28. Mai: Cannes

Schillers Briefe: Falsche Entscheidungen

Lesedauer: 3 Minuten
Kai Schiller

Hallo Hamburg,

gestern wurde meine Supermarkt-Schlangen-Theorie auf beinahe schon dramatische Weise bestätigt. Man kennt das ja: Wenn im Supermarkt zwei mutmaßlich gleichlange Schlangen an der Kasse anstehen, stellt man sich immer, aber wirklich immer, an der falschen Schlange an. Will man seinen Fehler dann noch einmal korrigieren, ist plötzlich wieder die Ursprungsschlange schneller. Dieses Spielchen kann dann noch, je nach Länge der Schlange, beliebig oft wiederholt werden. Im Supermarkt, so die Supermarkt-Schlangen-Theorie, trifft man aus unerklärlichen Gründen immer die falsche Entscheidung.

Nun waren wir am Pfingstsonntag zwar nicht einkaufen, aber falsche Entscheidungen haben wir eine ganze Reihe getroffen. Es fing mit der Überlegung an, ob wir den freien Nachmittag in Monaco oder in Cannes verbringen sollten. Zwei Möglichkeiten, eine Entscheidung. Ein Kollege ist wie die deutsche Nationalmannschaft nach Monaco gefahren, hat im Fürstentum viel Spaß gehabt, ein spannendes Formel-1-Rennen gesehen und war rundum zufrieden. Wir haben uns dagegen für Cannes entschieden – und lagen damit das erste Mal an diesem verflixten Sonntag daneben. Nur wussten wir das zu jenem Zeitpunkt noch nicht.

Im ersten entscheidenden Kreisverkehr hatten wir dann die Wahl der Qual zwischen Landstraße und Autobahn Richtung Cannes. Wieder zwei Möglichkeiten, eine Entscheidung. Pro Landstraße: umsonst und wahrscheinlich schöner. Pro Autobahn: definitiv schneller. Die Entscheidung fiel auf die Landstraße, was natürlich falsch war. So brauchten wir eine gefühlte Ewigkeit durch die Berge, fuhren alten Citroens im Schritttempo hinterher und hatte nicht mal Meerblick.

Je näher wir an Cannes herankamen, desto dunkler wurden die Wolken. Als wir dann tatsächlich kurz vor Cannes waren, fing es an, in Strömen zu regnen. Ein Kollege schlug vor, wieder umzudrehen, wogegen ich vehement protestierte. Die nächste falsche Entscheidung. Denn als wir schließlich nahe des Zentrums ankamen, standen wir im Stau. Überraschenderweise waren wir nicht die einzigen, die am Abschlussabend der 65. Filmfestspiele Lust auf Cannes hatten. Da aber alle entscheidenden Kreuzungen abgesperrt waren, schlängelten wir uns im Schneckentempo durch das Stadtzentrum, ohne dabei eine Chance zu haben, in die Nähe der Promenade zu kommen.

Da der Regen immer mehr zunahm, man kaum noch etwas sehen konnte und auch ein Parkplatz nicht in Sicht war, wurde schließlich demokratisch entschieden, unser Glück im nahegelegenen Frejus zu suchen. Die nächste falsche Entscheidung. Denn auch in Frejus war die Innenstadt dicht. Der einfache Wunsch, einen Kaffee zu trinken oder eine nette Lokalität zu finden, sollte sich auch hier nicht erfüllen. Das Ende der Geschichte: Wir kehrten um, kamen nach knapp drei Stunden im Auto wieder zu Hause an, hatten in Cannes nichts außer Stau gesehen, hatten keinen Kaffee getrunken und nichts gegessen. Alle Entscheidungen, die wir getroffen haben, waren falsch.

Und was lernt man daraus? Morgen gehe ich mit Sicherheit nicht einkaufen.

In dem Sinne, à demain,

Kai Schiller

Abendblatt-Redakteur Kai Schiller begleitet die deutsche Nationalmannschaft vor und während der EM. Jeden Tag schreibt er einen Brief an Hamburg, derzeit aus dem Trainingslager in Südfrankreich

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