Fünf Fragen: Claudia Gilles, Deutscher Tourismusverband

"In den letzten Jahren hat sich viel getan"

Wie Deutschland seine Position als beliebtes Reiseziel festigen will.

Abendblatt: Einerseits gilt es längst nicht mehr als bieder, sondern eher als angesagt und womöglich sogar progressiv, die Ferien im eigenen Land zu verbringen. Andererseits bleibt seit Jahrzehnten nahezu konstant nur ein Drittel der deutschen Urlauber im eigenen Land. Warum steigt der Anteil nicht?

Claudia Gilles: Man darf nicht vergessen, dass die Zahl der Menschen, die reisen, in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Hinter den nahezu gleich bleibenden Anteilen stehen also Steigerungen bei den absoluten Zahlen. Den Reisenden steht zudem die ganze Welt offen, und dennoch ist und bleibt Deutschland das liebste Reiseziel der Deutschen. Auch bei den Zweit- und Drittreisen hat Deutschland die Nase vorn.

Abendblatt: Deutschland gilt nicht gerade als Billigziel. Mit welchen Vorzügen kann dieses Reiseland wirklich punkten, zum Beispiel für Familien?

Gilles: Familien wollen viel erleben und entdecken, sie wollen Spaß und Vergnügen, Zeit fürs Miteinander haben, die Natur genießen und vieles mehr. Deutschland überzeugt dabei durch seine Vielseitigkeit: im Norden die Strände mit ihren Aktivangeboten, im Süden die Bergwelt, dazwischen die Mittelgebirge und Flusslandschaften, ideal zum Wandern und Radfahren. Familien schätzen überdies kurze Anreisewege und spezielle Angebote wie den Urlaub auf dem Bauernhof. Neuerdings werden in Deutschland auch die All-inclusive-Angebote immer beliebter.

Abendblatt: Mit immer neuen Zertifikaten, Gütesiegeln und anderen Qualitätsoffensiven versucht der DTV das Renommee des Reiselandes Deutschland aufzuwerten. Sind Sie mit dem Service der Gastgeber zufriedener als noch vor ein paar Jahren?

Gilles: In den letzten Jahren hat sich viel getan. Stolz sind wir zum Beispiel auf über 66 000 klassifizierte Ferienwohnungen, -häuser und Privatzimmer. Auch die Initiative "ServiceQualität Deutschland", die der Deutsche Tourismusverband koordiniert, ist erfolgreich. Unser Ziel ist es, auch noch das letzte Stäubchen aus der vermeintlichen Servicewüste wegzupusten.

Abendblatt: Kein anderer Bereich wächst so stark wie der Städtetourismus. Hamburg und Dresden spielen dabei ganz oben mit. Wann fangen die Deutschen denn an, auf reizvolle Städte in der "zweiten Reihe", etwa Lübeck, Münster oder Augsburg und noch kleinere wie Goslar oder Bamberg, neugierig zu werden?

Gilles: Das tun sie ja schon. Die wachsenden Angebote der Städtereiseveranstalter in diesem Segment belegen es. Auch "unbekannte" Städte werden mit Lust und Neugier entdeckt. Zu den Gewinnern im Städtetourismus werden die zählen, die den anderen mit kreativen Angeboten eine Nasenspitze voraus sind.

Abendblatt: Mit einem Bruttoumsatz von mehr als 212 Milliarden Euro gehört die Tourismusbranche zu den größten im Lande. Weder ihre Betriebe noch ihre fast drei Millionen Beschäftigten können ins Ausland exportiert werden. Fühlt sich die Branche angesichts dieser Zahlen von der Politik genügend wahrgenommen?

Gilles: Wäre der Deutschlandtourismus eine Aktiengesellschaft, wäre den Politikern und der breiten Öffentlichkeit die Bedeutung der Wirtschaftskraft des Deutschlandtourismus viel präsenter. Dennoch: Mit der Herausgabe ihrer Tourismuspolitischen Leitlinien Ende 2008 hat die Bundesregierung ein klares Bekenntnis zur Unterstützung des Tourismusstandorts Deutschland abgegeben. Die Wahrnehmung dieses bedeutenden Dienstleistungszweigs hat sich - auch durch stärkere Kooperation von Kommunen, Destinationen und Ländern - deutlich verbessert.