Tennis

Was das Hamburger Rothenbaum-Turnier kostet

Der Rothenbaum kommt an. Auch am Mittwoch waren der Center Court (im Hintergrund) und das Ausstellerdorf (vorn) gut besucht. Bisher zahlten rund 30.000 Zuschauer Eintritt.

Der Rothenbaum kommt an. Auch am Mittwoch waren der Center Court (im Hintergrund) und das Ausstellerdorf (vorn) gut besucht. Bisher zahlten rund 30.000 Zuschauer Eintritt.

Foto: Witters

Tennis-Veranstalter Peter-Michael Reichel rechnet mit einem hohen Defizit und hofft auf neue Sponsoren für die nächsten Jahre.

Hamburg.  Das Tennisturnier am Rothenbaum hat bei Sandra Reichel (48) und ihrem Vater Peter-Michael Reichel (66) Spuren hinterlassen. Schlafmangel, dass sie kaum zur Ruhe kommen, die Handys fast im Minutentakt klingeln, ist nicht erst seit Mitte der Turnierwoche in ihren müden Gesichtern abzulesen. Die Komplimente von Zuschauern, Sponsoren und des Deutschen Tennis Bundes (DTB) wiederum, die alle von einem gelungenen Neustart sprechen, ermuntern die neuen Organisatoren allerdings, auf ihrem ambitionierten Weg „Make the Rothenbaum great again“ weiterzumachen. Dennoch: Die Sorge, mit wie viel Minus sie ihre Premiere abschließen werden, bleibt. Ein hohes sechsstelliges Defizit ist derzeit wahrscheinlich. Vorgänger Michael Stich (50), Turnierdirektor von 2009 bis 2018, hatte Verluste stets vermeiden können.

Die Reichels haben bei ihrem ersten Aufschlag in Hamburg kräftig investiert. Das Budget stieg von zuletzt gut vier Millionen auf 5,5 Millionen Euro, die Einnahmen dagegen erhöhten sich nicht proportional. Viele potenzielle Sponsoren schauen sich vor Ort zwar um, warten indes ab, wie sich die Veranstaltung entwickelt. Für die kommenden Tage haben die Reichels Vertreter mehrerer Großunternehmen eingeladen, um über ein Engagement für die nächsten Jahre zu sprechen. Da hilft es, dass die vier Topgesetzten weiter mitspielen und unter den Besuchern entsprechend gute Stimmung auf den Courts herrscht.

Rothenbaum gehört zur 500er-Kategorie der ATP

Der Rothenbaum gehört zur 500er-Kategorie der Herrentennisorganisation ATP, die in diesem Jahr für 62 Turniere in 31 Ländern auf sechs Kontinenten Lizenzen vergeben hat. 500 Weltranglistenpunkte erhalten die Sieger. Darüber rangieren die vier Grand Slams in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York sowie neun Mastersevents in Indian Wells, Miami, Monte Carlo, Madrid, Rom, Montreal, Cincinnati, Shanghai und Paris (Halle), die 1000er-Turniere. Alle 13 Veranstaltungen machen Gewinne, in erster Linie die Grand Slams.

Einige der 13 ATP-500er-Turniere, vor allem die 39 Veranstaltungen der 250er-Serie müssen sehr genau rechnen. Der Rothenbaum war mit seinem Vier-Millionen-Etat 2018 Schlusslicht dieser Kategorie, rückt jetzt ins untere Mittelfeld vor. Der Durchschnittsetat der 500er­ beträgt neun Millionen Euro. Spitzenreiter Basel, das Heimatturnier des Schweizers Roger Federer im Oktober, kalkuliert mit 16,5 Millionen, nimmt 5,4 Millionen mit Tickets ein. In Hamburg sind es bei Eintrittspreisen von rund 40 Euro etwas mehr als eine Million; auch weil es bisher nur Tagestickets, nicht wie anderswo Karten für den Nachmittag und auch noch den Abend zu kaufen gibt.

Sponsorenvertrag mit Wettanbieter wurde verboten

Die 1000er-Turniere unterstützt die ATP mit rund neun Millionen US-Dollar (8,1 Millionen Euro) aus ihrem TV- und Marketingpool. Der Rothenbaum erhält als 500er-Turnier 1,9 Millionen US-Dollar (1,7 Millionen Euro). Das deckt nicht mal das ständig steigende Preisgeld, dieses Jahr sind es in Hamburg 1,855 Millionen Euro. Jeweils 50.000 Euro Prämien für Damen und Herren schütten die Reichels zudem für das neue U-21-Einladungsturnier aus, das heute beginnt.

Hinzu kommen Antrittsprämien, Kosten für Kost und Logis im Elysée-Hotel an der Rothenbaumchaussee, die Miete auf der Anlage des Clubs an der Alster, Lizenzgebühren an den DTB, rund 500.000 Euro plus Beteiligung an Fernsehgeldern, Ausgaben für Organisation und Personal. Da ist es ärgerlich, dass die ATP den Reichels verbot – wegen Spielmanipulationen in der Vergangenheit bei anderen Turnieren –, einen Sponsorenvertrag mit einem Wettanbieter zu schließen. Der lag unterschriftsreif vor, hätte 250.000 Euro gebracht. Bestehende Vereinbarungen bei anderen Turnieren blieben von diesem Ukas unberührt.

Städte und Sponsoren sind wichtigste Geldgeber

Städte und Sponsoren sind die wichtigsten Geldgeber der Tennisturniere. Das 1000er in Madrid zum Beispiel erhält rund sechs Millionen Euro aus kommunalen Töpfen. Am Rothenbaum fehlt weiter ein internationaler Hauptsponsor, der gut eine Million Euro zahlt. Die Stadt Hamburg unterstützt das Event im Rahmen ihrer Veranstaltungsförderung, weil sie an die Neuausrichtung des Turniers glaubt. Auch sollen die insgesamt zehn Millionen Euro, mit denen die Anlage bis Mitte nächsten Jahres renoviert und modernisiert wird, gut angelegt sein. 80 Prozent der Investitionssumme übernimmt Hamburgs großer Sportmäzen Alexander Otto (52).

„Wir wollen von der Stadt auch keine Subventionen. Ein Tennisturnier, das in 160 Ländern zum Teil live im Fernsehen gezeigt wird, ist jedoch hervorragendes Standort-Marketing, ganz abgesehen von direkten ökonomischen Effekten durch auswärtige Besucher“, sagt Peter-Michael Reichel. Auch sieht er die Grand-Slam-Turniere in der Pflicht. „Die machen am Ende den Reibach, aber alle anderen Veranstalter schaffen erst die Basis, die dem Tennis über das Jahr weltweite Aufmerksamkeit verschafft.“

Kampf um höhere Preisgelder

Roger Federer (37) vertritt einen ähnlichen Standpunkt. „Grand Slams und 1000er-Turniere müssen den Topspielern keine Antrittsgagen zahlen, da diese dort startverpflichtet sind. Da wäre es nur fair, wenn sie mit Teilen ihres Profits die 250er- und 500er-Turniere unterstützten“, sagte der Grand-Slam-Rekordsieger (20 Titel) kürzlich beim Turnier in Halle. Am Rothenbaum erhalten die Topgesetzten Startgelder in sechsstelliger Höhe, was marktüblich ist.

Den Kampf der Tennisprofis um höhere Preisgelder kann Federer verstehen, „aber wenn wir mehr Preisgeld wollen, müssen wir bei den großen Turnieren ansetzen, nicht bei denen, die ohnehin finanziell stark belastet sind. Ich wünschte mir da mehr Solidarität.“ Peter-Michael Reichel kann sich dem nur anschließen. Und er hofft, dass bei einer Neuordnung der Turnierlandschaft der Rothenbaum profitiert. Die ATP denkt über eine 750er-Serie nach, um Premium-Standorten wie Hamburg bessere Rahmenbedingungen für die Akquise von Einnahmen aller Art zu geben.