Öl-Katastrophe

Spannung am Golf - Gelingt die Operation Stahlkuppel?

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Im Golf von Mexiko ist die riesige Stahlkuppel eingetroffen, die über dem größten Leck wie ein Staubsauger Öl „aufschlürfen" soll.

Washington/Hamburg/Im Golf von Mexiko. Die Operation ist einzigartig, ihr Ausgang ungewiss: Im Golf von Mexiko ist am Donnerstag eine riesige Stahlkuppel eingetroffen. Das Schiff „Joe Griffin“ brachte die 100 Tonnen schwere Konstruktion an den Ort, an dem vor zwei Wochen die Bohrplattform „Deep Water Horizon“ nach einer Explosion versank. Sie gilt derzeit als große Hoffnung im Kampf gegen die Ölpest.

Nach Angaben von BP-Sprecher Bill Salvin soll die Glocke gegen Donnerstagmittag (Ortszeit, ca. 18.00 MESZ) zu dem Bohrloch in über 1.500 Metern Tiefe herabgelassen werden. Die 113 Tonnen schwere Konstruktion soll in 1500 Metern Tiefe über das größte Leck gestülpt werden, das nach dem Untergang der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ aufgerissen worden war. Seit fast zwei Wochen sprudeln täglich mindestens 700 Tonnen Rohöl ins Meer. 80 Prozent des Ölflusses könnten laut Experten mit Hilfe der zwölf Meter hohen Vorrichtung gestoppt werden.

Es könnte mehrere Tage dauern, bis das Stahldach in der richtigen Position über dem Hauptleck am Meeresgrund steht. Geht alles glatt, werden es Experten des britischen Mineralölkonzerns BP am Wochenende mit einem Bohrschiff verbinden. Von Montag an könnte das Gerät dann wie ein Staubsauger das Öl am Leck „aufschlürfen“ und zu dem Schiff an der Wasseroberfläche leiten.

Gelingt die Operation, will BP eine weitere, kleinere Kuppel über ein zweites Leck in der Tiefseeleitung stülpen. Ein erster, kleiner Riss war bereits von einem Unterwasser-Roboter geschlossen worden.

Gegen den Eigner der Ölplattform, das in der Schweiz ansässige Unternehmen Transocean, sind im April und Mai vor verschiedenen US-Bundesbezirksgerichten Schadenersatzklagen wegen der Ölkatastrophe erhoben worden. Das teilte das Unternehmen am Mittwochabend in Zug in der Schweiz mit. Der Umsatz von Transocean sank im ersten Quartal 2010 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 3,1 auf 2,6 Milliarden Dollar (2,0 Milliarden Euro). BP hat die Bohrinsel von Transocean geleast.

Interview - Mit „Käseglocke“ gegen die Ölpest

Professor Kurt Reinicke vom Institut für Erdöl- und Erdgastechnik der Technischen Universität Clausthal (Niedersachsen) beantwortet Fragen zu dem komplizierten Verfahren:

Gab es einen solchen Einsatz schon einmal?

„Es gab vergleichbare Einsätze, aber bei denen war das Meer flacher. In so tiefen Gewässern gab es so etwas noch nicht, es spricht aber grundsätzlich nichts dagegen, dass es dort auch funktioniert.“

Kann starke Strömung das Herablassen der Glocke verhindern?

„Das wird sich erst zeigen, wenn man diese Kuppel herablässt. Mir ist nicht bekannt, dass es in diesem Gewässer große Strömung gibt, sollte dies aber der Fall sein, muss man für das zehn Zentimeter genaue Absetzen mit Hilfe unbemannter Mini-U-Boote gegensteuern.“

Können die U-Boote die 113 Tonnen schwere Kuppel bewegen?

„Das sind nur kleine Geräte, sie werden das nicht können. Es wird die große Herausforderung an die Menschen an der Meeresoberfläche sein, von dort das Ganze so zu positionieren, dass sie mit ihrer Kuppel wirklich über den Bohrlochkopf kommen. Die U-Boote können nur bei der Orientierung unterstützen.“

Können Taucher helfen?

„Das ist definitiv nicht möglich. In 1500 Metern Wassertiefe können keine Taucher mehr eingesetzt werden, da herrscht ein Druck von ungefähr 150 bar, tödlich für Menschen.“

Kann der große Druck auch für die Kuppel zu stark sein?

„Wird ein geschlossener Körper in so große Tiefen herabgelassen, muss natürlich seine Festigkeit mitberücksichtigt werden. Aber das muss man hier nicht oder nur in sehr geringem Umfang, weil es eine nach unten offene Glocke ist. Der Druck ist von allen Seiten gleich, es kommt also zu keinen extremen Belastungen der Kuppel.“

Kann die Glocke voll Öl laufen?

„Nein. Die Kuppel wird wie eine gigantische Käseglocke über einem Leck abgesetzt. Durch ein Rohr wird darunter angesammeltes Öl ständig zur Meeresoberfläche abgepumpt und in einen Tanker abgeleitet.“

Kann das Öl zu zähflüssig sein für den Weg nach oben?

„Dass es am Bohrloch durch ein Rohr mit 15 bis 18 Zentimeter Durchmesser ins Meer ausströmt, zeigt, dass das Öl fließt. Ich gehe davon aus, dass die Verbindung von der Glocke zur Oberfläche nicht kleiner sein wird als dieser Durchmesser. Dann ist es kein Problem.“

Reicht eine Kuppel für alle Lecks?

„Nein, mindestens eine zweite ist schon im Bau. Weitere Glocken sollen folgen, damit man für jedes einzelne Leck solche Auffangbehälter hat.“

Bleibt die Glocke auf Dauer im Einsatz?

„Nein, das Absetzen der Glocke löst das Problem nicht. Es verhindert nur eine weitere Verschmutzung des Ozeans. Mit der Kuppel soll nur Zeit gewonnen werden, bis es zu einem dauerhaften Verschluss des Bohrlochs kommt. Man muss sich neben der Glocke eine dauerhafte Lösung einfallen lassen, um das Bohrloch unter Kontrolle zu bringen.“

Wie kann diese Lösung aussehen?

„Dazu hat bereits eine erste Bohrung begonnen, eine zweite soll folgen. Mit diesen sogenannten Entlastungsbohrungen versucht man dort unten, kurz oberhalb der Erdöllagerstätte, die Bohrung zu treffen, um sie dann zunächst gezielt abzupumpen und mit einem Zementstopfen sicher zu verfüllen. Dann zieht man die Glocke wieder ab, und das Bohrloch kann von oben noch einmal richtig verschlossen werden.“