HSV

Späte Versöhnung gegen Schlusslicht Mönchengladbach

Foto: WITTERS / Witters

Nach einer erschreckend schwachen ersten Halbzeit steigert sich der HSV und gewinnt 2:1 bei Bundesliga-Schlusslicht Borussia Mönchengladbach

Mönchengladbach. Um 22.19 Uhr war das Spiel beendet. Endlich. Mit viel Mühe und Not hatte der HSV das Jahr 2010 doch noch mit einem Sieg beenden und ein wenig Ergebniskosmetik nach der insgesamt schwachen Bundesliga-Hinrunde betreiben können. Vergessen machen konnten die Hamburger die vielen enttäuschenden Auftritte mit dem 2:1 (0:0) bei Borussia Mönchengladbach zwar nicht, aber mit nun 24 Punkten hält sich der HSV zumindest die Option offen, mit einer besseren Rückrunde wieder den Anschluss an die oberen Plätze zu erreichen.

Lange sah es aber nicht nach dem ersten Auswärtssieg nach vier Pleiten in der Fremde in Folge aus. Wer geglaubt hatte, mit dem 2:4 gegen Bayer Leverkusen vergangene Woche sei der Tiefpunkt erreicht, sah sich nach dem Anpfiff getäuscht. "Die Verunsicherung war groß", analysierte Sportchef Bastian Reinhardt (am Sonntag zu Gast im N3-Sportclub). Ein Fehlpass folgte in der ersten Halbzeit dem nächsten. Und im Spiel nach vorne konnte auch die neue offensive Dreierreihe (Maxim Choupo-Moting, Jonathan Pitroipa und Eljero Elia) hinter Angreifer Paolo Guerrero nicht für die nötigen Akzente sorgen. Zumindest das Schuhwerk der Hamburger konnte kreativ überzeugen. Lediglich David Jarolim und Torhüter Frank Rost setzten auf traditionell-schwarze Treter, ansonsten dominierten jeweils dreimal blaue, grüne und gelbe Paare die Füße der HSV-Profis.

Viel mehr als die Schuhe fiel im ersten Durchgang von den Hamburgern allerdings nicht auf. Das Spiel dominierte das Schlusslicht aus Gladbach, dessen Anhänger derzeit ähnlich unzufrieden sind wie die HSV-Fans. "Wer die Raute schändet, wird gelyncht!! Versagen darfst Du - aber nie aufgeben" stand überdeutlich auf einem Transparent quer über die eigene Fankurve geschrieben. Die Hamburger verzichteten auf ähnliche Plakate. Dafür hatten schon zahlreiche der 2000 Anhänger, die sich ein Ticket gesichert hatten, direkt nach dem Debakel gegen Leverkusen ihre Karte zurückgeschickt. Die, die trotz allem gekommen waren, sangen nach nicht einmal einer halben Stunde: "Wir wollen euch kämpfen sehen!"

Doch die Aufforderung blieb genau wie die Ankündigung, Taten statt Worte sprechen zu lassen, erst einmal ungehört. Nach 45 ganz schwachen Minuten zählten die Statistiker lediglich fünf echte Torchancen: vier für die gegen den Abstieg kämpfenden Gladbacher, eine für den HSV. Die Taktik von Trainer Armin Veh, der aus einer gesicherten Abwehr auf schnelle Konter setzte, war nicht aufgegangen. Wer so defensiv agiert, darf zumindest nicht so viel Gefahr vor dem eigenen Tor zulassen. Angesichts der Verletzungsmisere des Tabellenletzten - gleich sechs Abwehrkräfte standen nicht zur Verfügung - war es unverständlich, warum der HSV nicht mehr Offensivdruck erzeugte.

Bezeichnend auch für den derzeitigen Zustand des HSV, wie schnell sich die Hamburger die geschenkte Führung durch Eljero Elia (46.) nur zwei Minuten später wieder nehmen ließen. Über die rechte Abwehrseite ließ Bradley erst Tomas Rincon, dann Muhamed Besic wie Schuljungen stehen und flankte in den Fünf-Meter-Raum, wo Heiko Westermann Igor de Camargo zum 1:1 einköpfen ließ, während Frank Rost auf der Linie klebte (48.).

Als Entschuldigung für diese allgemeine Schläfrigkeit der Defensive konnte auch die beschwerliche Anreise nicht herhalten. Statt in Düsseldorf landete der HSV-Tross mit knapp vierstündiger Verspätung am späten Donnerstagabend in Münster, fuhr von dort aus weiter mit einem Leihbus nach Nottuln. Dort übernachtete die HSV-Reisegesellschaft im Hotel Steverburg, von wo aus Veh und Co. erst am Spieltag ins Mannschaftshotel Maritim nach Düsseldorf weiterreisten. Für die knapp 100 Kilometer brauchten die Hamburger drei Stunden!

Auch nach dem 1:1 behielt Heiko Westermann hundertprozentig Recht mit seiner Vermutung vor der Partie, es würde kein schönes Spiel werden. Doch immerhin übernahm der HSV mit zunehmender Spieldauer die Kontrolle und spielte seine technischen Vorteile aus, ohne aber stabil zu wirken. So musste den Gästen eine gehörige Portion Glück zur erneuten Führung helfen, als Piotr Trochowskis wahrlich nicht scharf geschossener und eher als Kopfballvorlage gedachter Freistoß ungehindert den Weg durch den Gladbacher Strafraum ins Tor fand (72.).

Während die Gladbacher, die mit weiter nur zehn Punkten dem Abstieg entgegen streben, nicht mehr die Kraft fanden, sich gegen die Agonie auf den Rängen zu stemmen, konnten die HSV-Spieler mit dem Trost nach Hause fahren, dass sie eine noch größere Alarmstimmung verhindert hatten. Während der Rückfahrt mit dem Bus direkt nach dem Spiel konnte die Mannschaft mit Armin Veh in Ruhe erste Analysen nach dem Ende der Hinrunde ziehen. Direkte Konsequenzen waren für den heutigen Sonnabend ebenfalls nicht zu erwarten. Der Plan einer gemeinsamen Sitzung mit Vorstand und Aufsichtsrat wurde verworfen. "Wir Spieler sind gewarnt, werden eine andere Rückrunde spielen. Es wäre aber auch schön, wenn wir etwas Ruhe in den Verein bekämen", wünschte sich Westermann.