Anschläge in Toulouse

Mutmaßlicher Attentäter war offenbar in afghanischer Haft

Der mutmaßliche Serienmörder saß offenbar vor einigen Jahren wegen Bombenlegens in Kandahar in Haft - und floh bei einem Massenausbruch.

Toulouse/Paris. Der mutmaßliche Serienmörder und Attentäter von Toulouse ist identifiziert. Das gab Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy am Mittwoch bekannt. Nach Angaben von Ghulam Faruk, Direktors eines Gefängnisses in der afghanischen Stadt Kandahar, war der mutmaßliche Attentäter mit Namen Mohammad Merah vor einigen Jahren wegen Bombenlegens zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Er sei 2008 bei einem Massenausbruch der Taliban aus der Haftanstalt entkommen, sagte Faruk. Der Verdächtige, der sich in einem Mehrfamilienhaus in Toulouse verschanzt hat, hat unterdessen die Kommunikation mit der Polizei abgebrochen. Der Kontakt sei abgerissen, erklärte Innenminister Claude Guéant am Mittwoch. Zuvor hatte der Mann den Polizisten von seinem "kriminellen Weg" berichtet. Die Bewohner des Hauses sollen nach Informationen des TV-Senders BFM gegen Mittag evakuiert werden. Der 24-Jährige soll am Montag vor einer jüdischen Schule vier Menschen getötet haben.

Nach einer Unterredung mit Vertretern der jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaften betonte Sarkozy, es werde alles getan, damit der Verdächtige sich vor der Justiz verantworte. Der Präsident dankte den Ermittlern für ihre schnelle Arbeit und betonte: „Der Terrorismus wird unsere nationale Gemeinschaft nicht zerbrechen.“ Er warnte vor Rachegedanken und einer Verquickung von Religion und Terrorismus.

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Der Innenminister erklärte weiterhin, der Verdächtige habe nach eigenen Angaben in einem der geparkten Wagen weitere Waffen aufbewahrt. „Diese Waffen wurden entdeckt“, sagte Guéant. Es habe mehrere Festnahmen gegeben. Darunter seien auch die beiden Schwestern und Brüder des Mannes sowie die Mutter. Einer der Brüder sympathisiere wie der Verdächtige mit den extremistischen Salafisten. Der Mann hatte am Morgen eine Waffe, bei er sich nach Angaben des Innenministers um einen Colt handelt, gegen ein Telefon getauscht habe.

Am Morgen hatte der algerischstämmige Franzose angekündigt, sich am Mittwochnachmittag der Polizei ergeben. Guéant erklärte BFM, der Mann habe einem Polizisten seine Absichten erklärt, nachdem er eine Waffe aus dem Fenster geworfen habe. „Er hat aber weitere Waffen, darunter eine Kalaschnikow, eine Uzi und diverse Feuerwaffen“, sagte Guéant. Es sei der Mann, der die Taten begangen habe, die Justiz wolle ihn lebend festnehmen und vernehmen. Guéant: „Dieser Mann hat bereits mehrere Straftaten auf französischem Boden begangen, einige mit Gewalt."

Der Mann hat sich in einem Mehrfamilienhaus in der südfranzösischen Stadt Toulouse verschanzt. Zuvor hatte es am frühen Morgen bei dem Polizeieinsatz im Toulouser Viertel Croix-Daurade einen schweren Schusswechsel gegeben. Die Elitepolizisten hätten morgens gegen 3.05 Uhr versucht, seine Wohnung zu stürmen. Der Mann hätte sofort das Feuer eröffnet. Er habe sich in Verhandlungen mit Einsatzkräften der Eliteeinheit RAID zum Terrornetzwerk Al-Qaida bekannt, berichtete der Sender France Info unter Berufung auf Polizeikreise. "Als sich die Polizisten seiner Tür näherten, hat er sofort durch die Tür geschossen. Ein Polizist wurde verletzt, aber er schwebt nicht in Lebensgefahr“, sagte Guéant.

In Verhandlungen, die ihn zur Aufgabe bewegen sollten, habe der Mann viel über sein Engagement für den Dschihad gesprochen, zitierte France Info den Innenminister. Der Mann erklärte der Polizei den Angaben zufolge, er habe palästinensische Kinder rächen wollen und auch ein Zeichen gegen den französischen Einsatz in Afghanistan setzen wollen. "Er spricht viel von seinem Engagement für (das Terrornetzwerk) Al-Qaida“, sagte Guéant. Er sei bereits nach den Morden an drei Soldaten ins Visier der Fahnder geraten. "Diese Person war in Afghanistan und Pakistan. Er ist den Salafisten und Dschihadisten verbunden.“ Der Mann stamme aus Toulouse und habe die französische Staatsangehörigkeit.

Der Einsatzort wurde weiträumig abgesperrt. Sprengstoffhunde seien vor Ort. Es seien Militärwaffen zum Einsatz gekommen, hieß es. In der Nähe des Hauses seien sechs bis sieben Schüsse zu hören gewesen. Zwei Beamte seien verletzt worden. Auch die Mutter des Verdächtigen sei zum Ort des Einsatzes gerufen worden. Sie habe aber nicht mit ihrem Sohn sprechen wollen und dies damit begründet, dass sie kaum Einfluss auf ihn habe. Nach Angaben von Augenzeugen hat die Polizei zuvor bewusst auf eine Evakuierung des fünfstöckigen Mehrfamilienhauses verzichtet. Anwohner des ruhigen Wohnviertels im Osten der Stadt berichteten Journalisten telefonisch, sie seien im Haus blockiert. Kurz nach 3 Uhr seien sie durch Schreie und Schüsse geweckt worden. Der Verdächtige sei im Gebäude nicht bekannt. "Hier sagt man sich "Bonjour“, aber man kennt sich nicht“, berichtete eine Anwohnerin BFM.

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Die Behörden hätten den Verdächtigen bereits seit Jahren beobachtet, sagte der Innenminister. Der 24-Jährige war nach den Morden an den drei Soldaten verstärkt ins Visier der Fahnder geraten. Nach ersten Erkenntnissen kamen die Ermittler dem Verdächtigen durch das Internet auf die Spur. Das erste Opfer war mit seinem mutmaßlichen Mörder über eine Internet-Verkaufs-Plattform in Kontakt getreten, berichtete BFM unter Berufung auf Polizeikreise. Das Opfer hatte sein Motorrad verkaufen wollen und die geringe Kilometerleistung mit längeren beruflichen Auslandseinsätzen als Soldat erklärt. Der Täter hatte mit ihm per Mail einen Treffpunkt vereinbart. Die von Polizeiermittlern identifizierte IP-Adresse gehörte zu einem Computer, der dem Bruder des Tatverdächtigen gehört. Zudem soll ein Yamaha-Händler demnach berichtet haben, dass ein Kunde sich ein paar Tage zuvor informiert habe, wie man den Chip für die Satelliten-Verfolgung des Motorrollers deaktivieren könne. Der Täter war mit einem Motorroller dieser Marke unterwegs gewesen.

Mit Material von dpa, rtr und dapd