Nationalmannschaft: WM-Aus für den Kapitän

Ballack auf Krücken zum Team - Boateng entschuldigt sich

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Kapitän Michael Ballack fällt wegen seiner Sprunggelenksverletzung für die WM in Südafrika aus. Ersatz ist wohl ein 23 Jahre alter Stuttgarter.

Sciacca. Nach dem brutalen Foul an Michael Ballack hat sich Kevin-Prince Boateng öffentlich beim DFB-Kapitän entschuldigt. Der 23 Jahre alte Spieler vom FC Portsmouth zeigte sich am Montagabend in einem Bericht von „Sport Bild online“ von Ballacks WM-Aus schockiert. „Es tut mir leid. Es war keine Absicht“, sagte Boateng. „Ich komme einfach zu spät und treffe ihn voll. Es sah dumm aus.“ Durch das Foul im englischen Cupfinale am vergangenen Samstag war bei Ballack ein Innenband und ein Teil des vorderen Syndesmosebandes im Sprunggelenk des rechten Fußes zerstört worden. Erst in acht Wochen kann er wieder anfangen zu trainieren.

Der 33-Jährige hatte nach der rüden Attacke beim 1:0-Sieg seines FC Chelsea sogar von einem Vorsatz Boatengs, der im erweiterten WM- Aufgebot von Deutschlands letztem Gruppengegner Ghana steht, gesprochen. „Das sah schon nach Absicht aus“, hatte Ballack gesagt. Der einstige Bundesliga-Profi Kevin-Prince Boateng könnte mit den „Black Stars“ am 23. Juni gegen die DFB-Auswahl spielen.

"Ich bin sauer, die Enttäuschung ist natürlich groß. Wenn man zwei oder drei Wochen vor der WM eine solche Diagnose erhält, ist das bitter. So ist aber Fußball, es muss weitergehen", reagierte der DFB-Kapitän relativ gefasst. Dabei bleibt sein Traum von einem WM-Titel unerfüllt. Ballack, der wohl als der "Unvollendete" in die Fußball-Geschichte eingehen wird, wollte trotz seiner Verletzung zur moralischen Unterstützung einige Zeit mit dem Team auf Sizilien verbringen und kam gestern Abend mit den vier Bremer Pokalfinal-Verlierern im DFB-Quartier an.

Mit Ballack verliert Löw vor allem seine Leitfigur, den Führungsspieler seiner "Bubi-Mannschaft", schließlich sind 19 der verbliebenen 26 Spieler des vorläufigen WM-Kaders nicht älter als 26 Jahre:, Lahm und Trochowski (beide 26), Mertesacker und Schweinsteiger (beide 25), Podolski, Gomez, Jansen und Neuer (alle 24), Khedira, Tasci, Aogo, Beck (23), Träsch (22), Özil, Boateng, Marin, Badstuber (alle 21) sowie Kroos und Müller (beide 20).

Wer jedoch erwartet hatte, dass Löw in Selbstmitleid und Resignation versinkt, bekam stattdessen auf Sizilien einen kämpferischen Bundestrainer serviert: "Ich bin immer noch überzeugt, dass wir eine gute WM spielen werden, wir müssen jetzt alle Kräfte bündeln. In der deutschen Länderspielgeschichte gab es immer wieder prominente Ausfälle. Die jüngeren Spieler, die jetzt nachrücken, müssen über sich hinauswachsen."

Es spricht für den ehrlich-sachlichen Führungsstil von Löw, dass er jedoch keine Prognose abgeben wollte, ob die hohe Zielstellung (WM-Titel) nun korrigiert werden müsste. "Das weiß ich nicht, wir werden uns Etappenziele setzen", entgegnete er, wohl wissend, dass niemand vorhersagen kann, ob seine hoch motivierten, aber unerfahrenen Fußballschüler so schnell ihre Reifeprüfungen bestehen und nicht nur ihr Potenzial bestätigen, sondern auch die nächste Qualitätsstufe erklimmen.

BALLACK IST MIT CHELSEA ENGLISCHER MEISTER

Wie zum Beispiel Sami Khedira. Der Profi des VfB Stuttgart gilt als erster Anwärter auf den Platz im defensiven Mittelfeld neben Bastian Schweinsteiger, der wiederum umso mehr die treibende, offensive Kraft im Mittelfeld sein muss. Dass Khedira trotz seiner jungen Jahre bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, bewies er 2009, als er die U-21-Junioren als Kapitän zum Europameisterschaftstitel führte. Ob er jedoch mit gerade einmal drei Länderspielen den Anforderungen einer WM-Endrunde genügen und den Druck aushalten kann, ist völlig offen. Als mögliche Alternative für die Defensive in der Zentrale hatte Löw am Sonntag Philipp Lahm genannt, gestern zudem auch noch Christian Träsch (Stuttgart), der erst zwei Einsätze für den DFB absolvierte. In Betracht kommt auch der vielseitige Schalker Heiko Westermann.

Bis nach dem Champions-League-Finale der Bayern am Sonnabend gegen Inter Mailand will Löw auf eine Nachnominierung - infrage käme Thomas Hitzlsperger - verzichten: "23 Feldspieler und drei Torhüter sind ausreichend", legte sich der Bundestrainer fest, der offensichtlich nur bei weiteren Verletzungen seiner Münchner Nationalspieler reagieren will. Eine Rückholaktion von Torsten Frings (Bremen) kam sowieso nicht in Betracht.

Wer anstelle von Ballack die Kapitänsbinde tragen wird, ließ Löw noch offen: "Ich habe meine Vorstellungen, will aber erst noch einige Gespräche führen." Kandidaten sind die erfahrenen Miroslav Klose (94 Länderspiele), Philipp Lahm (64) sowie auch Bastian Schweinsteiger (73), die zusammen mit Per Mertesacker (60) und Arne Friedrich (70) auch die Führungsaufgaben im Kollektiv übernehmen müssen.

Negative Auswirkungen muss nach dem WM-Aus Ballacks auch Piotr Trochowski befürchten. Zwar sind seine Chancen, bei nur noch 26 Kandidaten den Sprung in den 23 Mann starken WM-Kader zu schaffen, prozentual gestiegen, faktisch aber gesunken. Schließlich hat Konkurrent Träsch sein WM-Ticket nun sicher. Vorausgesetzt, Marcell Jansen wird rechtzeitig fit, gilt dieser wie 21 andere Spieler als gesetzt, womit sich Trochowski nach jetzigem Stand mit seinem Klubkameraden Dennis Aogo sowie Holger Badstuber und Andreas Beck um die restlichen zwei freien Plätze streiten muss.