Raumfahrt

ISS-Station: Trotz Ukrainekrieg "Business as usual" im All?

| Lesedauer: 4 Minuten
Miguel Sanches
Selenskyj ruft Europäer mit Kampferfahrung zur Verteidigung der Ukraine auf

Selenskyj ruft Europäer mit Kampferfahrung zur Verteidigung der Ukraine auf

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Europäer mit Kampferfahrung aufgerufen, sein Land bei der Abwehr des russischen Großangriffs zu unterstützten. Es gehe darum, "Europa zu verteidigen", sagte Selenskyj.

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Der deutsche Astronaut feiert Geburtstag, ein Amerikaner fliegt mit Russen heim. Wie trügerisch ist die Normalität auf der ISS-Station?

Berlin. 
  • Russland hat die Lieferung von Raketentriebwerken an die USA gestoppt, eine Reaktion auf westliche Sanktionen
  • Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos setzte die Zusammenarbeit mit den Europäern bei Weltraumstarts in Kourou in Französisch-Guayana aus
  • Die europäische Raumfahrtagentur Esa legte ihrerseits das gemeinsame Weltraumprojekt "Exomars" mit Russland auf Eis
  • Zuvor hatte Roskomos-Chef Dmitri Rogosin die USA vor einem überstürzten Ende der Zusammenarbeit auf der ISS gewarnt. "Wer wird die ISS vor einem Absturz bewahren?", schrieb er auf Telegram

Am 30. März endet für Mark Vande Hei ein fast einjähriger Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation (ISS). Mit einer russischen Sojus-Kapsel soll der Amerikaner in der kasachischen Steppe landen.

Was jahrelang selbstverständlich war, wird in diesen Tagen extra erwähnt. Denn die Raumfahrt ist nicht völlig losgelöst von der Politik auf der Erde, vom Ukraine-Krieg.

Ukraine-Krise – Die wichtigsten News zum Krieg

Der Live-Blick durchs Fenster: Himmlisch, schlicht friedlich. Blaue Stunde im Weltall. Gerade schwebt die ISS über den Ozean.

Die Weltraumstation sei wirklich eine "heile Welt", erzählt Jan Wörner am Telefon. "Was da in der Ukraine passiert, ist natürlich ein Schock", räumt der langjährige Chef des deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ein.

Trotz Krieg: Bisher arbeiten Astronauten weiter zusammen

Der Kriegsausbruch ist den Astronauten auf der Internationalen Raumstation ISS in 400 Kilometer Höhe nicht entgangen: einer Frau und sechs Männern, dem Saarländer Matthias Maurer, vier Amerikanern und zwei Russen. Maurer hat am Freitag Geburtstag: Er wird 52 Jahre alt.

Wörner hofft, dass es "weiter geht". Und tatsächlich ist das Vorzeigeprojekt ISS nicht gefährdet. Drei Kosmonauten starten ungeachtet der politischen Großwetterlage zur internationaken Raumstation.

Schon nach der Krim-Annexion ging das Leben weiter

Wörner war schon dabei, als Russland 2014 die Krim annektierte. Exakt in diese Zeit fiel eine ISS-Mission mit dem Deutschen Alexander Gerst. Wörner wurde zum Start eingeladen. Er hat lange gezögert und trat nicht ohne Anspannung die Reise nach Moskau und weiter zum Kosmodrom Baikonur in Kasachstan an. "Ich fand dort eine ganz andere Welt", erzählt er. Die Russen sagten, "wir arbeiten zusammen im Weltraum. Punkt."

Die Geschichte der Raumfahrt ist eine Geschichte der Spannungen, angefangen im Kalten Krieg mit dem Rennen von Amerikanern und Russen um die Vormacht im All. Trotz der Rivalität war 1975 die Ankopplung eines amerikanischen (Apollo) und eines russischen Raumschiffs (Sojus) möglich.

Russen warnen vor Absturz der Weltraumstation

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts in den 90er Jahren begann mit der ISS eine echte Zusammenarbeit. Schon die erste Besatzung der Station, der Amerikaner Bill Shepherd und die Russen Sergei Krikalev und Yuri Gidzenko, starteten am 31. Oktober 2000 von Kasachstan aus.

In einem Rechtsabkommen regelt die Zusammenarbeit, auch die Beilegung von Streitigkeiten im Orbit. Jahrelang gab es sogar nur ein Transportsystem: die russische Sojus. "Abhängigkeiten untereinander sind nicht unbedingt etwas dramatisch schlechtes", sagt Wörner.

Er glaube nicht, "dass die ISS einfach abstürzt". Schon ganz praktisch nicht, weil sie einen eigenen Antrieb habe "und immer wieder angeschoben werden" könne. Fakt ist: Zumindest für die Russen gibt es ein Worst-Case-Szenario.

ISS: NASA hält an der gemeinsamen Station fest

Mag sein, dass die Astronauten auch politisch über den Dingen stehen. Aber in gewisser Weise ist die ISS auch ein Abbild der getrennten Welten auf der Erde.

Auf der ISS gibt es einen amerikanischen und einen russischen Teil - mit einer Schnittstelle. Der europäische, der japanische Teil und ein Robotikarm der Kanadier docken buchstäblich wie bildlich an die Amerikaner an und nicht etwa an den russischen Teil. Vieles ist getrennt, zum Teil auch die Daten. Die Kontrolle erfolgt immerhin gemeinsam über die Bodenstationen.

Wegen Ukraine-Krieg: Zur ISS nur in getrennten Flügen?

Seitdem die NASA dank privater Anbieter wie Elon Musk wieder selbst den Transport erledigen kann, könnten Amerikaner und Russen jeweils allein fliegen. Wörner hofft dennoch, "dass es sich so einstellt, dass man zusammen fliegt." US-Astronaut Vande Hei verlässt sich darauf.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt