Krisenbewältigung

Psychologin erklärt: So leicht können wir glücklich werden

| Lesedauer: 6 Minuten
Laura Réthy
Die Psyche leidet: So beeinflusst das Coronavirus unser Gehirn

Die Psyche leidet- So beeinflusst das Coronavirus unser Gehirn

Zahlreiche Menschen leiden sogar nach leichten Infektionen an Spätfolgen, die sich über Monate ziehen können. Besonders häufig sind psychische und neurologische Spätfolgen.

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Krieg und Krisen belasten. Eine Psychologin erklärt, warum es gerade jetzt besonders wichtig ist, den Fokus auf das Schöne zu lenken.

Berlin. 
  • Wir leben in Krisenzeiten: Ob Corona, Krieg in der Ukraine, Klimakrise – die Zahl der negativen Ereignissen hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen
  • Wie kann man glücklich sein, wenn man sich permanent in einem Krisenmodus befindet?
  • Eine Psychologin gibt ein paar Tipps und erklärt, warum man sich trotzt Krisen auf das Schöne besinnen sollte

Erst Corona, dann Ukraine-Krieg. Und nicht zu vergessen – Dürren, Fluten, Klimakatastrophen, Inflation und Energiekrise. Die Serie schlechter Nachrichten scheint nicht abzureißen. Psychologin Muriel Böttger erklärt, wie wir auch in schwierigen Zeiten die Psyche stärken und Widerstandskraft aufbauen können.

Frau Böttger, was ist Positive Psychologie?

Muriel Böttger: Das ist eine Teildisziplin der Psychologie. Sie setzt sich damit auseinander, was das Leben lebenswert macht. Was wir brauchen, um ein wirklich gutes Leben zu führen. Sie ist unter anderem entstanden, um zu erforschen, was wir nach der Abwesenheit von Krankheit brauchen, um glücklich zu sein. Denn früher wurden Gesundheit und Wohlbefinden als die Abwesenheit von Krankheit definiert. Aber wir wissen alle: Nur weil wir keine Beschwerden haben, heißt das nicht, dass wir auch zufrieden sind.

Was weiß man darüber, was das Leben für Menschen lebenswert macht?

Erst mal ist jeder Mensch anders. Aber es gibt zum Beispiel das PERMA-Modell, das sagt, Wohlbefinden besteht aus fünf Bestandteilen: Das sind erstens positive Emotionen. Dann Engagement, wenn man besonders engagiert bei einer Sache ist, die einem Spaß macht. Das R steht für „relationships“, also die Beziehungen, die ich führe. Das muss nicht zwingend die Partnerschaft sein, sondern generell soziale Verbindungen. Das M steht für „meaning“, die Sinnhaftigkeit im Leben. Und das A für „accomplishments“: dass ich Erfolge erkenne, feiere und zelebriere – egal wie groß oder klein sie sind. Wie sehr jemand von den einzelnen Bestandteilen beeinflusst wird, ist aber individuell.

Viele Menschen erleben die aktuelle Zeit als schwierig, sie haben Sorgen. Gibt es Instrumente aus der Positiven Psychologie, die in Krisen helfen?

Es ist wichtig, auch in Krisenzeiten den Fokus auf das Schöne nicht zu verlieren. Man sollte nicht denken, dass man schöne Alltagsmomente nicht mehr wertschätzen darf, nur weil es gerade an anderen Ecken schlecht ist. Das sind nämlich genau die Momente, die den Akku der positiven Emotionen und somit der Resilienz aufladen. Und diese Resilienz, also die psychologische Widerstandsfähigkeit, ist wichtig, damit wir die Kraft haben, mit Krisen umzugehen.

In Ihrem Podcast geben Sie das Beispiel eines Glückstagebuchs, um solche Alltagsmomente festzuhalten. Was ist da wissenschaftlich dran?

Das Glückstagebuch ist abgeleitet von der englischen Übung „Three good Things“, also „Drei gute Dinge“. In einer Studie haben die Probanden für eine Woche jeden Abend drei Sachen aufgeschrieben, die an dem Tag gut gelaufen sind. Im besten Fall Sachen, zu denen sie selbst etwas beigetragen haben. Zum Beispiel wenn im Job etwas gut gelaufen ist oder man einen schönen Moment mit seinen Kindern geteilt hat. Das kann auch sein, dass man rechtzeitig aus dem Bett gekommen ist und nicht den Wecker noch mal ausgemacht hat. Die Wissenschaft hat gezeigt: Wenn wir das sieben Tage am Stück durchziehen, steigert das unser Wohlbefinden für bis zu sechs Monate.

Aber ist das nicht Luxus? Viele Menschen denken: Ich falle abends todmüde aufs Sofa – wann soll ich jetzt noch ein Glückstagebuch führen?

Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit der persönlichen Weiterentwicklung auf jeden Fall eine Form von Luxus ist. Natürlich sollten meine Grundbedürfnisse zuerst erfüllt sein – Essen auf dem Tisch, ein Dach über dem Kopf, ich sollte mich sicher fühlen. Ich finde aber, dass es ein Luxus ist, der uns dabei helfen kann, langfristig gesehen ein besseres Leben zu führen. Und vielleicht kann ich diese 15 Minuten, die ich dafür brauche, gegen 15 Minuten tauschen, in denen ich etwas mache, das mich nicht so vorwärtsbringt.

Der Job ist bei vielen Menschen eine Quelle von Unzufriedenheit und sie glauben, wenig daran ändern zu können. Können Sie das verstehen?

Ich habe manchmal das Gefühl, gerade in einem Angestelltenverhältnis vergessen die Menschen, dass sie doch einen Einflussbereich haben. Wir haben selten im Leben die komplette Kontrolle über alles, aber wir haben immer zu einem gewissen Teil Verantwortung, die wir selbst tragen. Kurz dazu ein kleiner Forschungsexkurs, wenn ich darf.

Bitte.

Die Forschung hat gezeigt, dass die Unterschiede im Glücksempfinden zwischen Menschen auf drei Faktoren zurückzuführen sind. Zu 50 Prozent ist es genetisch bestimmt, wie glücklich wir sind. Zu zehn Prozent sind es äußere Einflüsse. Aber zu 40 Prozent ist es unser eigenes Verhalten und unser eigenes Denken. Diese Verteilung ist auf unser ganzes Leben anwendbar, und somit auch auf den Job. Ich finde es wichtig zu schauen, welche Stellschrauben kann ich drehen. Sei es, dass ich mit meinen Kollegen spreche, mit meinen Vorgesetzten, dass wir was verändern. Vielleicht erbitte ich mir neue Aufgaben, frage nach mehr Flexibilität. Habe ich das Gefühl, dass ich nicht wertgeschätzt werde für meine Arbeit? Dann kann ich das ansprechen. Natürlich heißt das nicht, dass man damit zu 100 Prozent Erfolg hat. Aber es gibt einem ein Gefühl von Kon­trolle zurück.

Zur Person

Psychologin Muriel Böttger ist Expertin für mentale Gesundheit bei der Meditationsapp Headspace.

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