HSV

Jan Gyamerahs linker Fuß war um 90 Grad gedreht

Der Gyamerah-Schock: Nach dem Trainingsunfall dauerte es knapp sieben Minuten, ehe gleich zwei Krankenwagen im Volkspark vorfuhren. Einer fuhr zur besseren Behandlung auf den Platz.

Der Gyamerah-Schock: Nach dem Trainingsunfall dauerte es knapp sieben Minuten, ehe gleich zwei Krankenwagen im Volkspark vorfuhren. Einer fuhr zur besseren Behandlung auf den Platz.

Foto: Maik Weiler

Der Wadenbeinbruch des Neuzugangs schockt auch die Trainingszuschauer. HSV reagiert auf die Verletzung mit einer spontanen Absage.

Hamburg.  Der Schrei, der am Mittwochvormittag um kurz vor 11 Uhr den Volkspark erschaudern ließ, wollte gar nicht mehr verstummen. Wie in Zeitlupe verronnen die Sekunden, in denen sich HSV-Profi Jan Gyamerah am Boden krümmte und seinen ganzen Schmerz herausbrüllen musste.

Quälend lange sieben Minuten dauerte es, ehe gleich zwei Krankenwagen am Trainingsplatz hinter dem Volksparkstadion eintrafen und Gyamerah noch auf dem Rasenplatz versorgten. Kurz darauf wurde der Rechtsverteidiger ins UKE gebracht.

Das war passiert: Bei einem Kleinfeldturnier im Modus fünf gegen fünf hatte der im Sommer vom VfL Bochum verpflichtete Fußballer Josha Vagnoman ausgespielt, war anschließend ohne gegnerische Einwirkung bei einer Flanke im Rasen hängen geblieben und umgeknickt.

„Und plötzlich hatte es lautstark knack gemacht …“, sagte einer der mitgenommenen Zuschauer. Auf Fotos ist zu erkennen, wie Gyamerahs linker Fuß um 90 Grad gedreht ist. Das Abendblatt verzichtet auf den Abdruck dieser Bilder.

Auch die Trainingskiebitze waren geschockt

Es dauerte nur wenige Minuten, ehe das Ausmaß des Schreckens allen bewusst war. Trainer Dieter Hecking, der zunächst das Training auf einem Nebenplatz fortsetzen wollte, entschied, die Einheit abzubrechen. Auch die rund 50 Fans, die Zeuge des Trainingsunfalls waren, schienen geschockt. Bevor die Krankenwagen wenig später abfuhren, erkundigte sich Hecking noch einmal bei Gyamerah, dem noch auf dem Platz Schmerzmittel verabreicht wurden.

Am Nachmittag folgte die niederschmetternde Diagnose: Gyamerah hat sich einen Bruch des linken Wadenbeins zugezogen, wurde noch am gleichen Tag operiert. „Die Verletzung ist ein großer Schock für uns alle“, sagte Sportvorstand Jonas Boldt. „Es tut uns unglaublich leid für Jan, der sich menschlich und spielerisch großartig bei uns integriert hat.“

Gyamerah kennt sich aus mit Verletzungen

Pechvogel Gyamerah. Der 24-Jährige hatte in den vergangenen Jahren schon mehrfach mit Verletzungen zu kämpfen. Beim VfL Bochum fiel der gebürtige Berliner mit einer Schambeinentzündung (103 Tage), mit hartnäckigen Adduktorenproblemen (512 Tage), mit zwei Muskelfaserrissen (28 und 27 Tage) und erneut mit Adduktorenproblemen (66 Tage) bereits mehrfach lange aus. Doch die neueste Verletzung scheint auch die mit Abstand schlimmste zu sein.

Persönlich ist der Wadenbeinbruch natürlich eine echte Hiobsbotschaft für Neuzugang Gyamerah. Doch die gesamte Brutalität des Geschäfts Fußball zeigte sich auch in den reflexartigen Reaktionen auf die schwere Verletzung. So dauerte es gerade einmal eine knappe Stunde, ehe bei „Mopo.de“ eine Liste mit vereinslosen Rechtsverteidigern zu finden war, die den verletzten Gyamerah nun ersetzen könnten. The Show must go on.

HSV sagt "Media Day" umgehend ab

Nicht ganz. Denn obwohl Verletzungen natürlich zum Geschäft dazugehören, waren die Ereignisse am Mittwochmorgen dann doch zu schockierend, als dass man beim HSV so einfach zur Normalität übergehen konnte. Der lange geplante „Media Day“, bei dem unter anderem auch das aktuelle Mannschaftsfoto für die laufende Zweitligasaison gemacht werden sollte, wurde umgehend abgesagt, alle weiteren Termine gestrichen.

Doch der Fußball kennt keine Gnade. Spätestens ab heute muss Trainer Hecking sich ernsthaft damit befassen, wie er kurz- und mittelfristig auf die so schlimme Verletzung reagieren will. Gyamerah gehörte zu den wenigen gesetzten Spielern, deren Stammplatz ohne Wenn und Aber zementiert war. Aus Mangel an echten Alternativen hatte der Fußballlehrer in der letzten Woche der Transferperiode sogar noch insgeheim gehofft, einen möglichen Außenverteidiger als Back-up verpflichten zu können.

Drei Optionen für den Gyamerah-Ersatz

Im Derby beim FC St. Pauli am Montag bleiben Hecking nun drei Möglichkeiten: Entweder lässt er Youngster Vagnoman, der die Rolle des Außenverteidigers sowohl rechts als auch links übernehmen kann, ran. Oder er lässt Außenstürmer Khaled Narey eine Position weiter nach hinten rücken – und verhilft dadurch Neuzugang Martin Harnik vorne rechts zu seinem HSV-Pflichtspieldebüt.

Möglichkeit Nummer drei: Natürlich könnte auch Jeremy Dudziak, der gerade sein Debüt für die tunesische Nationalmannschaft feierte, hinten rechts aushelfen. Ausgerechnet Dudziak, muss es an dieser Stelle wohl heißen. Denn der Ex-St.-Paulianer hatte zuletzt kein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich darüber freuen würde, beim HSV nun endlich überwiegend im zentralen Mittelfeld spielen zu dürfen. Beim Kiezclub musste Dudziak als eine Art „Mädchen für alles“ auf mehreren Positionen aushelfen – unter anderem auch hinten rechts.

Hecking ist jetzt als Psychologe gefragt

Hecking ist jetzt aber nicht nur als Trainer gefragt, der das Personalpuzzle neu justieren muss. Sondern auch als Psychologe. Einerseits muss er dem niedergeschlagenen Gyamerah in den kommenden Tagen und Monaten Halt geben. Andererseits muss er verhindern, dass sich die Mannschaft von dem Verletzungsschock traumatisieren lässt.

Vor einem Jahr hatte es schon einmal eine ähnliche Situation gegeben. Damals war es die schlimme Verletzung Jairo Samperios, die den ganzen HSV schockierte. Der Spanier hatte sich im Mannschaftstraining einen Totalschaden im Knie zugezogen. Immerhin: In der ersten Partie nach dem Unfall spielte der HSV gegen Bielefeld, gewann 3:0 und jubelte gemeinsam mit einem Jairo-Trikot. Am Ende gewannen die Hamburger sogar alle drei Spiele nach der Jairo-Verletzung.

Viel wichtiger aber: Ein Jahr später ist Jairo vollständig genesen. „Ich bin glücklich, wieder da zu sein“, sagte er vor Kurzem. Ähnliches, das hofft nicht nur Jairo, soll bald auch Gyamerah sagen.