Stadtderby

Wo der FC St. Pauli besser ist als der HSV

St. Paulis Mittelfeldmann Finn Ole
Becker (l.) (19) spielte
neunmal für die
Profis und jetzt
erstmals für die
deutsche U-20-Nationalmannschaft.
Sein Vertrag am
Millerntor läuft bis
2022. HSV-Verteidiger
Josha Vagnoman
(18) wurde vor
einer Woche mit
der Fritz-Walter-Medaille für die
besten DFB-Talente
ausgezeichnet.
Sein Vertrag läuft
bis 2021.

St. Paulis Mittelfeldmann Finn Ole Becker (l.) (19) spielte neunmal für die Profis und jetzt erstmals für die deutsche U-20-Nationalmannschaft. Sein Vertrag am Millerntor läuft bis 2022. HSV-Verteidiger Josha Vagnoman (18) wurde vor einer Woche mit der Fritz-Walter-Medaille für die besten DFB-Talente ausgezeichnet. Sein Vertrag läuft bis 2021.

Foto: Witters; Montage: HA

Kiezclub setzte diese Saison schon fünf Spieler aus eigener Jugend ein. Auch der HSV will wieder ein Ausbildungsverein werden.

Hamburg.  Josha Vagnoman und Jonas David kriegten nicht genug. Eine halbe Stunde länger als alle anderen HSV-Profis trainierten die beiden Freunde am Dienstagvormittag im Volkspark. Am Sonntag hatten die beiden noch mit der deutschen U-20-Nationalmannschaft im niederländischen Uden gespielt und mit der DFB-Auswahl einen 2:1-Sieg gegen Holland gefeiert. „Es war ein gutes Spiel für uns“, sagte Vagnoman. Auch Trainer Dieter Hecking war zufrieden: „Ich habe sehr positive Rückmeldungen von DFB-Trainer Manuel Baum bekommen.“

Ebenfalls in der deutschen U-20-Startelf stand am Sonntag Finn Ole Becker vom FC St. Pauli. Der 19-Jährige spielte gegen die Niederlande im Mittelfeld an der Seite von Vagnoman. Die beiden agierten schon früher mit Jonas David in der Hamburger Auswahl zusammen. Im Gegensatz zu den beiden HSV-Talenten ist Becker aber auch in seinem Club gesetzt. Und nicht nur er.

Mit Christian Conteh (20), Florian Carstens (21), Niklas Hoffmann (22) und Jakub Bednarczyk (20) bekamen noch vier weitere Spieler von Trainer Jos Luhukay Einsatzzeit, die aus dem eigenen Nachwuchs stammen und in der vergangenen Saison dort teilweise noch spielten. Auch Torwart Svend Brodersen (22), Mittelfeldmann Ersin Zehir (21) und Außenstürmer Luis Coordes (20) hatten in der Vorsaison schon Profieinsätze.

HSV hat sich von Jugendexperiment verabschiedet

„Dass seit gut einem Jahr diese Spieler bei den Profis Punktspiele bestritten haben, zeigt, dass das Thema Durchlässigkeit bei uns mit Tatsachen nachzuweisen ist. Das hilft natürlich bei der Argumentation, warum ein junges Talent zu uns kommen oder bei uns bleiben sollte“, sagt Roger Stilz, der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums des FC St. Pauli, im Abendblatt-Gespräch.

Anders das aktuelle Bild beim HSV. Weil die Verantwortlichen alles auf die Karte Aufstieg setzen, hat man sich von seinem Jugendexperiment verabschiedet. Vagnoman und David sind die beiden letzten eigenen HSV-Talente, die derzeit im erweiterten Kader noch eine Rolle spielen. Fiete Arp (19), Tatsuya Ito (22), Patric Pfeiffer (19) und Lenny Borges (18) wurden verkauft, Vasilije Janjicic (20) und Finn Porath (22) verschenkt, Aaron Opoku (20) verliehen. Ebenfalls für ein Jahr verabschiedeten sich die Jungprofis David Bates (22), Berkay Özcan (21) und Manuel Wintzheimer (20).

Für Mutzel keine Frage des Geldes

Vor einem Jahr sah das anders aus. Der HSV hatte nicht nur den jüngsten Kader im deutschen Profifußball, sondern setzte seine Talente zumindest unter Trainer Christian Titz auch ein. Geht es nach Michael Mutzel, wird das künftig wieder so sein. Der Sportdirektor, der im März aus Hoffenheim kam, will sich im Volkspark ab sofort verstärkt dem Nachwuchs widmen. „Hier wurde mit dem Campus ein Rahmen geschaffen, um ideale Nachwuchsarbeit zu entwickeln. Ein guter Rahmen reicht aber nicht aus“, sagte Mutzel dem Abendblatt.

Der HSV investierte noch bis vor einem Jahr fast acht Millionen Euro pro Jahr in den Nachwuchs. Als etliche Verantwortliche wie Bernhard Peters, Dieter Gudel oder Marinus Bester das NLZ verließen, wurde auch der finanzielle Aufwand zurückgefahren. Dieser ist aber immer noch rund doppelt so hoch wie beim FC St. Pauli. Für Mutzel ist die Ausbildung aber keine Frage des Geldes. In Hoffenheim stand ihm als NLZ-Chef weniger Etat zur Verfügung als beim HSV, die Einsatzzeiten der eigenen Talente bei den Profis waren aber immer höher.

Alles auf den Prüfstand stellen

Mutzel will im HSV-Campus nun alles auf den Prüfstand stellen. „Für uns geht es darum, die Abläufe zu analysieren, die Prozesse zu optimieren und neue Strategien auf den Weg zu bringen.“ An der Seite eines stabilen Gerüsts sollen in der Profimannschaft künftig wieder mehr Talente auf Einsatzzeiten kommen. „Ich liebe es, Talente aus dem eigenen Nachwuchs in einer Profimannschaft einzubauen und auf den Weg zu bringen“, sagt Mutzel. Der HSV als Ausbildungsverein? Der Sportdirektor hält das für möglich. „Ich bin davon überzeugt, dass sich junge Spieler auch an einem Standort wie Hamburg entwickeln können und der HSV in der Lage ist, eigene Spieler aus dem Nachwuchs in die Lizenzmannschaft zu integrieren.“

So wird auch künftig die Konkurrenz um die besten Talente intensiv sein. Dabei hat St. Pauli seine frühere Zurückhaltung aufgegeben. „Wir waren zuletzt etwas mutiger in Bezug darauf, Spielern schon im Jugendalter Profiverträge zu geben“, sagt St. Paulis NLZ-Chef Roger Stilz. „Wir haben früher agiert, als es sonst bei uns üblich war. Das bedeutet, dass wir uns bei einem Talent, von dem wir überzeugt sind, auch früh festlegen.“

Gute Nachricht für den HSV

In der Vergangenheit hatte der Kiezclub vielversprechende Nachwuchskicker wie Youssoufa Moukoko oder Sam Schreck an potentere Clubs wie Dortmund und Leverkusen verloren. Aurel Loubongo (18) hat daher schon seit geraumer Zeit einen Profivertrag, der von der kommenden Saison an gültig ist. Schon jetzt trainiert er bei den Profis mit. Besonders glücklich ist Stilz darüber, dass es gelungen ist, den gebürtigen Hamburger Niklas Jessen (16) nach zwei Jahren beim FC Bayern München wieder zurück zum FC St. Pauli zu holen.

Die gute Nachricht für den HSV: Neben Vagnoman und David standen bei der U 20 auch die verliehenen Wintzheimer und Opoku im Aufgebot. Vier HSVer in einer DFB-Mannschaft – das gab es in den Volkspark-Archiven lange nicht.