Kleine Abenteuerreise ins Piratennest

Helgoland: Deutschlands einzige Hochseeinsel. Ein Kurztrip genügt, um die Seele baumeln zu lassen. Dabei lernt man wieder die Muße kennen.

Vier Tage Helgoland - seid ihr wahnsinnig?" Die Idee eines kuscheligen Verwöhnwochenendes auf Deutschlands einziger Hochseeinsel stößt auf allgemeines Entsetzen. Baltrum, Sylt oder Hiddensee - diese Ziele sind im Herbst gerade noch denkbar. Aber Helgoland - der öde Fels im tosenden Meer? Seekrankheit, Besäufnisse und Langeweile - diese Bilder entstehen in den Köpfen der Freunde, als sie von dem Kurztrip erfahren. Einige kennen die letzte zollfreie Oase der EU von einer Butterfahrt, erinnern sich an das Gewusel Hunderter Tagestouristen, die sich im Schnäppchenfieber über die Insel ergießen, das Überangebot von Schnaps und Tabak durchstöbern, Parfümerien stürmen und wieder mit der "Lady von Büsum" oder der "Wappen von Hamburg" Richtung Festland abdampfen.

Anderen wurde schon bei der Anreise übel. Meiner Mutter zum Beispiel. Sie denkt nur mit Grauen an ihren Ausflug nach Helgoland 1964 zurück. Schuld daran waren der schwere Seegang und ihre Schwangerschaft. Jung verheiratet, sollte die Fahrt in die Deutsche Bucht ein besonderes Erlebnis werden.

Helgoland war angesagt, hatten die "Halunner" doch gezeigt, was ein wirkliches Wunder der Wirtschaft ist. Nachdem die restlos zerstörte Insel 1952 wieder in deutschen Besitz übergegangen war, errichteten sie in kurzer Zeit Deutschlands modernstes Seebad. Die zeitgeistigen Hotels, Apartmenthäuser, Restaurants und der zollfreie Einkauf lockten bis zu 820 000 Tagestouristen im Jahr an. 1973 verzeichnete die Kurverwaltung den Höchststand von 415 000 Übernachtungen.

Danach ging es bergab. An Helgoland klebte der Ruf von Massenabfertigung und Abzocke. Die Investitionen blieben aus, der Standard sank, die Besucherzahlen gingen drastisch zurück. Ende der 80er kam der Imagewechsel. Natur, Gesundheit und Wellness werden heute propagiert. Unter Ornithologen, Allergikern und Ruhesuchenden gilt Helgoland inzwischen als Geheimtip.

Genau diese Mischung von Gästen befindet sich auch an Bord der Schnellfähre von Hamburg über Cuxhaven nach Helgoland. Einige Pärchen wollen die günstigen Hotelangebote der Nebensai-son ausnutzen, Familien machen einen Tagesausflug, und die "Ornis" outen sich an Deck durch ihre Ferngläser und Bestimmungsbücher.

Wie jedes Jahr treffen sich Vogelkundler aus ganz Europa auf der Insel. Während der Helgoländer Vogeltage fachsimpeln sie über das Zugverhalten und beobachten Dreizehenmöwen, Gartengrasmücken oder Baßtölpel. Daß es die Trottellummen wirklich gibt und sie nicht einem Roman von James Krüss entstammen, erfahren wir auch hier. Überhaupt entdecken wir viel Neues auf der kleinen Abenteuerreise ins ehemalige Piratennest von Klaus Störtebeker und Konsorten. Vor allem lernen wir aber die Muße wieder kennen.

Schon die Anreise ist ein Genuß. Die goldene Morgensonne verzaubert die Landungsbrücken und den Hamburger Hafen. Im leuchtenden Rot setzt sich die Fähre vom funkelnden Wasser ab. Das Elbufer zieht langsam vorüber und verschwindet flußabwärts in dichtem Nebel. Erst kurz vor Cuxhaven lichten sich die Schwaden. Neuwerk und Scharhörn bleiben links liegen. Danach existiert nur noch die Weite des Meeres. Mit zunehmendem Horizont weichen Hektik und Alltag. Eine volle Stunde hat der Kopf Zeit, sich zu leeren. Die Sinne stellen sich auf Wahrnehmung ein. Die Luft wird klarer, das Wasser salziger, Haut und Seele frischen auf. Dann erscheint Helgoland: karger Fels, spitzer Fernsehmast, weißgetünchte Balkone an 50er-Jahre-Bauten. Während die Tagestouristen zielgerichtet zum Zentrum marschieren, schlendern wir zum nächsten Fischimbiß in den Hummerbuden und picknicken auf einer Parkbank.

Vier Tage Helgoland. Im Gepäck sind dicke Schmöker, Wanderschuhe und große Badetücher. Lesen, Ausruhen, spazierengehen. Das erklärte Ziel ist, die Seele baumeln zu lassen. Das Hotel hat eine Sauna, und das Freiluftschwimmbad lockt mit seinem 25 Grad warmen Meerwasser. Das Frühstücksbuffet ist reichhaltig, der Helgoländer Eiergrog wärmend und die Auswahl der Fischgerichte in den Restaurants groß.

Im Regen könnte man die kulturellen Angebote nutzen: Vogelwarte, Aquarium, Museum oder Bunker- und Tunnelsystem. Seit dem Tausch gegen Sansibar 1890 wurde Helgoland unter Kaiser Wilhelm und Hitler als Kriegshafen ausgebaut. Jetzt liegen nur noch Sport- und Börteboote, Yachten, Fischkutter und Fähren in den drei Häfen.

Viel Abwechslung hat Helgoland allerdings nicht zu bieten. Die Hauptinsel mißt einen knappen Quadratkilometer. Man kann einen Tag rechts herum gehen, den anderen Tag links herum. Beim jährlichen Inselmarathon rennen die Läufer vier Mal im Kreis. Aus sportlichem Ehrgeiz nehmen wir wenigstens die 260 Stufen vom Unterland aufs Oberland, um bis zur Langen Anna zu wandern. Das Wahrzeichen kämpft an der äußersten Spitze um sein Leben. Die Nordwest-Mole soll den Felsklotz vor dem direkten Aufprall der Wellen bewahren. Während die Lange Anna allmählich verschwindet, blüht das Leben im Naturschutzgebiet Helgoländer Felssockel. Neulich haben die Ornithologen den ersten Seeadler seit sechs Jahren gesichtet.

Auf der Düne im Osten aalen sich Seehunde und Kegelrobben. "143 Stück sind das", stellt ein älterer Herr mit Fernglas fest. "So viele habe ich hier noch nie gesehen." Er stammt aus dem Westfälischen und kommt der Bronchien wegen seit vielen Jahren auf die Insel. "Einmal im Jahr sein", erklärt er. "Mindestens vier Tage, aber eine Woche ist besser." Die staub- und pollenarme Luft sowie die Aerosole des Meeres lassen ihn dann ein Jahr lang gut durchatmen. Als wahrer Kenner der Insel verrät er uns, daß die Hummersuppe im "Restaurant zur Düne" die beste von ganz Helgoland sei. So genießen wir die Spezialität der Hummerklippen in einer windgeschützten Ecke und überlegen, ob wir im Sommer nicht mit den Kindern hier zelten sollten. Schließlich könnten auch sie ein bißchen Ruhe und gute Luft vertragen.