Empathie

Höhlen-Drama gegen Flüchtlinge: Psychologe erklärt Mitgefühl

Schaulustige und Unterstützer jubeln, als die ersten Krankenwagen nach der Rettung der ersten Jungen die Höhle verlassen. Nicht nur vor Ort, weltweit ist die Anteilnahme riesig.

Schaulustige und Unterstützer jubeln, als die ersten Krankenwagen nach der Rettung der ersten Jungen die Höhle verlassen. Nicht nur vor Ort, weltweit ist die Anteilnahme riesig.

Foto: Lauren DeCicca / Getty Images

Die Welt fieberte mit dem Fußballteam aus Thailand. Bei Flüchtlingen auf dem Mittelmeer ist das anders. Warum, erklärt ein Psychologe.

Berlin.  Die Anteilnahme am Schicksal der Jugendfußballmannschaf t aus Thailand war riesig. Menschen weltweit hofften mit ihnen. Die ganze Welt freut sich über die Rettung der zwölf Jungen und ihres Trainers.

„Zum ersten Mal unterstützt die ganze Welt dasselbe Sportteam und es ist einfach wunderbar“, twitterte eine Nutzerin, als der Rettungseinsatz noch lief. Der Tweet wurde zwar mittlerweile gelöscht, doch die Worte beschreiben das Gefühl – das Mitgefühl – der Menschen weltweit äußerst treffend.

Woher kommt aber diese große Solidarität mit zwölf Jungen und ihrem Trainer? Welche Faktoren beeinflussen, warum wir mit der Gruppe bangten und hofften? Und warum ist das Mitgefühl für Menschen, die über das Mittelmeer flüchten, bei weitem nicht so groß wie für die Jungen in der Höhle in Thailand? Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der Freien Universität Berlin, spricht über das Phänomen.

Warum berührt uns das Schicksal der Jungen und ihres Trainers so sehr?

Peter Walschburger: Die weltweite öffentliche Aufmerksamkeit wird im Grunde aus zwei Hauptquellen gespeist. Zum einen lenken die Medien erhöhte Aufmerksamkeit auf die Ereignisse. Das verstärkt eine in uns schlummernde Lust an der Aufregung, die auch als Gaffer-Mentalität beschrieben wird. Die andere Komponente ist die hohe Bereitschaft von Menschen in sozialen Gruppen, Mitgefühl zu zeigen.

Das müssen Sie genauer erklären. Zeigen wir alle bloß Empathie, weil wir sensationslustig sind?

Walschburger: Keineswegs. Aber der Rettungseinsatz für die Jungen in Thailand hat alle Ingredienzen eines spannenden Dramas, eines Aufregers. Und die Leute werden davon mächtig angezogen, von einem Gruselerlebnis, das sie aus sicherer Entfernung vom Fernsehsessel aus verfolgen können. Dafür braucht es konkrete Bilder – dramatische Bilder.

Hinzu kommt, dass das Höhlen-Drama verspricht, eine Heldengeschichte zu werden. Das passt zur wachsenden Sehnsucht vieler Menschen nach einer guten Botschaft.

Als weit entfernte Gruppe stehen uns die Ostasiaten nicht besonders nahe, wir hegen keine besondere Empathie, aber weil andere Faktoren hinzukommen, identifizieren wir uns mit ihnen, reagieren empathisch, zeigen Mitgefühl. Das ist keine reine Sensationslust.

Welche anderen Faktoren sind das?

Walschburger: Das Einfühlen in die Situation der Eingeschlossenen läuft über ganz konkrete sinnliche Erfahrungen. Eingeschlossensein in der Dunkelheit – das hat etwas mit menschlichen Urängsten zu tun. Dann handelt es sich um halbe Kinder. Wir fühlen nicht nur mit ihnen, sondern auch mit den Eltern, stellen uns vor, unsere eigenen Kinder wären betroffen. Die Bilder präsentieren uns Kinder und Eltern als „Menschen wie Du und Ich“, nicht als abstrakte Mitglieder einer fremden Gesellschaft.

Die Eltern leiden im Übrigen in der Situation vermutlich noch schlimmer als die Jungen. Anders als die Eingeschlossenen konnten sie nichts tun, nur warten. Sie waren ohnmächtig und hilflos.

Warum solidarisieren wir uns stärker mit 13 Menschen in einer Höhle als mit Menschen, die bei größter Gefahr für Leib und Leben über das Mittelmeer flüchten – viele von ihnen nicht älter als die Jungen in Thailand?

Walschburger: Anfangs hat es durchaus eine ähnlich große Empathie-Welle mit aktiven Formen des Engagements für die Mittelmeer-Flüchtlinge gegeben. Doch das Trauerspiel dauert nun schon allzu lange an. Dies führt bei vielen ohnmächtig zuschauenden Menschen zu einer Abart eines „Gewöhnungs“-Effektes mit gemischten Gefühlen im Zwiespalt zwischen frustrierter Hilfsbereitschaft und innerer Abwendung vor den bildhaft-konkret anklagenden Botschaften einer unmenschlichen Realität.

Diese Dynamik hat einen emotionalisierten Stil öffentlicher Debatten und einen Umschlag von einem anfänglich vorherrschenden Mitgefühl in eine Festungsmentalität gefördert, von der die Politik nicht unberührt geblieben ist.

Die Menschen sind abgestumpft, weil es seit so langer Zeit keine Lösung gibt? Daraus entstehen dann Abschottung und zum Teil Hass?

Walschburger: Bei objektiv abnehmenden Einwanderungszahlen und soliden materiellen Grundlagen reagieren zunehmend mehr Menschen bei uns mit einer Fremdenfurcht, die es ihnen schwer macht, den empathischen Blick auf einzelne Menschen zu richten, die Schutz suchen oder sich ein besseres Leben wünschen.

An Stelle des empathischen Blicks auf den Mitmenschen treten archaische, klischeehafte, kollektivierende Antipathien gegen „das bedrohliche Fremde“ schlechthin und Vorlieben für fragwürdige politische Begriffe, wie „Asyltourismus“.

Und das war beim Rettungseinsatz an der Höhle anders?

Walschburger: Die Höhle bietet sich förmlich an, Mitgefühl zu wecken, wegen der Faktoren, die ich schon genannt habe. Das Thema war neu, es war spannend und überschaubar. Und es gab einen Hoffnungsschimmer. Denn in der Geschichte steckt das Potenzial zu einer Heldengeschichte, die Retter und Gerettete gleichermaßen umfasst.