Fünf Fragen an Florian Seelmann-Eggebert

"Oft mangelt es an konkreten Infos für Behinderte"

Noch immer machen Fluggesellschaften, Bahnen und Hotels den Rollstuhlfahrern das Reisen schwer. Die Hamburger Internet-Community "startrampe.net" hilft mit Rat, Tat und Erfahrungsaustausch.

Sie ist die Kommunikations-Plattform für Rollstuhlfahrer und Querschnittgelähmte - mit Community, vielen nützlichen Fach-Informationen und Expertenhilfe. Sie wird unter anderem unterstützt von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, der Hamburger Bischöfin Maria Jepsen und dem früheren Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert. Der virtuelle Verein feiert am heutigen Sonnabend, 15. August, im St. Pauli-Stadion sein zehnjähriges Bestehen.

Abendblatt: Sie sind als Filmproduzent viel unterwegs, haben aber seit 1997 ein schweres Handicap. Ist das Reisen für Sie seither leichter geworden?

Florian Seelmann-Eggebert: Nicht wirklich. Wir können zum Beispiel keinen ICE so einfach benutzen, ohne uns vorher mit ellenlangen Formularen oder bei einer teuren Hotline anzumelden. Wenn dann mal ein Bahnhofsfahrstuhl ausfällt, darf das Bahnpersonal uns aus "versicherungstechnischen Gründen" nicht behilflich sein.

Abendblatt: Haben denn wenigstens die Fluggesellschaften dazugelernt?

Seelman-Eggebert: In den Ferien- und Charterfliegern ist es oft einfacher als bei der in unserem Fall doch noch immer recht bürokratisch strukturierten Lufthansa. Überhaupt: An gutem Willen mangelt es wohl weder bei der Bahn noch bei den Airlines oder den Hotels, wohl aber vielfach an der Sensibilität im Detail.

Abendblatt: Nennen Sie doch mal Beispiele!

Seelmann-Eggebert: Da wird ein neuer ICE in Dienst gestellt, Technologie vom Feinsten. Aber wir müssen uns nicht selten mit dem Gabelstapler "verfrachten" lassen. Für die Ingenieure wäre es doch leicht gewesen, ein modernes Hebesystem bei dem einen Waggon, der für uns zuständig ist, vorzusehen. Vieles könnte vorher bedacht werden. Da bauen Hotels "behindertengerechte" Duschen ein, machen aber die Türen für Rollstuhlfahrer nicht breit genug. Es ist auch schwer für uns, die notwendigen Infos im Vorwege zu bekommen. Schauen Sie sich doch mal die Websites der Hotels an: Wann finden Sie da schon mal konkrete Aussagen für Behinderte?

Abendblatt: Was halten Sie von Spezialreiseveranstaltern für Behinderte?

Seelmann-Eggebert: Finde ich im Prinzip gut, denn man kann wohl davon ausgehen, dass die sich vor Ort auskennen und somit peinliche und zeitraubende Pannen vermieden werden. Generell aber würde ich mir wünschen, dass die großen Veranstalter die "Rollis" stärker wahrnehmen. Wenn schon nicht aus purer Menschenfreundlichkeit, dann doch wenigstens aus ökonomischen Gründen. Denn diese Zielgruppe wächst (leider) und es ist nicht immer eine arme Randgruppe.

Abendblatt: Sie haben heute vor zehn Jahren die "startrampe" gegründet, eine Internet-Community, bei der sich mittlerweile fast 6000 angemeldete Behinderte, deren Angehörige, Freunde und andere Interessenten austauschen. Was kann diese virtuelle Gemeinschaft, was die großen Verbände vielleicht nicht so gut können?

Seelmann-Eggebert: Wir haben im Internet einen, wie es so schön heißt, "barrierefreien" Zugang, der rund um die Uhr genutzt wird. Dort findet ein sehr reger und vor allem praxisnaher Erfahrungsaustausch statt, auch zum Thema Reisen. Aber auch Expertenrunden, etwa mit Urologen, Therapeuten oder den Spezialisten vom Hamburger Querschnittgelähmten-Zentrum stoßen auf lebhaftes Interesse.

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