Tagebuch

Teil 3: Flüchtlinge, meine neuen Nachbarn

| Lesedauer: 14 Minuten
Jan Melzer
Jan Melzer auf dem Rapsfeld, ganz in der Nähe seiner Wohnung in Poppenbüttel. Hier soll 2016 eine Unterkunft für Flüchtlinge entstehen

Jan Melzer auf dem Rapsfeld, ganz in der Nähe seiner Wohnung in Poppenbüttel. Hier soll 2016 eine Unterkunft für Flüchtlinge entstehen

Foto: Michael Rauhe

Als bekannt wurde, dass an seinem Wohnort in Poppenbüttel eine Unterkunft gebaut werden soll, begann Jan Melzer ein Tagebuch zu schreiben.

Tag 14 – Der Helfer

Was für eine Überraschung! Einer der Macher von „Poppenbüttel hilft“ schneit spontan vorbei. Sehr sympathischer Mann, sagt, er wollte mich einfach kennenlernen. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich schildere ihm meine Sicht der Dinge, meinen Schmerz über den Verlust des Feldes, das Unbehagen wegen der direkten Nachbarschaft, den Entschluss, dennoch auf die Flüchtlinge zuzugehen. Und die Unsicherheit, was die Planungen der Stadt angeht. Die Wolken-Worte der Politiker. 1000 Flüchtlinge, 500 Flüchtlinge, Festbauten, Container, was denn nun? Er versucht mich zu beruhigen. Nach seinen Kenntnissen wird der Rest des Feldes (und das sollen immerhin 60 Prozent sein) in eine Grünfläche umgewandelt! Das sei vom ökologischen Standpunkt her sogar eine Verbesserung! Keine Pestizide mehr, eine Sommerwiese, Bäume, Wanderwege. Daneben allerdings zur Straße hin das Flüchtlingsheim. Und zwar als „schicke“ Modulbauten (nun ja – das sind vier Container gestapelt und mit einem Spitzdach gedeckelt), die nach drei bis fünf Jahren Festbauten weichen sollen. Aber: Diese Festbauten seien dann gar keine Flüchtlingsunterbringung mehr, sondern Sozialwohnungen mit §5-Schein.

Er schafft es, er beruhigt mich tatsächlich ein bisschen: Drei bis fünf Jahre halte ich aus, Grünfläche ist schön und normale Wohnungen danach sind o.k., denn dass irgendetwas dort gebaut wird, ist ja wie gesagt schon seit 2008 geplant.

Indes: Wie verlässlich ist diese Planung? Wie belastbar die Informationen des Herrn von „Poppenbüttel hilft“? Meine Frau erzählte von der Informationsveranstaltung, dass der Mann vom Bezirksamt auf die Frage nach der Nutzung am Ende der Container-Bebauung achselzuckend antwortete: „Das weiß ich leider auch nicht“…

Liebe Politiker, wenn Ihr uns schon so ein Ding vor den Latz knallt, dann macht doch vorher bitte einen festen Plan, damit wir uns auf etwas einstellen können. Diese Unsicherheit erzeugt unnötig böses Blut. Dusselig. Milde gesagt.

Tag 15 – Die Zornige mit der guten Idee

Ich erhalte eine umwerfende Resonanz auf mein kleines Tagebuch. Anscheinend können viele Menschen meinen Gedanken folgen und äußern ihre Dankbarkeit, dass hier jemand versucht, ohne Vorverurteilung seine inneren Kämpfe darzustellen, die teilweise auch die ihren sind. Das berührt mich. Eine eher zornige Anregung beschäftigt mich besonders, denn eine Nachbarin schrieb mir eine E-Mail, in der Sie mir dankte und dann mit folgendem Absatz endete:

„Besonders wütend macht mich heute der Artikel auf Seite 7 (hinter Ihrer Seite 6 !!) mit dem Foto des riesigen leer stehenden Gebäudes der Allianz, das 2017 abgerissen werden soll!! Wie viele Flüchtlinge könnte man da bei Anmietung durch die Stadt und veränderter Aufteilung kurzfristig unterbringen (wie beim Eugen-Block-Gebäude)?! Und nach Auszug der Flüchtlinge könnte es immer noch abgerissen werden. Dieses Gebäude könnte mit eigener kleiner Verwaltung, Aufsicht und Hilfe durch Patenschaften bestimmt locker 1000 Flüchtlinge aufnehmen. Bitte nehmen Sie dies in Ihren dritten Teil des Tagebuches auf (denn den muss es geben!). Vielleicht gibt es ja doch noch realistische, überlegende Planer und nicht nur planlose Beamte.“

Zornig, wie gesagt. Der Gedanke ist dennoch bedenkenswert. Hat die Stadt bereits alle Optionen in der Stadt geprüft, bevor sie uns hier etwas Neues auf „die grüne Wiese“ pflanzt? Eigentlich ist die Idee mit dem Allianz-Gebäude doch ganz gut. Ich bitte sie, diese Idee an die Politik und das Hamburger Abendblatt zu schicken.

Allerdings bin ich skeptisch: Wahrscheinlich sind die rechtlichen Hürden zu groß, außerdem muss die Gerechtigkeit der Stadtteile gewahrt werden.

Und eine wichtige Sache lässt mich innehalten: Was ist mit den Anwohnern des Allianz-Hauses?! Was sagen die dazu? Ist unsere Poppenbütteler Ruhe mehr wert als deren? Ist das vielleicht die zentrale Frage: Wie egozentrisch dürfen/wollen wir sein? Ich denke da an die Verhinderer in Pöseldorf…

Tag 16 – Der Pöbeldorfer

O.k., jetzt ist es doch passiert: Ich habe eine negative Zuschrift erhalten. Und ich dachte schon, ich hätte das Naturgesetzt „Man kann es nicht allen recht machen“ außer Kraft gesetzt. So ist es besser, denn ich will es nicht allen recht machen, ich will nur aufzeigen, dass das Flüchtlingsthema unendlich schwierig ist.

Und dabei habe ich mit meiner Irritation über den erfolgreichen gerichtlichen Kampf der Pöseldorfer gegen das Flüchtlingsheim im ehemaligen Kreiswehrersatzamt der Bundeswehr an der Sophienterrasse nicht hinterm Berg gehalten. Damit habe ich einen Winterhuder verletzt, der einen der Kläger kennt. Er schreibt:

„(...)ein Linker ist gegen das Sterben im Mittelmeer“???? Wo ist denn dein linker Protest wegen der Waffenexporte an die ISIS und Co. im Auftrag der sunnitischen Araber? Die Gewerkschaften unterstützen Waffenexporte weil 100.000 Arbeitsplätze dahinter stehen. Wenn Du schon so eine Plattform im HA erhältst, wäre es schön wenn Du mal aufklärst, wer hinter den islamischen Terrorgruppen der Islamisierung in Afrika und Co. steht. Schöner Linker. Eher ein weichspüllinker Schönredner. Ich empfehle Dir mal ein vierwöchiges Praktikum im Asylantenheim zu machen, damit du die aktuelle Mischung verstehen lernst. Dort wirst du dann das erste Mal Bekanntschaft mit Boko-Haram-Kriegern machen, Menschenschlächtern, die hier eine Struktur aufbauen sollen. Die Flüchtlingsart von vor 20 Jahren ist mit der von heute nicht zu vergleichen. Es gibt sehr liebe, dankbare und offene Menschen, die hier her kommen und es gibt solche, die das nicht sind und das tun, was sie in der Heimat auch getan haben. Das wirst Du lernen, wenn das Heim vor Deiner Tür ist. Es wird laut und dreckig werden und es wird Spannungen geben. Das können dir all jene bestätigen, die unmittelbar Kontakt haben und nicht solche Wellness-LINKEN, die weit weg von so einer Anlage leben und stundenweise dort eintauchen, um auf Retter zu machen …“

Puh, hier spuckt jemand im dicken Strahl. Das Paradoxe ist: Ich gebe ihm weitgehend recht. Das schreibe ich ihm auch und das ist doch auch die ganze Zeit Thema auf diesen Seiten. Warum ist er dann so böse auf mich? Auch ich finde den IS unerträglich grausam, fürchte mich vor Salafisten und gucke sehr argwöhnisch auf den Waffenhandel in dieser Welt, bei dem Deutschland auch recht fröhlich mitmischt. Und ich weiß als Anwohner sehr genau, dass ein Flüchtlingsheim furchtbar schief gehen kann. Viele Menschen auf engem Raum, das ist immer eine Herausforderung. Eben waren hier drei Schulklassen in der Bahn. Der Zug sieht aus wie ein Handgranatenwurfstand!!

Aber bei aller Übereinstimmung muss ich entschieden sagen: Lieber Pöseldorfer aus Winterhude, Deine Bedenken sind alle richtig. Dennoch ziehe ich daraus einmal mehr den Schluss, dass wir gerade deswegen auf die Flüchtlinge zugehen müssen, um ein Scheitern des Heimes zu verhindern. Heißen wir die Menschen willkommen und zeigen ihnen unsere Werte.

In Poppenbüttel sollen übrigens syrische Flüchtlinge untergebracht werden. Die sind kein IS, die sind vor dem IS geflohen!!! Deren Angehörige wurden vom IS getötet, vergewaltigt, gefoltert. Bitte, öffne Dein Herz.

Tag 17 – Ausflug nach Canossa

Oops – da hat mich der Lauf der Dinge mal wieder auf dem falschen Fuß erwischt: Kaum hatte ich meinen Tagebucheintrag über Pöseldorf beendet, ploppt auf meinem Handy die Nachricht auf: Flüchtlingsheim an der Sophienterrasse kommt doch – Stadt ändert den Bebauungsplan. Ich halte inne. Lausche. Warte. Ich gestehe, ich fürchte mich vor mir selbst, dass jetzt ein tiefes Gefühl der Genugtuung hochkommt: Ha! Jetzt hat die Gerechtigkeit gesiegt! Doch nichts passiert. Ganz langsam entsteht eher ein Gefühl der Scham, dass ich so auf Pöseldorf herumgehackt habe. Es tut mir leid, liebe Pöseldorfer, wir sind ja alle nur Betroffene und sollten zusammen stehen. Meine Neid-Debatte war da nicht hilfreich. Ich habe mich verlaufen. Gang nach Canossa.

Passend dazu erreicht mich die Nachricht, dass ein Hamburger Senator gesagt hat: Jeder bekommt ein Flüchtlingsheim vor die Nase gesetzt. Jeder. Na, damit wäre endgültig die Frage von Gerechtigkeit und Wertverlust des Wohneigentums geklärt. Aber, was bedeutet das für die Stadt? Es gibt wieder viel nachzudenken …

Tag 18 – Die Tränen der Nachbarin

Wow, das geht tief. Als ich auf der Terrasse sitze kommt eine Nachbarin schüchtern an den Garten und bedankt sich für mein Tagebuch. Endlich schreibe mal jemand öffentlich, dass es weh tut, wenn einem ein Flüchtlingsheim aufs Nachbargrundstück gesetzt wird. Und dann noch ein langhaariger Musiker, der des Rechtsrucks unverdächtig ist. Was mich berührt, sind ihre feuchten Augen, denn sie hatte solche Angst, in die rechte Ecke gestellt zu werden. Echte Angst. Und das nur, weil es ihr schwerfällt, mit dem Flüchtlingsheim umzugehen. Sie hat den gleichen Schmerz wie ich beim Verlust des Feldes und traute sich anscheinend nicht einmal, sich selbst dieses einzugestehen. Aus Angst, zu den Bösen zu gehören. Denn böse ist diese Frau ganz sicher nicht. Sie beschwört mich, dass sie das Schicksal der Flüchtlinge durchaus beschäftige. Dass sie helfen möchte (das schreiben mir übrigens ganz viele). Sie möchte nur auch ihren Verlust hinausschreien dürfen. Sie erzählt mir von einem älteren Mann auf der Informationsveranstaltung, der barmte: „Das Haus hier ist die Krönung meiner Lebensleistung! Ich habe ewig dafür gearbeitet. Jetzt wird mir meine Ruhe genommen.“

Vergessen wir beides nicht: Die Flüchtlinge sind Menschen. Die Anwohner auch.

Tag 19 – Die Windräder

Wir haben ein Konzert auf Sylt im Meerkabarett und ich sitze zwischen Soundcheck und Auftritt ein wenig im Strandkorb am Meer. Dabei entdecke ich am Horizont ein im Bau befindliches Windrad der Offshore-Anlagen. Was?! Mein Horizont wird verbaut?! Ich als Herzens-Sylter bin geschockt. Der Horizont ist doch ein Teil des Sylt-Erlebnisses!

Ich schüttele mich, was war das denn? Ein Déjà-vu? Das kenne ich doch! Es war tatsächlich das gleiche Flüchtlingsheim-Gefühl, das da plötzlich in mir hoch kam. Diese fürchterliche Ohnmacht, wenn der Staat Dinge tut, die für einen persönlich negativ sind und das noch ohne zu fragen.

Und dazu der gleiche moralische Konflikt: Ich bin für alternative Energien, sie sind sozusagen alternativlos, aber doch bitte nicht an meinem Sylter Horizont. Und bitte kein Flüchtlingsheim auf meinem Nachbargrundstück, aber auf dem Mittelmeer ersaufen sollen sie auch nicht. Oder unter den Messern des IS sterben.

Ich kann die Last dieses moralischen Konfliktes nicht mehr ertragen und gehe lieber ein wenig schwimmen. Geile Wellen, ich liebe Sylt.

Tag 20 – Drogen im Berliner Park

Wir besuchen unsere schöne Hauptstadt und kommen auf die neugierige Idee, eine Kirmes in Neukölln zu besuchen. Neukölln, das ist doch Rütli-Schule, das schauen wir uns mal an. Vom U-Bahnhof geht es durch den Park Hasenheide zu den Karussells. Wir verlaufen uns ein wenig und plötzlich in einem Bereich mit kleineren Wegen ist alles voll mit Afrikanern, die Drogen verkaufen. An jeder Ecke. Flüster flüster, raschel raschel. Sehr unheimlich. Voller Unbehagen ducken wir uns vorbei und erreichen (allerdings unbehelligt) die Fahrgeschäfte. Schön war das nicht. Haben die Afrikaner nichts Besseres zu tun? Wo ist die Berliner Polizei? (Die Antwort ist leicht: Die Polizei ist da und spielt Katz und Maus mit den Dealern, und die illegalen Afrikaner ­haben wegen des ungeklärten Auf­enthaltsstatus tatsächlich nichts Besseres zu tun ...).

Dies ist das Bild, das viele von Ausländern haben. Viele sehen vor ihrem geistigen Auge bereits die dunklen Gestalten in unserem neuen Grünstreifen, der neben dem Flüchtlingsheim entstehen soll. Ein Schuss Neukölln.

Ich hoffe, es kommt anders. Wir bekommen eine „Folgeunterbringung“, d. h., hier werden anerkannte Asylbewerber untergebracht. Anerkannte, keine Illegalen. Die wurden bereits in jahrelangen Asylverfahren auf Herz und Nieren geprüft, die werden betreut. Und wir müssen selber auf sie zugehen, damit sie sich willkommen fühlen (und auch etwas zu verlieren haben), wir ihnen unsere Werte vorleben und im Notfall sofort spüren, wenn sie abgleiten. Wir haben keine andere Wahl.

Lesen Sie hier die weiteren Teile:

Teil 1

Teil 2

Teil 4

Teil 5

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