Tagebuch

500 Flüchtlinge werden meine neuen Nachbarn

Jan Melzer macht
sich Gedanken:
Auf dem Rapsfeld
neben seiner
Wohnung in
Poppenbüttel soll
ein Flüchtlingsheim
entstehen

Jan Melzer macht sich Gedanken: Auf dem Rapsfeld neben seiner Wohnung in Poppenbüttel soll ein Flüchtlingsheim entstehen

Foto: Michael Rauhe

In Poppenbüttel soll eine große Flüchtlingsunterkunft entstehen. Bisher war dort ein Feld, an dem Jan Melzer, mit seiner Familie lebt.

Hamburg. Seit die Landvermesser intensiv unsere Straße vermessen haben, wird in Poppenbüttel gemunkelt, dass die Stadt ein Flüchtlingsheim auf dem Feld Ecke Ohlendiek/Poppenbütteler Berg plant. Für mich bedeutete dies eine neue Nachbarschaft, denn das Feld grenzt unmittelbar an das Grundstück unserer Siedlung. Die Zeiten, in denen ich ­bequem auf dem Sofa die Krisen dieser Welt im Fernsehen betrachten konnte, wären dann vorbei. Mit einem Schlag würden die Probleme der Weltpolitik direkt nebenan für mich sichtbar – und ich wäre gezwungen, Stellung zu beziehen.

Und während ich so notwendigerweise darüber nachdenke, stelle ich fest: Das ist gar nicht so leicht! Wie kann ich meine Werte von Toleranz, Solidarität und Gerechtigkeit bewahren? Wo müsste ich realistisch um meine Rechte kämpfen? Wann bin ich rechts, wann bin ich links? Um diese ­inneren Konflikte aufzuzeigen und zu verstehen, habe ich begonnen, ein Tagebuch zu schreiben.

Tag eins – Das Gerücht

Dieses triumphierende Glitzern in ihren Augen! „Wusstest du schon, dass auf deinem Nachbargrundstück ein Flüchtlingsheim gebaut wird? Na, der Wert deiner Eigentumswohnung wird jetzt zumindest nicht mehr steigen …“ Eine Verwandte von mir schüttet es wie einen Eimer Putzwasser vor mich hin. Als wolle sie sagen: „Da kannst du mal die Suppe deiner linken politischen Einstellung auslöffeln!“ Aua, der sitzt. Falscher Fuß. Falsche Ecke gesprungen. Tor.

Es trifft mich wie der Schlag: Bisher hatten wir quasi auf dem Land gelebt, Treckergeräusche, Landluft und Rapsblüte inklusive. Jetzt soll das angrenzende Feld bebaut werden. Und dann noch mit einem Flüchtlingsheim. Puh, das war’s dann mit Idylle. Ich fühle, wie meine Beine weich werden. Still gehe ich nach Hause.

Auf dem Heimweg rasen mir tausend Gedanken durch den Kopf: Hat meine Verwandte recht, ist dies das Ergebnis meiner linken politischen Einstellung? Muss ich jetzt dafür bezahlen, dass ich dagegen bin, Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ertrinken zu lassen? Was sind das überhaupt für Flüchtlinge? Warum können drei Rechtsanwälte in Pöseldorf ein Heim in einer schon bestehenden Kaserne verhindern – und hier wird mir mein Idyll genommen?

Ich merke allerdings: Wovor ich in diesem Augenblick am meisten Angst habe, ist, dass mein Poppenbüttel nach rechts kippt und hier eine Art ­Pegida gegen das Flüchtlingsdorf entsteht.

Und ich ärgere mich über das triumphierende Glitzern …

Tag zwei – Durchgrübelte Nacht

Ich habe wahnsinnig schlecht geschlafen. Gestern hat mir eine Verwandte erzählt, dass ein Flüchtlingsheim auf das Feld neben unserer Siedlung gebaut werden soll. Sie habe es von einer Tennis-Freundin gehört. Poppenbüttel-Flurfunk.

Nachts um 3.40 Uhr, meine klassische Grübelphase, gehe ich noch einmal alles durch: Was bedeutet ein solches Heim für mich konkret? Klar, das schöne Feld kommt weg. Mein Spaziergang wird dann erst an der Alster idyllisch werden. Möglicherweise werden dann dort dunkelhäutige Menschen rumlungern. Wie gehe ich damit um? Werde ich mich fürchten? Werden die Flüchtlinge in Scharen durch unsere Siedlung ziehen? Was ist mit meinen Kindern? Ist meine Tochter gefährdet?

Ich versuche Antworten zu finden: Erstens ist das Feld schon seit 2008 zur Bebauung freigegeben. Natürlich war damals an normale Wohnhäuser gedacht worden. Aber dass das Feld verschwindet, ist nun wirklich nicht die Schuld der Flüchtlinge. Die Pacht des Bauern läuft aus, und Bauland ist rar. Ich stelle fest, dass es sehr schwer ist, dieses Gefühl „Die Flüchtlinge nehmen mir etwas weg“ loszuwerden. Wie werden wohl Poppenbütteler darüber denken, die weniger grüblerisch veranlagt sind als ich …?

Zweitens muss ich dringend mehr über die Flüchtlinge erfahren! Sind es albanische Messerstecher oder syrische Hirnchirurgen, Anwälte und Professoren auf der Flucht vor dem IS? Und wie werde ich den rassistischen Gedanken los, dass alle Albaner Messerstecher sind?!

Ich beschließe: Wenn das Heim steht, werde ich meinen Spaziergang immer über deren Gelände führen lassen, um möglicherweise in Kontakt zu kommen, meine Angst durch Erfahrung abzubauen und körperliche Präsenz zu zeigen. Denn wie sagte schon der große Konzertveranstalter Fritz Rau: „Körperliche Präsenz ist die höchste Form der Loyalität.“ Ich nehme mir vor, mit einer möglichen Leitung des Flüchtlingsdorfs ins Gespräch zu kommen.

Und drittens hoffe ich einstweilen, dass meine Verwandte unrecht hat und die Bebauung nicht kommt.

Tag drei – Stadtteilgespräch

Das Thema „Flüchtlingsheim am Poppenbütteler Berg“, direkt auf meinem Nachbargrundstück, wie ich hinzufügen möchte, wird langsam Gegenstand der Poppenbütteler Gespräche. Ein Nachbar empfiehlt mir dringend, in eine moderne Schließanlage zu investieren. Beim Gedanken an meine bodentiefen Fenster im Erdgeschoss, die ich dann alle vergittern müsste, lehne ich dankend ab. Was nützt mir eine Tür, die einen atomaren Volltreffer aushalten würde, wenn hinten das Fenster offen steht? Die Lösung kann nur sein, dass keine Kriminalität von den Flüchtlingen ausgeht. Mein Nachbar nennt mich naiv. Ich beschließe noch dringlicher, mit einer möglichen Leitung des Heimes zu sprechen und sie auf die negativen Folgen von Kriminalität hinzuweisen. Die müssen doch auch ein Interesse daran haben, dass keine rechte Bewegung in Poppenbüttel entsteht! Naiv, ich weiß, aber ich will keine Schließanlage an meiner Tür (die im Übrigen schon von sich aus sechs Riegel hat). Es muss anders gehen!

Tag vier – Einladung zur Veranstaltung

Verdammt, es ist doch wahr! Klammheimlich hatte ich die ganze Zeit gehofft, dass die Gerüchte in Poppenbüttel nur heiße Luft sind. Heute habe ich es weiß auf blau im Briefkasten: Am 1. Juli um 18.30 Uhr, Heinrich-Heine-Gymnasium: Informationsveranstaltung zur „Öffentlichen Unterbringung Poppenbütteler Berg“. Jetzt wird es ernst.
Das Wortmonster „Öffentliche Unterbringung“ zeigt schon, dass die Verantwortlichen sich der Brisanz des Themas bewusst sind und daher jegliche weitere Information, abgesehen vom Standort des Flüchtlingsheims, auf dem Flyer verweigern. Man wird wohl zu dieser Veranstaltung hingehen müssen.
Das Schlimme: Ich habe an diesem Tag ein Konzert und kann nicht. Ich diskutiere lange mit meiner großartigen Frau, die sich zunächst weigert, mich zu vertreten, weil sie Angst hat, angesichts möglicher rechtspopulistischer Sprüche unsachlich und emotional zu werden. Ich ­beschwöre sie, dennoch dort hinzugehen und sich mit Baldrian zu dopen. Nach längerem Zögern willigt sie ein. Ich bin stolz auf ihr aufrechtes Herz und weiß, dass sie das hinkriegt. Und ich ärgere mich sehr, dass ich selber keine Zeit habe. Dieses Treffen ist wichtig, um zu fühlen, was in Poppenbüttel los ist. Ich animiere auch andere mir nahestehende Menschen, dort hinzugehen, um der Vernunft eine Stimme zu geben. Ich gestehe, ich habe Angst vor diesem Termin.

Tag fünf – Gespräch mit den Kindern

Wir sitzen beim Essen und sprechen mit unserer 13-jährigen Tochter über das mögliche Flüchtlingsheim in unserer Nachbarschaft. Sie ist hellwach und neugierig. Plötzlich taucht unser großer Sohn, 20, auf. „Was ist eure Meinung dazu?“, platzt er heraus. Er selbst mache sich keine Sorgen. Von 1992 bis 2002, sagt er, hätten wir hier in Poppenbüttel bereits ein Containerdorf für Flüchtlinge gehabt. Die Erwachsenen wären überhaupt kein Problem gewesen, da sei nie etwas passiert. Nur die Kinder hätten genervt.

Stimmt. Das Flüchtlingsheim lag damals auf seinem Schulweg, und die Flüchtlingskinder haben manchmal die deutschen Schulkinder geärgert und provoziert. Das war ätzend, aber vielleicht unter Kindern normal und auf jeden Fall nicht kriminell. Erleichtert erinnere ich mich: Die Flüchtlinge kamen aus dem damaligen Jugoslawien-Krieg. Es waren also auch meine „albanischen Messerstecher“ dabei. Aber in Wirklichkeit ist in Poppenbüttel nichts passiert. Zehn Jahre lang! Als einmal Reifen an parkenden Autos zerstochen wurden, stellten sich die Täter als gelangweilte deutsche Lehrer-Kinder heraus.

Ich bin ein wenig stolz, dass wir unseren Sohn zu solch einer aufgeklärten Toleranz erzogen haben. Doch nicht alles falsch gemacht.

Tag sechs – Der Solidaritäts-Flyer

Noch ein Flyer: Die Initiative „Poppenbüttel hilft“ hat einen gelben Zettel zum Thema „Flüchtlingsheim am Poppenbütteler Berg“ in unseren Briefkasten gestopft. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn auf diesem Flyer haben namhafte Poppenbütteler Geschäftsleute, Ärzte, Anwälte, Lehrer und andere honorige Leute mit ihrem vollen Namen dazu aufgerufen, die Flüchtlinge willkommen zu heißen! Poppenbüttel rückt nach rechts? Von wegen! Der Manager meines Supermarktes, mein Hausarzt, meine alte Lehrerin rufen zur Solidarität auf.

Völlig begeistert poste ich den Flyer (allerdings ohne die Namen, ­so viel Datenschutz muss sein) auf Facebook. 108 Freunden gefällt das. Vier Freunde teilen den Flyer. Elf positive Kommentare. Wow, so schlecht ist die Welt also doch nicht. Allerdings spottet auch einer „Mal sehen, wie lange eure Begeisterung anhält“ und ein Facebook-Freund aus Poppenbüttel warnt mich: „Sei dir nicht zu sicher, denn ich habe inzwischen schon ,besorgte Bürger‘ gehört – auch hier in Poppenbüttel.“

Er hat recht. Aufmerksam bleiben. Trotzdem freut mich der große Zuspruch. Ich habe sofort eine E-Mail an den „Poppenbüttel hilft“-Verein geschrieben, dass sie nächstes Mal meinen Namen mitbenutzen dürfen. Bisher allerdings noch keine Antwort. Die warten wohl auch auf die Informationsveranstaltung am 1. Juli.

Tag sieben – Der Flyer von der CDU

Also, ich muss sagen, flyertechnisch kann man den Beteiligten wirklich keine Untätigkeit vorwerfen. Heute war im Briefkasten der dritte Flyer. Dieses Mal von der CDU. Na, da wollen wir doch mal sehen, denke ich. Was in dem Flyer steht, ist erschreckend: 1000 Flüchtlinge, 170 Wohneinheiten, mehrgeschossige Festbauten, jahrzehntelange Nutzungsmöglichkeit, größte Folgeunterbringung Hamburgs, seit Oktober 2014 im Geheimen geplant. Das sei der „Sachstand“.

Was?!

Bäm, ich merke, wie der Rassismus-Hammer auf mich niedersaust. 1000 Flüchtlinge?! 170 Wohneinheiten?! Das wäre die totale Überfremdung! Unsere eigene, nicht eben kleine Siedlung hat nur 130 „Wohneinheiten“. Die würden uns ja regelrecht überschwemmen? Mit einem Schlag wäre ich als Deutscher in der Minderheit!

Wenn das stimmt, könnte ich den CDU-Forderungen nur zustimmen: erhebliche Reduzierung der Kapazität, Einhaltung der baurechtlichen ­Be- stimmungen, echte Bürgerbeteiligung und Transparenz, Erhöhung der Betreuerzahl pro Flüchtling, Gewährleistung der Sicherheit in ­Anlage und Umgebung, Belegung nur mit Familien und homogenen Gruppen, Erhaltung des Landschaftsschutzgebiets (schluchz …)

Aber halt! Stimmen die Behauptungen der CDU? Es macht mich misstrauisch, dass ignoriert wird, dass das Feld bereits seit 2008 im Bebauungsplan als Bauland ausgezeichnet ist. Landschaftsschutzgebiet? Nein, sicher nicht. Das ist ein juristischer Kniff, mit dem die Bebauung verhindert werden soll.

So wie in Pöseldorf, wo die anwohnenden Anwälte mit der Begründung recht bekamen, ein Gewerbebetrieb sei in einem geschützten Wohngebiet nicht erlaubt. Lustigerweise haben die drei Kläger jahrelang ihre Kanzleien dort betrieben, aber das ist wohl kein Gewerbe …

Ich erwische mich bei dem Gedanken, dass es angenehm wäre, wenn die CDU auf die Tour das Flüchtlingsheim verhindert. Mir diesen Gedanken ­eingepflanzt zu haben nehme ich der CDU übel!

Ich denke an Willy Brandt, der vor den Nazis nach Norwegen geflohen ist. Und ich denke an die vielen Juden, die damals fliehen wollten, denen aber andere Länder die Einreise verweigerten – so mussten sie in Deutschland sterben. Wir müssen ein Herz für Flüchtlinge haben!

Lesen Sie hier die weiteren Teile:

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5