Wo der Asphalt zu Ende ist

Waldferien: Im bayerischen Dürrwies lebt es sich ein bißchen wie in früheren Jahrhunderten.

Die Zeitreise beginnt am Ende der Dorfstraße von Seiboldsried, 700 Kilometer südlich von Hamburg. Tannenwälder säumen die Berghänge, Bäche plätschern durch Felsspalten, die Luft riecht nach Moos und Kaminfeuer. Hier, im Herzen des Bayerischen Waldes, endet plötzlich das Band aus Asphalt, das den Reisenden begleitet hat. Aus Stein wird Schotter, aus Schotter Sand - und dann taucht es auf: das Waldferiendorf Dürrwies. Zeit, den Motor abzustellen, die Armbanduhr im Handschuhfach zu verstauen und hineinzuschreiten in die Vergangenheit.

Dürrwies. Das ist mehr als ein Feriendorf. Das ist lebendig gewordene Geschichte. Das sind uralte, an ihrem ursprünglichen Standort abgetragene Bauernhäuser, liebevoll wieder aufgebaut und zu Ferienhäusern umgestaltet. Sie vereinen Nostalgie, Rustikalität und modernen Komfort. Haus Ruselzwerg zum Beispiel, erbaut 1646 in Zinkenried. Oder das Hexenhaus, erbaut 1767 in Rinchnach. Insgesamt 20 Ferienhäuser, Zeugen der Geschichte, kuscheln sich an den Hang des 819 Meter hohen Tannbüchls mit Blick auf die 1000 Meter hohen Donauberge.

Gegründet wurde das Feriendorf von der westfälischen Adelsfamilie von Detten Anfang der 60er Jahre. Ein echtes Waldlerdorf wollte Baron Wennemar von Detten errichten. Er erwarb alte Bauernhäuser, trug sie Balken für Balken ab und baute sie im eigenen Forst wieder auf. Strom und Wasser kamen in die Häuser, Bäder, Küchen, Schlafkammern und in den vergangenen Jahren sogar die eine oder andere Satellitenschüssel.

Im Winter wird das Gepäck mit dem Schlitten in das Dorf gezogen. Im Sommer tut es der Bollerwagen. Denn Autos haben auf den Sandwegen nichts zu suchen. Überhaupt ist hier vieles anders. Bei der Ankunft liegt der Schlüssel für das Ferienhaus im Holzkasten neben der alten Eingangstür, sollte die Dame von der Dorfverwaltung in der Mittagspause sein. In den Häusern summt die Heizung. Feuerholz für den Kamin steht in Körben bereit. Holzfällerschlitten dienen als Sofas, Bienenkörbe als Eßtischlampen. Bücher gibt es und Spiele. Aber auch - damit der Kontakt zur Gegenwart nicht ganz abbricht - Fernseher, Radio und ein Telefonhäuschen mit Herz in der Tür.

Braucht man aber nicht. Weil es in Dürrwies anderes zu tun gibt. Rehe beobachten, Waldfrüchte sammeln, auf moosigen Waldwegen die Gegend erkunden oder in den dorfeigenen Quellwasserpool tauchen. Es gibt einen Grillplatz, ein Backhaus, Spielplatz und Hundewiese sowie eine Sauna für verregnete Tage. Im Winter geht's mit Schlitten direkt von der Haustür aus den 700 Meter langen Wiesenhang hinunter. Im Sommer laden Osser und Großer Arber zum Wandern ein, in den Wintermonaten zum Skifahren. Dort warten eine anspruchsvolle Weltcup-Strecke, die erste Solargondelbahn Deutschlands und vier weitere Liftanlagen.

Rotwangig, hungrig, müde kehrt man abends in sein Häuschen ein, stapelt Feuerholz, zündet den Kamin an. Draußen versinkt das Dorf im Dunkeln der Nacht. Wer jetzt noch heimkehrt, sollte eine Taschenlampe dabeihaben. Denn Straßenlaternen gibt es in Dürrwies nicht. Nur die Sterne leuchten. Vom geschnitzten Balkon taucht der Blick in den Himmel. Und die Frage drängt sich auf: Welcher Jüngling, welche Maid hat wohl vor 300 Jahren auf diesen Dielen gestanden und in die schwarze Nacht geschaut? Gedanken reisen durch die Zeit. Und die Uhr im Handschuhfach ist längst stehengeblieben.