Jahresrückblick 2019

Tanzende Türme, offene Brüche – was Hamburgs Sport bewegte

Laudator Patrick Esume (l.) hält bei der Sportgala die Ehrung der Hamburg Towers als Mannschaft des Jahres bildlich fest. Rechts: Ehrenpreisträger Wladimir Klitschko.

Laudator Patrick Esume (l.) hält bei der Sportgala die Ehrung der Hamburg Towers als Mannschaft des Jahres bildlich fest. Rechts: Ehrenpreisträger Wladimir Klitschko.

Foto: Tim Groothuis / WITTERS

Quoten-Hits für Fußball und Handball. Towers schrieben mit Aufstieg die schönste Geschichte. Aber es gab auch weniger schöne.

Hamburg. Welch ein Glück, dass es in Hamburg den HSV und den FC St. Pauli gibt! Fast täglich geben die beiden Zweitliga-Fußballclubs uns Journalisten Steilvorlagen: spannende, manchmal auch irre Geschichten, die nur noch erzählt werden wollen.

Allzu häufig waren diese Geschichten allerdings auch im vergangenen Jahr wieder solche des Strauchelns und des Scheiterns, der Enttäuschung und Ernüchterung. Die Erfolgsgeschichten des Hamburger Sports 2019 haben wieder andere geschrieben. Ein Jahresrückblick.

Hamburg Towers – der Aufstieg des Jahres

Der Hamburger Sportmoment des Jahres fand wahrscheinlich gar nicht in Hamburg statt, sondern in rund 500 Kilometer Entfernung. Durch einen 78:72-Sieg im entscheidenden fünften Play-off-Halbfinalspiel bei den favorisierten Niners Chemnitz wurden die Hamburg Towers am Vorabend des 1. Mai zu tanzenden Türmen.

Hamburg Towers feiern in Chemnitz den Bundesliga-Aufstieg

Aufstieg in die Basketball-Bundesliga – der ganz große Wurf war tatsächlich geschafft. Und mittendrin im Sekt- und Glückwunschregen: Trainer Mike Taylor.

"You can't guarantee an Aufstieg!" hatte Taylor vor Saisonbeginn gedenglischt. Die Mahnung wurde zu einem geflügelten Wort und zum Motto des größten Erfolgs in der noch jungen Vereinsgeschichte. Eines Erfolges, der weit über den kleinen Körbe-Kosmos hinausweist.

Aus Sicht der Towers hätte es für den Aufstieg gar keinen besseren Zeitpunkt geben können. Der HSV hatte nach dem Klassenerhalt im Vorjahr auch den Wiederaufstieg verspielt, beim FC St. Pauli ist der ohnehin schon lange keine Option mehr, und die Zeiten, in denen die HSV-Handballer und die Hamburg Freezers regelmäßig die Barclaycard-Arena gefüllt haben, liegen Jahre zurück.

Eine ganze Stadt schien in die Zweitklassigkeit abgestiegen zu sein. Aber jetzt war es bewiesen: Hamburg kann nicht nur Amateur- und Breitensport, Hamburg kann auch Erste Liga in einer weltweit beachteten Publikumssportart.

Wenige Tage später durfte dann noch die Zweitliga-Meisterschaft betanzt werden. Und dass es Toptalent Justus Hollatz war, der den Nürnbergern den entscheidenden Korb gab, war dann schon fast kitschig.

Von der Basis an die Spitze in fünf Jahren: Was als Sozialprojekt angefangen hat, hatte sich zu einem Leistungssportbetrieb entfaltet – ohne dabei die eigenen Wurzeln zu kappen. Hierin liegt das vielleicht größte Verdienst der Towers: Sie haben Wilhelmsburg, diesen zentralen und gleichzeitig abgehängten Stadtteil, ins Bewusstsein der Stadt eingepflanzt. Bis hinein ins Rathaus, wo die Basketballer nach ihrem Coup von Bürgermeister Peter Tschentscher empfangen wurden.

Und sie haben mit dafür gesorgt, dass man sich heute gern in Wilhelmsburg zeigt. Gangsta-Rapper Gzuz, Model Sylvie Meis, Innensenator Andy Grote, Moderator Johannes B. Kerner: Sie alle wurden schon auf der Tribüne der fast immer ausverkauften Edel-optics.de-Arena gesichtet.

Trotzdem spricht viel dafür, dass die Towers mehr als eine jener Modeerscheinungen sind, die man auch im Hamburger Sport schon kommen und wieder gehen gesehen hat.

Marvin Willoughby, der Initiator und Motor des Projekts, vergaß selbst im Gefühl des größten Triumphs nicht daran zu erinnern, worin er die wichtigste Aufgabe der Towers für die kommenden Jahre sieht: den Jugendsport zu fördern und den Menschen in seinem Stadtteil Integrationsangebote zu machen, die weit über den Basketball hinausgehen.

Dieser Wert bleibt auch, wenn der Klassenerhalt nicht gelingen sollte. Dass die Körbe in der Bundesliga verdammt hoch hängen, hat Hamburgs "Mannschaft des Jahres" bereits erfahren müssen.

Beachvolleyball-WM – die Party des Jahres

Nimmt man Twitter zum Maßstab, war es das Ereignis des Jahres: Unter dem Stichwort #Hamburg2019 haben sich die User vor allem über die Beachvolleyball-WM im Rothenbaum-Stadion ausgetauscht.

Kritische Kommentare finden sich kaum, dafür umso mehr begeisterte: zum Sport, zur Organisation und vor allem zur grandiosen Atmosphäre.

Der Zuschauerandrang war so groß, dass der Einlass an den letzten drei Turniertagen gestoppt werden musste – eine Nebenwirkung des freien Eintritts. Insgesamt wurden 130.000 Besucher auf der Anlage gezählt. 12.000 erlebten allein auf dem Centre-Court das Männerfinale, in dem Julius Thole/Clemens Wickler vom Eimsbütteler TV knapp unterlagen – und feierten hinterher das Hamburger Sensationsduo trotzdem minutenlang mit stehenden Ovationen. Wickler bedanke sich per Stadionmikrofon: „Was ihr in den vergangenen zehn Tagen hier veranstaltet habt, ist der Wahnsinn. Ohne euch wären wir nie so weit gekommen.“

Der Lohn: Er und Thole dürfen im kommenden Jahr bei den Olympischen Spielen in Tokio antreten. Ob Laura Ludwig dort ihren Titel verteidigen kann, ist noch offen. Bei der Heim-WM schieden sie und ihre neue HSV-Partnerin Margareta Kozuch in der ersten Play-off-Runde aus. Doch der erste große Titel der beiden beim Saisonfinale in Rom macht Hoffnung, dass Hamburg in Tokio mit gleich zwei Beachvolleyball-Teams vertreten ist.

Sicher ist, dass sich die Stadt im internationalen Kalender als Topturnier festgespielt hat. Die WM-Hauptsponsoren Aldi Nord und Comdirect haben bereits angekündigt, ihr Engagement im Beachvolleyball auszuweiten, auch weitere Unternehmen wollen bei der Party des Jahres in Hamburg dabei sein. So kann es weitergehen!

Rothenbaum-Tennisturnier – der Neuanfang des Jahres

Zwei Wochen nach der Beachvolleyball-WM war der gelbe Sand am Rothenbaum gegen roten ausgetauscht und das Stadion wieder seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt: dem Tennis. Nach zehn Jahren unter der Leitung von Wimbledon-Sieger Michael Stich wurde das Traditionsturnier erstmals von der Reichel Business Group veranstaltet und in Hamburg European Open umgetauft.

Doch die Probleme sind geblieben: Dem Rothenbaum-Turnier fehlt ein Hauptsponsor. Am Ende des Neuanfangs stand ein dickes Minus. Von dem Vorhaben, wieder ein Damenturnier ins Programm zu nehmen, sind Veranstalter Peter-Michael Reichel und Turnierdirektorin Sandra Reichel inzwischen abgerückt.

Was die beiden aber hoffen lässt: Österreichs Topspieler Dominic Thiem hat auch für kommendes Jahr seine Teilnahme zugesagt. Zudem wird die Anlage bis zur nächsten Auflage im Juli für zehn Millionen Euro saniert. Dass man die nicht unbedingt braucht, um eine junge Zielgruppe zu erreichen, haben allerdings die Beachvolleyball-Events gezeigt.

Handball-WM – der Quotenhit des Jahres

1,3 Millionen Zuschauer sahen in der ARD das Männerfinale der Beachvolleyball-WM. Ein anderes Sportereignis in der Stadt erreichte fast zehnmal so viele Menschen: Mit 11,901 Millionen ARD-Zuschauern war das Halbfinale der Handball-WM zwischen Deutschland und Norwegen in der Barclaycard-Arena sogar deutschlandweit der Sport-Quotenhit des Jahres.

Mit dem Finale wurde es zwar nichts, doch auf der inoffiziellen Beliebtheitsskala haben die Handballer damit die Fußballer hinter sich gelassen. Deren meistbeachteter Auftritt fand ebenfalls in Hamburg statt: Das verlorene EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande sahen bei RTL durchschnittlich 11,836 Millionen Zuschauer.

In beiden Fällen gab es hinterher allerdings Kritik am Hamburger Publikum. Es habe "kein WM-Format bewiesen", schimpfte Publizist Hajo Schumacher nach dem Handballspiel.

Vom Fußballländerspiel bleibt neben der bitteren Niederlage vor allem eine Choreografie-Panne in Erinnerung: Weil er befürchtete, dass das Motto "Vollgas" missverstanden werden könnte, änderte der Fanclub Nationalmannschaft den Schriftzug kurzfristig zu "Volley".

Alexander Zverev – der Karriereknick des Jahres

War sonst noch was? Und ob! Stellvertretend für alle, die es verdient hätten, in einem Rückblick auf den Hamburger Sport 2019 erwähnt zu werden, seien hier nur einige Namen genannt. Zunächst wären da Hamburgs Sportler des Jahres: Golferin Esther Henseleit (HGC Falkenstein), die sich in Europas Elite durchgeschlagen hat. Und, sogar zum dritten Mal nacheinander, Ruderer Torben Johannesen (RC Favorite Hammonia), der mit dem Deutschland-Achter wieder bei WM und EM triumphierte.

Da wäre ETV-Judoka Martyna Trajdos, die in der kommenden Olympiastadt Tokio ihre erste WM-Einzelmedaille gewann, eine bronzene. Und natürlich haben Hamburgs Hockey-Asse wieder geliefert. Die Damen des Clubs an der Alster behaupteten ihren Meistertitel auf dem Feld.

Nicht nur in Randsportarten war Hamburg vorn dabei. Jacob Heidtmann (ST Elmshorn), Rafael Miroslaw (HT16) und Julia Mrozinski (SGS Hamburg) erschwammen bei der WM in Südkorea Olympia-Startplätze für die deutschen Staffeln.

Den ersten Karriereknick musste Alexander Zverev hinnehmen. Es sei nicht verschwiegen, dass der Hamburger Tennisprofi auch in diesem Jahr ein Turnier gewann – aber eben nicht die WM wie im Vorjahr und auch nicht das heimatliche Rothenbaum-Turnier, bei dem er nach jahrelanger Abstinenz wieder aufschlug. Schlagzeilen schrieb er diesmal abseits des Platzes: mit seinem verbalen Schlagabtausch mit Trainer Ivan Lendl und dem offenen Bruch mit seinem langjährigen Manager Patricio Apey, gegen den er sogar vor Gericht zog.

Active City Heroes – die Alltagshelden des Jahres

Aber da sind auch die vielen Heldinnen und Helden des Hamburger Breitensports. Menschen wie Stefanie Kluge, Timna Bicker, Catharina Streit und Meike Ramuschkat, die gerade im Begriff sind, den Atlantik in einem Ruderboot zu überqueren. Oder die acht "Active City Heroes", die sich im Sommer durch alle vier großen Ausdauerrennen in Hamburg gekämpft haben: Marathon, Triathlon, Cyclassics und Ironman. Diese Leistung hat allemal eine Medaille verdient.

Welche Geschichten das Hamburger Sportjahr 2020 wohl schreibt? Die Olympischen Spiele werden Stoff bieten, die paneuropäische Fußball-EM eher nicht. Aber eines hat auch das Sportjahr 2019 gezeigt: Diese Stadt kann im Sport etwas bewegen und eine grandiose Bühne bieten. Sie wird uns sicher genug von dem Stoff liefern, aus dem gute Geschichten sind.