Tagebuch

Teil 12: Flüchtlinge, meine neuen Nachbarn

Jan Melzer ( lalelu ) schreibt Tagebuch über seine neuen Nachbarn

Jan Melzer ( lalelu ) schreibt Tagebuch über seine neuen Nachbarn

Foto: Andreas Laible

Als er erfuhr, dass in seiner Umgebung in Poppenbüttel ein Flüchtlingsheim gebaut wird, begann Jan Melzer, ein Tagebuch zu schreiben.

Tagebucheintrag 67 – Die Stunde der Wahrheit

Es gibt Zeiten der Nachdenklichkeit, Zeiten des Durchlavierens, und es gibt Zeiten, da muss man sich bekennen. Ich bin nach mittlerweile acht Monaten des Tagebuchschreibens an so einem Punkt angelangt. Schon in meinem ersten Eintrag im Juli 2015 schrieb ich, dass die Flüchtlingskrise mich als nominell „Linken“ auf eine Probe stellt: Was sind meine solidarischen Lippenbekenntnisse wert, wenn plötzlich der Muselmane vor der Tür steht? Wenn plötzlich die Natur abgerissen werden soll und stattdessen Hochhäuser mit Horden von dunklen jungen Männern meinen Spaziergang dominieren? Dies hat mich in eine existenzielle Krise gebracht, über die ich hier im Abendblatt schreiben darf. Das Grübeln ist seitdem nicht besser geworden, das gebe ich zu.

Gestern allerdings war die Zeit des Schlingerns vorbei. Ein guter Freund von mir stand vor der Tür und bat mich für die Volksinitiative zur Begrenzung der Größe von Flüchtlingsheimen zu unterschreiben: Höchstens 300 pro Siedlung, mindestens einen Kilometer voneinander entfernt und nur mit Wohnrecht von höchstens zwei Jahren für die Flüchtlinge. Klingt ganz vernünftig, eine 300er-Siedlung hätte ich auch lieber vor der Tür als den 1500er-Klopper, den die Stadt uns zumuten will. Und eigentlich habe ich hier ja auch schon oft geschrieben, dass die Zahl bei uns viel zu hoch ist.

Aber: Ich konnte nicht. Es war mir nicht möglich. Ohne eine Sekunde zu zögern, wusste ich glasklar, dass ich meinen Namen NICHT unter diese Volksinitiative setzen werde.

Ich kann es nicht einmal richtig erklären, denn wie gesagt: Ich finde die Ziele der Initiative durchaus sinnvoll. Aber ich habe sofort instinktiv gefühlt, dass eine Unterschrift alles, wofür ich in meinem Leben war, infrage stellen würde. Mein Freund sagte: „Das ist doch kein Pakt mit dem Teufel!“, und ich musste schlucken ... Er hat natürlich recht, aber er hat genau mein mulmiges Gefühl angesprochen. Ich kann es nicht ändern, ich muss an Roland Koch denken und die Stände damals in NRW, als die Menschen fragten: „Wo kann man hier gegen Ausländer unterschreiben?“

Mit diesem Vergleich tue ich der Initiative total unrecht, ich möchte mich herzlich entschuldigen! Mein Freund erzählte sogar, dass die Unterschriftenaktion von vielen als links beschimpft wurde, weil das Wort „In­tegration“ im Titel vorkommt. Ich finde es auch toll, wie beherzt sich von der AfD abgegrenzt wird. Aber ich kann es nicht. Wenn ich mich für die Obergrenze von 300 Personen pro Standort entscheide, entscheide ich auch, dass 1200 von unseren 1500 übrig sind und woandershin müssen. Wohin? Zu dieser Entscheidung sehe ich mich nicht in der Lage. Aber ich betone, dass ich jede Unterschrift für gerechtfertigt halte, ich bin Demokrat. Es ist allerdings auch Teil einer Demokratie, dass man nicht unterschreibt. Auch das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen … hoffe ich …


Tagebucheintrag 68 – Angela Merkel

Mit heißem Herzen lese ich immer die Kommentare unseres stellvertretenden Chefredakteurs zur Flüchtlingskrise. Einerseits bin ich vollkommen d’accord, dass diese neue Völkerwanderung kein Sonntagsspaziergang wird, uns eint, dass wir bereits seit dem letzten Frühsommer vor den Problemen warnen, andererseits ärgere ich mich regelmäßig über seine Beurteilung der Rolle unserer Bundeskanzlerin. Wahlweise bezeichnet er die Politik von Angela Merkel als „tollkühn“, „Wolkenkuckucksheim“ und „gescheitert“.

Ich kann diese Sichtweise nachvollziehen, die Argumente sind ja auch klug vorgetragen, dennoch möchte ich diese Kolumne hier nutzen, um unsere Bundeskanzlerin auch mal von der anderen Seite zu beleuchten: Ich bekomme Adjektive wie „tollkühn“ nicht mit meinem Bild von dieser protestantischen Physikerin zur Deckung. Glaubt wirklich jemand, dass Angela Merkel aus einem Moment des emotionstrunkenen Freudentaumels die Flüchtlinge vom Budapester Bahnhof nach Deutschland geholt hat? Ich kann mir das bei dieser rationalen Technikerin der Macht beim besten Willen nicht vorstellen. Die Bundeskanzlerin – das ist „vom Ende her denken“ und „Politik der kleinen Schritte“.

In der „Zeit“ wurde Angela Merkel „Gesinnungsethik“ vorgeworfen. Angie mit blankem Busen auf den Barrikaden der Ideologie? Ernsthaft?! Mal ehrlich ...

Ich will einfach mal in den Raum stellen:

Kann es sein, dass sie damals ganz kühl so entschieden hat, wie sie es für Deutschland am besten hielt? Kann es sein, dass ein Schließen der Grenzen unserer Wirtschaft schadet? Dass Europa zusammengebrochen wäre? Dass wir eine humanitäre Krise apokalyptischen Ausmaßes in Griechenland bekommen hätten (die jetzt auch gerade langsam entsteht)? Dass Deutschlands Ansehen in der Welt ins Boden­lose gefallen wäre? Und damit unser Wohlstand und unser Erfolg? Kann es nicht viel mehr sein, dass die Bundeskanzlerin ganz im Sinne von Helmut Schmidt „verantwortungsethisch“ gehandelt hat? Helmut Schmidt hat damals 1962 bei der Flut in Hamburg Gesetze gebrochen (er war nicht befugt, die Bundeswehr zu solch einem Einsatz zu befehligen), weil er es aus Verantwortung für geboten hielt. Stand unsere Kanzlerin vielleicht in einer ähnlichen (Flüchtlings-)Flut und MUSSTE handeln? Zum Wohle Deutschlands und eben aus Verantwortung. Nicht aus Gesinnung. Hat schon mal jemand darüber nachgedacht, wie die Welt heute aussähe, wenn wir im September 2015 die Grenzen zugemacht hätten?

Eins möchte ich hier als Kronzeuge ein für alle mal feststellen: Angela Merkel hat die Flüchtlingskrise nicht ausgelöst! Ich habe nachweislich bereits im Juli 2015 begonnen, über das Flüchtlingsheim auf unserem Nachbargrundstück zu schreiben. „Wir schaffen das“ und der Budapester Bahnhof waren aber erst im September ... Zwei Monate später! Da war die Völkerwanderung längst im Gange.


Tagebucheintrag 69 – Zahlen, bitte!

Ich halte es nicht mehr aus: Gestern sprachen mich alte Bekannte auf der Straße an, dass es jetzt sicher sei, dass wir doch 2000 Flüchtlinge auf unserem Feld bekommen. „Gemeinsam in Poppenbüttel“ (GiP) ginge davon aus, heißt es. Moment, wir hatten doch gerade die Info-Veranstaltung, wo „nur“ 1500 festgelegt wurden ... Nein, sagen meine Bekannten, es habe gerade noch eine Sitzung gegeben: 2000 sei gesetzt. Ich platze. Wann hört das auf? Mein Kenntnisstand: 450 Flüchtlinge in Modulbauten während der Bauphase, danach 1500 in Festbauten. Eigentlich ist es rein technisch gar nicht möglich, dass beide Bauprojekte, also 450 plus 1500 gleichzeitig stehen, weil es sich um ein und denselben Baugrund handelt. Die Modulbauten müssten also weg, bevor man die letzten Festbaublöcke errichten kann.

Entweder GiP sitzt hier einem Missverständnis auf, oder die Politik eiert wieder herum. Ich werd welk. Für mich ist 1500 die „Obergrenze“, und zwar nicht wegen der Zahl, ich empfinde Zahlen sowieso als Popanz (wer definiert, ob 1500, 700 oder 300 die perfekte Zahl ist?), ich habe nur einfach keinen Bock mehr, Spielball von irgendwelchen Leuten zu sein. Darüber habe ich mich auch mit meinen Mitstreitern von „Poppenbüttel Hilft“ (PH) gestritten. „Besonnenheit“ wurde angemahnt. Nein, ich bin nicht besonnen! Ich wünsche mir sehnlichst Planungssicherheit. Mein Traum: Eine Zahl wird festgelegt. Dann wird uns Anwohnern Dankbarkeit entgegengebracht, und als Belohnung für unsere Mitarbeit wird gesagt: Ihr habt viel für dieses Land getan, das war’s auch, und ab jetzt sind andere dran! Danach lechzt mein Herz: Dankbarkeit, Sicherheit und Gerechtigkeit.

Nachtrag: Unser Vorstand von PH hat beim Fraktionsvorsitzenden der SPD nachgefragt. Er bestätigte die Zahl 1500. Also doch. Schlusspointe: Durch die erfolgreiche Volksinitiative (26.000 Stimmen in fünf Tagen!) bekommen wir jetzt vielleicht sowieso nur 300 ...


Tagebucheintrag 70 – Leserbrief

Ich diskutiere gerne mit allen Seiten. Auch schriftlich. Was ich allerdings nicht mag, ist ein gewisser Stil, der eine Meinung, die nicht der eigenen entspricht, als minderwertig hinstellt. Als Beispiel nenne ich hier den Leserbrief eines Ehepaares, das im Anschreiben nachdrücklich darauf bestand, dass der Brief 100-prozentig an mich weitergeleitet wird. Der Inhalt: Mein Niveau sinke, auch sprachlich. Sie seien am Anfang Fans von mir gewesen, aber jetzt würde sie mein Geschreibsel zunehmend stören, und sie lägen mir nahe, aufzuhören, solange ich noch nicht zu viel Reputation zerstört hätte. Einige Sachen von mir hätten Stammtischniveau. Bei dem Teil über die Religion hätte ich wohl zu viel Rotwein getrunken … Gut, sage ich mir, das kann sein, ich bevorzuge ja einen hingerotzten Tagebuchstil, da geht es gewiss mal sprachlich in den Keller. Verunsichert schaue ich mir meine Einträge an. Ich stelle fest: Ja, die Beiträge sind sehr verschieden in ihrem Niveau. Einiges könnte man tatsächlich deutlich besser machen. Für einiges schäme ich mich ein bisschen. Aber nach einer Weile entspanne ich mich wieder: Erstens bin ich kein Journalist, sondern ein Anwohner eines Flüchtlingsheims. Ich bin nicht Kurt Tucholsky. Und zweitens handelt es sich hier um ein Tagebuch. Jeder einzelne Eintrag gibt exakt den Kenntnisstand und die Gefühlslage dieses einen Tages wieder.

Das ist authentisch, da gibt es nix zu schämen. Und genau das ist ja der Sinn dieses Tagebuches, exemplarisch am Beispiel des Anwohners Jan Melzer darzustellen, durch welche Achterbahnfahrt der Gefühle man als Betroffener geht, wenn das Schicksal vor der eigenen Haustür zuschlägt. Ich sag noch einmal ganz offen: Wer weiter weg wohnt, hat absolut keine Ahnung, was das mit einem macht!!! Dennoch möchte ich bitten, Kritik konstruktiv zu äußern. Nicht nur mir gegenüber. Es ist eine weitverbreitete Unsitte in diesem Land, die Meinung des anderen als „naiv“, „dumm“ und vor allem „niveaulos“ zu verurteilen. In meinem Fall wurde versucht, meine Meinung über Religion als Spinnerei eines Trunkenbolds hinzustellen. Freunde, lasst uns bei den Inhalten bleiben.


Tagebucheintrag 71 – Sippenhaft

Heute hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit einem türkischstämmigen Freund. Er ist wohlinte­griert, hat mit Religion im Grunde gar nichts am Hut und ist sehr witzig. Ich mag ihn. Angesichts des IS und all der Entgleisungen des Fundamentalistischen Islam platzte ihm allerdings der Kragen: Er hat es satt, sich als entspannter Muslim dauernd für die Schwachmaten mit den Sprengstoffgürteln entschuldigen zu müssen. Er würde ja von uns nachgeborenen Bio-Deutschen auch nicht verlangen, dass wir uns für Hitler rechtfertigen.

Ich stutze. Auf den ersten Blick klingt das richtig, aber ich habe sofort das Gefühl: Das ist falsch, mein Freund irrt gewaltig. Ich meine: Wenn man zu einer Gruppe gehört, hat man die Pflicht, deren Schattenseite zu erklären und sich gegebenenfalls dafür zu entschuldigen, auch wenn man persönlich nichts dafür kann. Denn die Vorteile einer Gruppe, die man ja offensichtlich gerne genießt, tragen immer den Keim für die bösartigen Entgleisungen derjenigen in sich, die das Prinzip der Gruppe für ihre widerlichen Ziele missbrauchen. Wer hätte vor 1933 gedacht, dass die tüchtige Kulturnation Deutschland zu solchen Verbrechen in der Lage ist? Vergessen wir nie, dass in den Lagern Bach und Beethoven gespielt wurde! Da hat die Kultur gar nichts geholfen, leider. Deswegen müssen wir immer bei allem Stolz auf unsere Kultur und Leistungsfähigkeit demütig diese Verführbarkeit mitdenken, um eine Wiederholung zu verhindern. Das gelingt uns seit 70 Jahren, und es tut unserem seitdem blühenden Land sehr gut.

In aller Bescheidenheit, etwas Ähnliches fordere ich vom Islam, auch wenn die Verbrechen der Deutschen unvergleichlich schlimmer waren. Dennoch: Nur wenn endlich flächendeckend erkannt wird, dass die Anschläge von Paris, der Terror des IS, die Missdeutung des „Dschihad“ (der eigentlich ein innerer Weg ist!), die teilweise menschenverachtende Praxis der Scharia leider im Koran schlummern, kann der Islam zu seiner ursprünglich friedlichen Bedeutung finden. Ich möchte im Fernsehen mehr Muslime in Talkshows sehen, die sagen, „ja, der IS ist ein böser Teil von uns“, so wie wir uns zu der Schuld an der Nazizeit bekennen. Und das ändert nichts daran, dass es Millionen gute Deutsche gab und gibt, genauso wie es Milliarden gute Muslime gibt! Man bricht sich als guter Deutscher und guter Muslim keinen Zacken aus der Krone, wenn man sich zu den Verbrechen seiner Gruppe bekennt. Und sich bei den Opfern dieser Verbrecher im Namen seiner Gruppe entschuldigt. Und ich will damit auf keinen Fall die Deutschen als klüger darstellen. Denn auch bei uns schwappt immer wieder eine Schlussstrich-Debatte durchs Land. Es ist unsere Lebensaufgabe, die Erinnerung wachzuhalten. Gegen das Vergessen!


Tagebucheintrag 72 – Rassismus erkennen

„Na?“, begrüßt mich ein Bekannter, „was ist mit deinen beiden Freunden, sind da aus Rassisten Realisten geworden?“ Wow, da hat aber einer ein Elefantengedächtnis. Ich hatte im Sommer die Bemerkung der beiden, dass alle Eritreer kriminell seien, als rassistisch zurückgewiesen. Jetzt, angesichts der widerlichen Grapschereien von Köln und St. Pauli, sieht er anscheinend die Gelegenheit zurückzuschlagen. Ein häufig beobachtetes Phänomen: Wenn man einen Menschen darauf hinweist, dass eine Bemerkung rassistisch sei, nimmt diese Person wahr, man habe ihn/sie einen Rassisten genannt. Das ist aber nicht der Fall! Ich weiß gar nicht so genau, was es braucht, damit ein Mensch ein Vollblut-Rassist ist, aber eine unbedachte Äußerung macht ihn gewiss nicht dazu.

Dabei ist Rassismus so leicht zu vermeiden. Ich möchte hier noch einmal meinen alten Witz bemühen: „Verallgemeinerungen sind immer falsch!“ Wenn ich sage, „viele Eritreer, die zu uns kommen, sind kriminell“, dann kann das eine realistische Bestandsaufnahme sein. Wenn ich aber sage, „ALLE Eritreer sind kriminell“, dann ist das rassistisch. So einfach ist das. Man hüte sich vor der Mehrzahl und vor Formulierungen wie „alle“ und „immer“ und schaue sich jedes Individuum wieder von Neuem an. Jeder Einzelne ist ein Mensch, der eine Chance verdient, unabhängig von seiner Herkunft. Das nennt man übrigens Humanismus. Das fällt angesichts von Silvestergrapschern, Ehrenmorden, Vollverschleierung und anderen furchtbaren Unsitten einiger Zuwanderer oft sehr schwer, ist aber der einzige Weg, seine eigene Menschlichkeit zu bewahren.

Ich selbst denke oft, dass irgend­etwas im Mittelmeerwasser drin sein muss, dass alle Mittelmeeranrainer zur Korruption und Gewalt neigen, sehe aber dann meinen Lieblingsitaliener Luigi aus Barmbek vor mir und damit einen der besten Menschen, die ich kenne. Nur als Beispiel: Wenn ich sagen würde: „Alle Italiener sind korrupte Berlusconis!“, dann würde ich meinen Luigi verlieren. Das will ich nicht. Gebt den Luigis unter den Flüchtlingen eine Chance!


Tagebucheintrag 73 – Spaziergang am Feld

Es ist März, die Tage werden länger, und dieser nichtsnutzige Winter geht dem Ende entgegen. Um Schnee zu sehen, fahren viele Hamburger verzweifelt in die Skiferien. Ich gehe bei den ersten Sonnenstrahlen am Feld entlang. Da, ein Bagger. Nach acht Monaten. Einige Vermesser haben ihre Dreibeine in die Ackerkrume gerammt. Es geht tatsächlich los. „Endlich“, seufzte Herr M. und erbleichte...