Bei der Telefonaktion zum Thema Alkohol gaben drei Fachleute den Anrufern Ratschläge zum Umgang mit der Sucht. Das Interesse war groß.

Um Punkt 10 Uhr begannen die Telefone zu klingeln. Bei der Abendblatt-Aktion am vergangenen Freitag gab es keine ruhige Minute für die Experten Dr. Jens Reimer, Leiter des Arbeitsbereiches Sucht am UKE, Dr. Georg Poppele, Chefarzt für Innere Medizin am Ev. Krankenhaus Alsterdorf, und Dr. Klaus Behrendt, Chefarzt für Suchterkrankungen an der Asklepios-Klinik Nord Ochsenzoll. Drei Stunden lang berieten sie die zahlreichen Anrufer, die sich mit den unterschiedlichsten Sorgen und Problemen an die Fachleute wandten. Ihre wichtigsten Fragen und Antworten der Ärzte haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Ab wann ist der Alkoholkonsum schädlich für den Körper?

Reimer: Die Obergrenze für einen unschädlichen Alkoholkonsum liegt bei Frauen im Schnitt bei 20 Gramm täglich, bei Männern bei 40 Gramm täglich. Das entspricht für den Mann einem Liter Bier, eine Frau dürfte hiernach ein 0,2-Glas Wein trinken, neuere Zahlen gehen sogar von noch etwas niedrigeren Mengen aus. Wenn diese Werte täglich und über mehrere Jahre überschritten werden, nehmen Leber und andere Organe Schaden. Um als alkoholabhängig zu gelten, müssen noch weitere Kriterien erfüllt sein, die sowohl Psyche als auch Körper betreffen.

Welche Blutwerte deuten auf einen riskanten Alkoholkonsum hin?

Poppele: Wichtig sind vor allem die Leberwerte. Zuerst steigt die sogenannte Gamma-GT an. Wenn sie erhöht ist, deutet das darauf hin, dass jemand mindestens vier Wochen einen exzessiven Alkoholkonsum betrieben hat. Zusätzlich können dann die GOT und die GPT ansteigen. Das ist ein Ausdruck dafür, dass die Leber bereits Schaden genommen hat. Diese Werte können sich komplett zurückbilden, wenn man abstinent lebt und noch keine schweren Leberschäden hat. Im Blutbild können krankhafte Vergrößerungen der roten Blutkörperchen auf einen Alkoholmissbrauch hindeuten.

An wen kann ich mich wenden, wenn ich feststelle, dass ich alkoholabhängig bin?

Poppele: Zum einen gibt es Selbsthilfegruppen, die über das ganze Stadtgebiet verteilt sind. Sie können sich auch an eine Suchtberatungsstelle wenden. Die dritte Möglichkeit ist der Qualifizierte Entzug im Krankenhaus, unterstützt von Medikamenten. Dort kann man auch mit Ihnen einen Plan erstellen, wie es weitergehen kann. Dafür benötigen Sie eine Einweisung vom Hausarzt. Gut ist, wenn Sie mit Ihrer Familie darüber sprechen. Die Alkoholkrankheit ist eine normale Erkrankung. Dafür müssen Sie sich nicht schämen.

Als mögliche Therapieform liest man immer wieder vom "kontrollierten Trinken". Was hat es damit genau auf sich, wie stehen die Chancen auf Erfolg?

Reimer: Beim "kontrollierten Trinken" (KT) steht die genaue Planung des Alkoholkonsums an erster Stelle. Arzt und Patient stellen gemeinsam einen "Trinkplan" auf, in dem akkurat verzeichnet ist, wie man den Konsum in den nächsten Wochen angeht. Hierbei muss es auch Tage geben, an denen der Betroffene abstinent bleibt. Ein ganz wichtiger Baustein des "kontrollierten Trinkens" sieht vor: nicht mehr als ein Getränk pro Stunde und zu jedem alkoholischen Getränk eine gleich große Menge Wasser, um die Rauschwirkung zu mildern. Natürlich ist diese Therapieform nicht für jeden Patienten geeignet, da sie ein hohes Maß an Selbstkontrolle voraussetzt. Insbesondere für Patienten, die das Ziel "vollständige Abstinenz" für sich als unerreichbar oder wünschenswert halten, kann das kontrollierte Trinken sinnvoll sein. Ich denke, wir sollten auch für Menschen, die nicht abstinent sein wollen, ein therapeutisches Angebot bereithalten.

Hilft es, sich bei riskantem Konsum vorzunehmen, einen gewissen Zeitraum nichts zu trinken?

Poppele: Dafür sollte man sich einen bestimmten Zeitrahmen setzen und dann sehen, wie es einem damit geht. Gut ist, damit gegenüber der Familie und den Freunden offen umzugehen und ihnen das mitzuteilen. Meist findet das große Akzeptanz, es kann aber auch sein, dass einige darauf komisch reagieren und dass sich Beziehungen dadurch verändern. Darauf sollten Sie sich einstellen.

Mein Ehemann hat nach einem Entzug wieder angefangen zu trinken. Wie verhalte ich mich?

Reimer: Die Alkoholabhängigkeit ist eine Erkrankung, unter der Menschen meist ein Leben lang leiden. Nach mehr oder weniger langen abstinenten Phasen haben viele Patienten einen Rückfall, wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer chronisch rezidivierenden Krankheit. Angehörige müssen sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die Erkrankung nicht leicht beeinflussbar ist und dass der Partner immer mal wieder anfängt zu trinken. Häufig entstehen dann Gefühle wie Hilflosigkeit, Ohnmacht, aber auch Wut. Als Angehöriger ist die Frage wichtig, ob eigene Bedürfnisse oder diejenigen der eventuell vorhandenen Kinder in der Beziehung oder Familie noch ausreichend Platz haben. Häufig sind solche Fragen mit Schuldgefühlen gegenüber dem Partner verbunden. Das Aufsuchen einer Beratungsstelle oder eine psychotherapeutische Behandlung können bei der Konfliktbewältigung hilfreich sein.

Was bedeutet Koabhängigkeit?

Poppele: Das heißt, dass der Partner den Abhängigen in seinem Suchtverhalten unterstützt und ihm nicht hilft, da herauszukommen. Das bedeutet zum Beispiel, dass Angehörige eine Beschützerphase durchmachen, also den Alkoholkonsum nach außen verheimlichen, dem Abhängigen Alkohol beschaffen oder ihn beim Arbeitgeber entschuldigen. Damit unterstützen sie die Sucht. In der zweiten Phase versuchen die Angehörigen oft, den Konsum des Abhängigen zu kontrollieren, indem sie in dessen Wohnung nach Alkoholdepots suchen oder ihm das Geld für den Kauf von Alkohol wegnehmen. Ein wichtiger Schritt aus der Koabhängigkeit ist die Einsicht, dass man den Konsum des Abhängigen nicht kontrollieren kann und dass es nichts bringt, ihn zu beschützen. Der Partner muss die Verantwortung an den Abhängigen zurückgeben, selbst auf die Gefahr hin, dass dies negative soziale Konsequenzen wie Schwierigkeiten mit dem Arbeitsplatz zur Folge hat. Nur so wächst Veränderungsbereitschaft beim Betroffenen. Der Angehörige kann aber weiter Hilfe anbieten, z. B. Unterstützung bei der Suche nach einem Therapieplatz oder den gemeinsamen Besuch einer Selbsthilfegruppe.

Wo können Angehörige Hilfe holen?

Poppele: Bei der Hamburger Landesstelle für Suchtfragen finden Sie Informationen. Auch bei den Anonymen Alkoholikern und anderen Selbsthilfeorganisationen gibt es Selbsthilfegruppen für Angehörige. Zudem können Sie sich in einer Beratungsstelle beraten lassen. Adressen sind in den Gelben Seiten des Telefonbuchs verzeichnet.

Kann Alkoholismus vererbt werden?

Behrendt: Man muss zwischen der genetischen und der sogenannten sozialen Vererbung unterscheiden. Einerseits gibt es belegte familiäre Häufungen von Alkoholismus, sodass man von genetisch veranlagter Bereitschaft spricht. Dies ist aber nur ein Faktor von vielen und bedeutet nicht, dass die Kinder eines alkoholabhängigen Vaters automatisch ebenfalls Alkoholerkrankte werden. Es gibt sogar komplett entgegengesetzte Entwicklungen bei solchen Kindern, da sie die Gefahren von Alkoholismus, wie Gewalt, kennen und daher nicht oder nur selten trinken. Andererseits stellt die soziale Vererbung, also das Übernehmen von elterlichen Angewohnheiten wie täglicher Alkoholkonsum, einen weiteren Gefährdungsfaktor dar. Doch für beide Aspekte gilt, dass man in einer psychisch und sozial geordneten Umgebung weniger zu Alkoholismus neigt, als man es bei traumatischen Erfahrungen, schwierigen sozialen Verhältnissen oder Arbeitslosigkeit tut. Schon Wilhelm Busch sagte: "Wer Sorgen hat, hat auch Likör."

Wie beeinflusst Alkohol den Schlaf?

Behrendt: Alkohol wirkt generell schlaffördernd und kann in geringen Mengen somit eingenommen werden. Bei größeren Dosen verhindert er jedoch den Einstieg in die REM(rapid eye movement)-Tiefschlafphase, in der sich der Mensch erholt, verarbeitet und träumt.

Welche Möglichkeiten gibt es, Alkoholikern zu helfen, die ständig Alkohol mit sich führen, bereits starke Wesensveränderungen zeigen und ihre Sucht abstreiten, aber als Unternehmer und Familienvater große Verantwortung tragen?

Behrendt: Grundsätzlich müssen sich die Angehörigen über das Problem austauschen und dann versuchen, den Betroffenen von einer Beratung zu überzeugen, indem man ihm beispielsweise zeigt, dass man sich um ihn als Vater oder Ehemann sorgt. Wenn bereits Gewalt im Spiel ist und oder alkoholisiert Auto gefahren wird, sollte man an seine Vernunft appellieren und ihn an seine Verantwortung für die Kinder und Angestellten erinnern. Man sollte nicht warten, bis er bei einer Polizeikontrolle erwischt wird, sondern sich in Gesprächen dem Problem nähern. Erfolgt überhaupt keine Einsicht, kann man als Angehöriger beim Vormundschaftsgericht einen Antrag auf Betreuung stellen, über den nach einer psychiatrischen Begutachtung ein Richter entscheidet. So wird bei schweren Fällen auch eine stationäre Behandlung gegen den Willen des Betroffenen möglich. Bei Unternehmern kommt ein weiteres Problem hinzu, nämlich dass die private Krankenversicherung die Leistungen einer Suchttherapie nicht bezahlt. Daher sollte man sich bei der kostenlosen Beratungsstelle über Möglichkeiten der Kostendeckung informieren.

Ich habe einen Kollegen, der am Arbeitsplatz heimlich trinkt, kenne ihn aber nicht so gut, dass ich ihn ansprechen würde. Was mache ich?

Dr. Reimer: Hier sollte man die Situation zunächst abschätzen: Trinkt der Kollege regelmäßig? Wenn es eine einmalige Sache war, kann man es darauf beruhen lassen. Kommt es häufiger vor, empfiehlt es sich, direkt den Vorgesetzten anzusprechen. Wenn man sich hingegen erst mit anderen Kollegen unterhält, läuft man Gefahr, dass eine Mobbing-Atmosphäre entsteht und getuschelt wird. Hier gilt es den Dienstweg zu wahren. Der Arbeitgeber hat auch eine Fürsorgepflicht für seien Arbeitnehmer, viele große Unternehmen haben auch Gesundheits- und Suchtberater. Wichtig für einen selbst ist es, dass man sich in einer solchen Situation nicht als Verräter, sondern als eine Person wahrnimmt, die die Erkrankung konstruktiv anspricht. Ein solcher Schritt kostet womöglich Mut, wird ihrem Kollegen aber wahrscheinlich helfen.

Wie kann ich meinem alkoholkranken Sohn helfen, wenn er alle Therapeuten ablehnt?

Dr. Poppele: Sie sollten sich nicht die Argumente ihres Sohnes zu eigen machen, sondern sich eine eigene Meinung über die Therapien bilden. Wenn er in der Begegnung mit anderen Menschen immer wieder die gleichen Schwierigkeiten bekommt, weist das darauf hin, dass dort ein wesentliches Problem liegt, dass es zu bearbeiten gilt.

Was soll man mit einem stark Alkoholerkrankten machen, der auch mit mehreren stationären Entgiftungen das Problem nicht in den Griff bekommt und sich nun nicht mehr helfen lassen möchte?

Dr. Behrendt: Zunächst einmal ist es sehr wichtig, dass der Betroffene selbst die Therapie auch machen möchte. Bei einem kostenlosen Beratungsgespräch in einer der vielen Hamburger Suchtberatungsstellen oder auch gerne bei uns in Ochsenzoll kann er sich über verschiedene Möglichkeiten von Alkoholtherapieformen informieren. Und auch wenn derjenige noch schwankt, ob er sein Alkoholproblem therapieren lassen möchte, sollte man ihn dazu bewegen, sich unverbindlich beraten zu lassen. Dass bereits mehrere Entgiftungen vorgenommen wurden, zeigt seine generelle Bereitschaft, das Problem zu überwinden. Dazu sollte man den Betroffenen nachdrücklich, aber ohne Schuldzuweisungen ermutigen, denn Alkoholismus ist eine Krankheit, für die er nicht gemaßregelt werden darf. Der Vorteil einer solchen Beratung ist vor allem, dass er über verschiedene Arten der Behandlung aufgeklärt wird. Die Entgiftung im allgemeinen Krankenhaus ist eine rein medikamentös strukturierte Behandlung und unterscheidet sich damit von einem so genannten qualifizierten Entzug. Hierbei werden über die Entgiftung hinaus in Einzel- und Gruppengesprächen die verursachenden und folgenden Probleme des Alkoholismus thematisiert und aufgearbeitet, um dem Betroffenen Wege aus dem Alkoholismus sowie Folgeprogramme aufzuzeigen. Dies bietet Hilfe für diejenigen, die es mit dem einfachen Entzug nicht schaffen, ihrer Krankheit Herr zu werden.

Mein Partner trinkt regelmäßig in moderaten Mengen zur Entspannung. Er leidet unter einem Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom (ADHS) und sagt, er komme nur so zur Ruhe. Muss ich mich sorgen?

Dr. Reimer: Wir sprechen in solchen Fällen von einer sogenannten Komorbidität, einer Begleiterkrankung, die auch im Zuge des Alkoholismus auftreten kann. Ein spezieller Fall ist das ADHS: Früher dachte man, dass Patienten ab dem 18. Lebensjahr nicht mehr gefährdet für diese Krankheit sind und somit kein Zusammenspiel mit der Alkoholabhängigkeit auftritt, unter der Menschen normalerweise auch erst später leiden. Heute zeigt die Praxis aber, dass diese Kombination sehr wohl vorkommt. Betroffene benutzen den Alkohol als eine Art Medikament, mit dem sie sich beruhigen, wir sprechen dabei von Selbstmedikation. Am häufigsten tritt die Komorbidität als eine Kombination von Alkoholerkrankung mit Depressionen oder Angststörungen auf. Wenn der Alkoholkonsum steigt sollte ein Psychiater aufgesucht werden. Je nach Ausprägung der Alkoholerkrankung bzw. Depressionen oder Angststörungen sollte zuerst die am stärksten beeinträchtigende Erkrankung therapiert werden.

Besteht Suchtgefahr, wenn man am Abend ein Glas Kräuterlikör für einen besseren Schlaf trinkt und gibt es dafür nicht ein Substitutionsmittel?

Dr. Behrendt: Nein, ein Glas Kräuterlikör oder Wein am Abend bedeuten nicht, dass man alkoholabhängig ist. Aber man kann sich auch bei Ärzten mit der Zusatzqualifikation „Suchtmedizinische Grundversorgung“ über Fragen zum Thema Suchtgefahr informieren, wenn man die Angewohnheit ablegen möchte. Generell gilt, dass Frauen nicht mehr als 20 und Männer nicht mehr als 40 Gramm Alkohol pro Tag zu sich nehmen sollten (bei Älteren jeweils 10 und 20 Gramm). Ein Liter Bier enthält beispielsweise 50 Gramm, ein Liter Wein 120 bis 130 Gramm. Substitutionsmittel gibt es nicht für Alkoholiker, sondern nur für andere Drogen, wie Methadon für Heroin-Abhängige. Um am Abend besser zur Ruhe zu kommen und den Schlaf zu fördern, kann man stattdessen Baldrian verwenden. Alkohol wirkt generell schlaffördernd und kann in geringen Mengen somit eingenommen werden. Bei größeren Dosen verhindert er jedoch den Einstieg in die REM (rapid eye movement)-Tiefschlafphase, in der sich der Mensch erholt, verarbeitet und träumt.

Wie kann man den Trinkdruck bei Menschen mit chronischen Schmerzen wegen körperlicher Krankheiten senken, wenn sie Alkohol als schmerzlindernde Substanz verwenden?

Dr. Behrendt: Wenn Alkohol aufgrund körperlicher Probleme als schmerzlinderndes oder betäubendes Mittel verwendet wird, sollte man zunächst mit einem erfahrenen Arzt die Schmerzmedikation überprüfen und gegebenenfalls verbessern. Parallel dazu muss man in einer Suchtberatung klären, ob eine Alkoholsucht vorliegt und kann diese dann therapieren.

Erhöht ein Diabetes die Gefahren des Alkoholkonsums?

Dr. Poppele: Wenn man schon zuckerkrank ist und zusätzlich riskanten Alkoholkonsum betreibt, kann das gefährlich werden. Sie sollten Ihren Konsum reduzieren. Setzen Sie sich dafür einen Zeitrahmen z.B. von vier Wochen. Wenn Sie feststellen, dass Sie es nicht allein nicht schaffen, suchen Sie sich professionelle Hilfe. Es gibt in Beratungsstellen auch Programme, die darauf abzielen, dass man seinen Alkoholkonsum besser kontrollieren kann, das sogenannte kontrollierte Trinken. Eine Übersicht darüber, wer solche Programme anbietet, finden Sie im Internet unter der Adresse www.kontrolliertes-trinken.de

Wie wirken Alkoholismus und andere psychische Krankheiten, etwas Angst- und Zwangsstörungen, zusammen?

Dr. Behrendt: Es kommt vor, dass Zwangserkrankte oder andere psychisch Kranke wie Schizophrene oder Borderline-Patienten zur Entspannung trinken. Dies kann teilweise die Problematik noch zusätzlich erschweren und macht die Behandlung wesentlich komplexer. Wenn der Betroffene sich bereits in Behandlung wegen der Zwangserkrankung befindet, ist es wichtig, dass auch der Alkoholismus angesprochen und in die Therapie miteinbezogen wird. Hierbei ist aber zu beachten, dass nicht jeder Psychiater oder Psychotherapeut auch für den Umgang und die Therapierung von Suchterkrankten befähigt ist. Man sollte daher einen Psychiater mit den entsprechenden Zusatzqualifikationen hinzuziehen, um so die psychischen Probleme und den Alkoholismus gleichermaßen zu therapieren.

Das Medikament Baclofen soll den Suchtdruck mildern, die Kosten werden aber von der Krankenkasse nicht erstattet. Ist eine Behandlung sinnvoll?

Dr. Reimer: Zunächst gibt es Medikamente, die von der Krankenkasse erstattet werden und die ihre Wirksamkeit in der Therapie der Alkoholerkrankung in verschiedenen Studien gezeigt haben. Die Medikamente Acamprosat (Markenname Campral) oder Naltrexon (Markenname Adepend) können das Verlangen nach Alkohol mindern und die Schwere eventueller Rückfälle mildern. Disulfiram (Antabus), das zu einer Alkoholunverträglichkeit führt, kann unter engmaschiger Betreuung erwogen werden, wenn Acamprosat oder Naltrexon keinen Erfolg gezeigt haben. Ein zusätzlicher Versuch kann mit Baclofen erfolgen , es wird zumeist in der ambulanten Therapie angewendet. Da es nicht von der Krankenkasse verschrieben wird, müssen die Patienten selbst für die Kosten aufkommen, die aber mit rund einem Euro am Tag übersichtlich sind.

Das beste Rezept . . .

Oberste Priorität: kontrollierter und reflektierter Konsum von Alkohol. Angehörige sollten die potenziell Betroffenen frühzeitig auf ihren Alkoholkonsum aufmerksam machen. Weithin unterschätzt ist die Gefahr einer psychischen Erkrankung, die durch das Trinken überdeckt wird.