Politik

Tören: "Man muss sehr viel geben"

FDP-Politiker Serkan Tören versuchte sich in der Altenpflege. Trotz immer neuer Reform ist die Arbeitseit knapp und die Bezahlung schlecht.

Mulsum. Sobald der Frühdienst in einem Alten- und Pflegeheim beginnt, haben die Pflegekräfte einen straffen Zeitplan. Für die Hilfe beim Aufstehen, das Waschen, Rasieren, die Mundhygiene oder beim Toilettengang müssten die Frauen und Männer, die für das Wohlergehen der Heimbewohner verantwortlich sind, genaue Minutenvorgaben einhalten. So sind beispielsweise für das Ankleiden acht bis zehn Minuten vorgesehen.

Doch da die Realität in vielen Pflegeheimen zwischen Arkona und Zugspitze ganz anders aussieht, steht immer wieder der "Pflegenotstand" zur Debatte. Wie ist das knapp bemessene Zeitfenster einzuhalten, wenn der Gang zur Toilette nicht geschafft wurde und das Malheur im Bett oder auf dem Weg zum Bad passiert. Wie lange darf die Altenpflegerin geduldig bleiben, wenn sie für eine Seniorin, die wegen ihrer Gliederschmerzen für das Ankleiden die doppelte Zeit benötigt? Wir groß der Zeitdruck und der Stress für das Pflegepersonal tagtäglich ist, entscheidet maßgeblich die Personalsituation.

Wie der Pflegealltag für die Fachkräfte und Helfer aussieht, schaute sich der FDP-Politiker Serkan Tören aus Stade jetzt in der privaten Altenpension Logehof in Mulsum an und war dabei selbst aktiv. Der Bundestagsabgeordnete startete um 7 Uhr seinen Praxistag in der Altenpflege, um eigene Eindrücke von der Arbeit mit pflegebedürftigen Menschen zu bekommen.

Unter Anleitung der examinierten Altenpflegerin Ute Born standen neben vielem anderen waschen, Inkontinenzmaterial wechseln, ankleiden, Betten beziehen, Grundpflege, Frühstück anreichen und das Verfolgen der Dokumentationen aller Tätigkeiten auf Törens Dienstplan. Sein erstes Fazit: "Das ist ein Beruf, bei dem man sehr viel geben muss. Das Schöne daran ist aber, dass man auch sehr viel Emotionales von den Menschen zurückbekommt."

Klar sei ihm allein an diesem einen Arbeitstag geworden, dass bei Pflegereformen das Ziel sein müsse, von starren Zeitvorgaben wegzukommen und flexiblere Berechnungsmodelle der Pflegearbeit anzustreben. "Wir von der FDP haben in dem jüngst beschlossenen Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz darauf gedrängt, dass die Pflege-Einstufung nicht mehr anhand des Zeitbedarfs erfolgt, der für bestimmte körperliche Hilfen notwendig ist, sondern stärker anhand des Grades der noch vorhandenen Selbstständigkeit", sagt Tören. "Das kommt besonders Demenzerkrankten zugute, bei denen häufig nicht körperliche Hilfe, sondern Betreuung und Beaufsichtigung nötig sind." Das größte Problem sei tatsächlich der Zeitfaktor, so Tören. "Ich hätte mir gewünscht, mehr mit den Bewohnern sprechen zu können, mehr Zuwendung zu geben und ihre Geschichten anzuhören."

Die Leiterin der Altenpension Logehof, Birte Steinhagen, bringt das Problem aller Pflegekräfte auf den Punkt: "Wir sind zu wenig Mitarbeiter und werden mit hohem bürokratischen Aufwand für die Dokumentationen aller Pflegeleistungen zusätzlich belastet. Diese kostbare Zeit fehlt uns für den direkten Kontakt mit unseren Bewohnern." Wie ihre Mitarbeiterinnen Sibylle Wölpern und Uta Wölpern sieht sie in der ausufernden Dokumentationspflicht nach teilweise längst veralteten Vorgaben einen Mangel an Vertrauen in ihre Arbeit.

Der Familienbetrieb Logehof in Mulsum genießt, wie auch die DRK-Einrichtungen im Landkreis Stade, einen hervorragenden Ruf. Diese Heime sind mit ihrem Qualitätsmanagement Vorbilder und bilden erfolgreich Auszubildende aus. Besonders die enge Zusammenarbeit mit dem Palliativteam der Stader Klinik Dr. Hancken habe völlig neue Dimensionen und deutliche Verbesserungen in der Pflege unheilbar kranker Heimbewohner gebracht, sagt Birte Steinhagen. Dennoch werde zu wenig für ein besseres Image der Altenpflege in der Öffentlichkeit getan.

Gebe es einen Skandal, bedauert Altenpflegerin Ute Born, sei die Aufmerksamkeit in den Medien groß, aber über all das Positive in dem Beruf, der zum Großteil auch Berufung sei, werde kaum gesprochen. Dass eine so anspruchsvolle Arbeit, überwiegend im Schichtdienst, zudem nicht besonders gut bezahlt werde, sei einer der Gründe, warum die Branche unter enormen Fachkräftemangel leide.

Das neu beschlossene Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz, kurz PNG, hat gerade in diesem Punkt alle Erwartungen in der Branche enttäuscht. Jens Kaffenberger, stellvertretender Bundesgeschäftsführer des 1,6 Millionen Mitglieder zählenden Sozialverbandes VdK, sagt, dass die mit dem PNG auf den Weg gebrachte Reform der gesetzlichen Pflegeversicherung zu kurz greife. Die Pflegebedürftigkeitsbegriffe müssten mit Blick auf die steigende Zahl dementer Menschen neu definiert werden.

"Zwar gibt es für an Demenz Erkrankte eine kleine finanzielle Leistungsverbesserung, aber die gleicht deren Benachteiligung nicht aus", sagt Kaffenberger. "Zudem werden pflegende Angehörige im neuen PNG ebenso wenig bedacht wie die Personalschlüssel in stationären Pflegeeinrichtungen und die Bezahlung der Pflegekräfte, um die Arbeit attraktiver zu machen." Auch der sogenannte "Pflege-Bahr", bei dem der Staat eine private Pflegevorsorge mit fünf Euro monatlich sponsert, sei, so Kaffenberger, ein Schritt in die falsche Richtung, wenn man Pflege in Zukunft bezahlbar erhalten wolle.