Rothenbaum

Zverev macht bei seinem Hamburg-Comeback kurzen Prozess

Alexander Zverev nach seinem Sieg am Rothenbaum.

Alexander Zverev nach seinem Sieg am Rothenbaum.

Foto: Marcelo Hernandez

Die deutschen Topspieler Zverev und Struff überzeugen in Hamburg. In der Breite ist das deutsche Herrentennis nicht gut aufgestellt.

Hamburg.  In den vorderen Reihen sprangen die ersten der 6900 Zuschauer bereits auf, bevor sich der Staub gelegt hatte. Mit einem Ass hatte Alexander Zverev seinen ersten Matchball verwandelt, mit ausgebreiteten Armen nahm Deutschlands bester Tennisprofi die Huldigungen seines Heimpublikums entgegen. Der überraschend deutliche 6:4, 6:2-Erfolg gegen den Chilenen Nicolas Jarry in seinem Auftaktmatch beim ATP-Turnier am Rothenbaum löste beim Weltranglistenfünften auch die letzte emotionale Handbremse. „Ich war schon etwas aufgeregt, umso schöner, dass ich eine so positive erste Runde spielen konnte. Ich hoffe, es wird eine lange Woche für mich“, sagte der 22-Jährige.

Neues Selbstvertrauen

Das hoffen auch die neuen Turnierchefs Sandra und Peter-Michael Reichel und alle Hamburger Tennisfans, die den „verlorenen Sohn“ nach zweijähriger Abstinenz herzlich willkommen hießen. „Dass für ein Erstrundenmatch am Dienstagnachmittag so viele Leute kommen, ist toll“, sagte Zverev, der 2013 an der Hallerstraße sein erstes ATP-Turnier gespielt hatte. Mit der Rückkehr in die Heimat wollte er nach den Querelen um die Trennung von seinem Manager Patricio Apey, die Diskussionen um die Zukunft seines in Hamburg fehlenden Cheftrainers Ivan Lendl und dem Erst­rundenaus vor 22 Tagen in Wimbledon neues Selbstvertrauen sammeln. Dass diese Rechnung aufgehen könnte, unterstrichen die 71 Spielminuten gegen Jarry eindrucksvoll.

Gegen den 23 Jahre alten Weltranglisten-38., der am vergangenen Sonntag das Turnier im schwedischen Bastad gewonnen und 2018 in Hamburg im Halbfinale gestanden hatte, war ein heißer Tanz erwartet worden. Heiß war es, aber nur, weil die Sonne brannte, was Zverev grundsätzlich liebt. Sportlich ließ der amtierende ATP-Weltmeister dem überspielt wirkenden Südamerikaner dank seines aggressiven Spiels kaum Raum zur Entfaltung. „Es tut sehr gut, gegen einen solch starken Gegner gewonnen zu haben. Aber mein Anspruch ist es, solche Turniere zu gewinnen“, sagte Zverev, der im Achtelfinale am Donnerstag gegen den Italiener Marco Cecchinato (26/Nr. 63) gefordert ist.

Doppel der Zverev- Brüder

Am Mittwoch steht zunächst das Doppel-Achtelfinale gegen das deutsche Duo Julian Lenz/Daniel Masur (Gießen/Bückeburg) an der Seite seines Bruders Mischa (31) an, der seine Rückenprobleme überwunden hat. Weil sich mit dem Warsteiner Jan-Lennard Struff (29/Nr. 36), der den brasilianischen Qualifikanten Thiago Monteiro (25/Nr. 91) mit 6:1, 6:3 bezwang, auch der zweite deutsche Topspieler keine Blöße gab, überstrahlten die beiden Daviscupspieler wieder einmal die grundsätzliche Situation im deutschen Herrentennis.

Der Blick auf die Weltrangliste ist für die Verantwortlichen im Deutschen Tennis-Bund (DTB) aktuell kein Vergnügen. Außer Zverev und Struff steht nur noch der in Hamburg in Runde eins gescheiterte Augsburger Philipp Kohlschreiber (35/Nr. 72) unter den Top 100. Vergleichbare Nationen wie Frankreich (11), Spanien (10) oder Italien (7) stehen deutlich besser da. Dirk Hordorff, Vizepräsident Leistungssport im DTB, will die Lage nicht beschönigen. „Mit Struff und Zverev und zwei starken Doppeln haben wir im Daviscup momentan eine gute Situation. Aber die Breite dahinter ist nicht ausreichend, das müssen wir ganz klar sagen. Das ist das Resultat der schlechten Arbeit in den vergangenen Jahren“, sagt er.

Bundestrainer: "Nicht optimal"

Bundestrainer Michael Kohlmann (45) bemüht sich um etwas mehr Diplomatie. „Drei Spieler unter den besten 100 ist sicherlich nicht optimal, und wir müssen wachsam sein, dass wir nicht den Anschluss verlieren“, sagt der Daviscup-Teamchef. „Ich glaube aber, dass wir in der Breite gut genug aufgestellt sind, um die Basis für ein erfolgreiches Abschneiden unserer Spieler auf Turnieren und im Daviscup zu legen.“ Mut mache, dass der DTB in der Ranglistenregion zwischen Platz 100 und 200 mit zehn Akteuren vertreten sei, von denen einige auch schon über längere Zeit in den Top 100 standen. „Viele von den Jungs haben das Potenzial, bald wieder höher zu stehen. Aber es ist sehr wichtig, dass kein großes Loch entsteht“, sagt Kohlmann. Auffällig ist, dass mit dem Berliner Rudi Molleker (18/Nr. 150) und dem Nürnberger Maximilian Marterer (24/Nr. 194) auch in den Top 200 nur zwei deutsche Spieler stehen, die jünger als 25 Jahre sind.

Der Nachwuchs fehlt

Im Juniorenwettbewerb des Grand-Slam-Turniers in Wimbledon war kein deutscher Youngster vertreten. „Das ist schon alarmierend, wir müssten in der Lage sein, bei allen Grand-Slam-Turnieren Juniorenstarter zu stellen“, sagt Kohlmann. Allerdings dürfe man die Entwicklung im Welttennis nicht ignorieren, nach der der Altersdurchschnitt der Spitzenspieler heute höher liegt als vor zehn oder 20 Jahren. „Es gibt mittlerweile eine Reihe an Spielern, die ihren Leistungszenit erst mit Mitte 20 erreichen“, sagt er. Spieler, die zum Beispiel zunächst auf eine College-Ausbildung in den USA setzen, bevor sie sich dem Profitennis verschreiben, gebe es im DTB auch. Dazu zählen der Schwarzwälder Dominic Köpfer (25/Nr. 121), der in Wimbledon die zweite Runde erreichte, und Julian Lenz (26/Gießen/Nr. 374), der am Dienstag am Rothenbaum dem italienischen Topmann Fabio Fognini (32/Nr. 10) ehrenhaft 4:6, 4:6 unterlag.

Nachwuchsförderung wird komplett umgestellt

Um den Nachwuchs optimal auf die Knochenmühle Profitour vorbereiten zu können, hat der DTB sein Förderkonzept komplett umgestellt. Möglich wurde das durch die Anfang 2017 erfolgte Aufnahme in die Förderung durch das Bundesinnenministerium. „Dadurch können wir mehr Trainerstellen schaffen und die Bundesstützpunkte besser ausstatten“ , sagt Hordorff. „Perspektivisch müssen wir schon bei den Zwölfjährigen mit gezielter Förderung beginnen. Aber bis eine solche Umstellung greift und man Erfolge sieht, dauert es Jahre.“ Ein wichtiger Eckpfeiler soll auch die Verletzungsprophylaxe werden. Zuletzt waren mit Daniel Altmaier (20/Kempen) und dem Hamburger Marvin Möller (20) zwei hoch gehandelte Talente wegen verschiedener Verletzungen über mehrere Monate ausgefallen. „Der präventive Bereich ist deshalb ein riesengroßes Thema, an dem wir sehr intensiv arbeiten“, sagt Kohlmann. All diese Maßnahmen sollen helfen, das deutsche Herrentennis dauerhaft in der Weltspitze zu halten. Bis dahin gilt es, auf Zverev und Struff zu setzen.