Nach dem WM-Aus für Deutschlands Kapitän

Ballack sortiert Zukunft: EM 2012 „noch zu früh"

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Der verletzte Kapitän will der Mannschaft bei der WM in Südafrika nicht beistehen, sondern sich vorrangig um seine Genesung kümmern.

Sciacca. Den schwarzen Trainingsanzug mit den kleinen weißen Schriftzügen „World Cup Südafrika“ und „M.B.“ trägt Michael Ballack weiter – den David Beckham aber wird der deutsche Kapitän bei der WM nicht kopieren. „Nein, das kommt für mich nicht infrage. Ich bin jetzt verletzt, und auch wenn ich Kapitän bin, muss die Mannschaft ohne mich zurecht kommen“, sagte Ballack am Dienstag im DFB-Hotel in Sciacca.

Der gleichfalls verletzte England-Kapitän Beckham reist als Co- Trainer mit ans Kap, Ballack will sich dagegen vorrangig um seine Gesundung kümmern. „So bitter es ist, es geht weiter“, erklärte der 33-Jährige im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur. Natürlich würde man sich „freuen“, wenn Ballack das Team besuchen käme, sagte Teammanager Oliver Bierhoff: „Die Einladung steht.“

Eigentlich sollte Ballack an diesem herrlichen Sonnentag auf Sizilien erstmals mit den anderen WM-Spielern trainieren. Doch der brutale Tritt von Kevin-Prince Boateng hat seine WM-Hoffnungen zerstört. Auf einem schmucklosen Beton-Balkon im Convention Center des Teamhotels Verdura Resort wirkt der gebürtige Görlitzer in seiner schwarzen Trainingsbekleidung noch immer ein Stück geschockt.

„Wenn die WM losgeht, wird es sicher noch mal schmerzvoller werden“, bestätigt Ballack, der den lädierten rechten Fuß mit dem Gipsverband auf einem Stuhl abgelegt hat. Und fast flüsternd ergänzte er: „Ich versuche natürlich, jetzt den Blick nach vorn zu richten.“

Der seelische Schmerz scheint größer als der körperliche: Ballack- der Unvollendete. Den ersehnten großen Titel mit der deutschen Fußball-Nationalelf wird er wahrscheinlich nicht mehr gewinnen können- bei der WM 2014 in Brasilien wäre er 37 Jahre alt.

Und auch die Gedanken Richtung Europameisterschaft 2012 kommen unter dem Eindruck des so plötzlich geplatzten Südafrika-Traumes für ihn „zu früh“, wie Ballack betont: „Ich muss gesund zurückkommen, das ist das Wichtigste. Und wenn ich wieder auf dem Platz stehe nach sieben, acht Wochen, werde ich wieder hohe Ziele haben. Ich hatte mich voll auf die WM eingestellt, danach wollte ich alles ohnehin neu bewerten.“

Vielleicht bleibt sogar Ballacks Länderspiel Nummer 98, ein schmuckloses 0:1 gegen Argentinien, sein letztes. Nur zwei Einsätze fehlen noch zum „Club der Hunderter“. Der erfahrene Wahl-Engländer weiß genau um die vielen Unbekannten, die erst noch aufgelöst werden müssen. Wer ist nach der WM Bundestrainer? Plant der dann noch mit einem fast 34-Jährigen? Gibt es eine Zukunft beim FC Chelsea? Nur eines ist für Profi Ballack klar wie die sizilianische Sonne an diesem Frühsommer-Tag: „In der neuen Saison werde ich zurück sein und wieder angreifen.“

Die Frage nach dem möglichen Karriere-Ende weckt den Kämpfer in ihm: „Nein. So schlimm ist es nicht. Es ist eine Innenbandverletzung und ein Teilanriss des Syndesmosebandes. Vier Wochen Gips ist die bestmögliche Behandlung, aber dann geht es zügig voran.“ Die EM- Herausforderung reizt ihn schon, auch wenn er es selbst so nicht sagt und Franz Beckenbauer schon über ihn geurteilt hatte: „Er ist nicht mehr der Jüngste. Es läuft langsam aus.“

BOATENG ENTSCHULDIGT SICH

In Sizilien, später in Südtirol und dann vor allem in Südafrika wollte Ballack beweisen, dass er noch lange kein Auslauf-Modell ist. Doch nun ist er zum Zuschauern verurteilt. „Ich habe in den vergangenen zwei Tagen viele Genesungswünsche bekommen von Freunden und Fans. Das gibt mir Kraft und hilft über die schwierige Situation“, erklärte Ballack, der seine Familie mit nach Süditalien gebracht hat. Er möchte der jungen deutschen Mannschaft Kraft geben auf dem nun noch schwierigeren WM-Weg, aber selbst auch Kraft schöpfen. „Wichtig ist, dass ich bisschen Ablenkung habe. Ich will jedoch kein Mitleid“, betonte der Antreiber außer Dienst.