bedeutete. Schattiges Dasitzen unter launigen Chefs und rauchenden Kollegen in einer umgestalteten Altbauwohnung. Sie hatte etwas Besseres gelernt. Sie schaute das Haus hinauf, das Haus trug Markierungen, Gekritzel, unbekannte Zeichen. Ein altes Klingelschild. Sie empfand eine Bedrohung. Ein dumpfes Gefühl wollte sich festsetzen in ihrem Kopf. Ein Panikschub kündigte sich an. In diesem Moment beschloss sie ihre Rückfahrt.

Den Rest des Tages widmete sie der Innenstadt. Autos verschwanden und tauchten an anderer Stelle wieder auf. Satellitenschüsseln glänzten in der Sonne. Menschen schwenkten ihre Plastiktüten auf dem Weg nach Hause. Leere Kirchen, halb volle Paläste, Marktstände, die im Wind flatterten. Die Schönheit einer Fabrik, solange man weit genug davon entfernt stand. Menschen auf Parkbänken, Menschen, die mit anderen Menschen redeten, obwohl sie weit voneinander entfernt waren. Franziska suchte Geschäfte auf, schaute in Bücher hinein, klapperte Kleiderstangen ab, kaufte sich einen Kaffee, niemand beachtete sie. Sie überließ sich der reinen Gegenwart. Das schale Leben, die schleichende Zeit.

Am Abend ging sie ins Kino. Rote Stuhlreihen. Außer ihr saßen nur Männer da. Auf der Leinwand konnte man schwitzende Penisse sehen. Franziska rutschte auf dem Sessel hin und her. Sie blinzelte nach links und nach rechts, nach vorn und nach hinten, aber die Männer interessierten sich nicht für sie. Sie starrten gebannt auf die Leinwand. Nach einer halben Stunde hatte sie genug und stand auf. Das Foyer war menschenleer. Die Luft draußen war angenehm kühl, zum Hotel war es nicht weit, sie ging zu Fuß. Alles, was sie empfand, war eine vage Unzufriedenheit. Sie muss etwas ändern, überlegte sie, eine neue Herausforderung annehmen. Schwanger werden.

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