Nach Rücktrittswelle

Anton Hofreiter ist die neue Hoffnung der Grünen

Der Biologe und Verkehrsexperte aus Bayern soll einen Generationswechsel einleiten. Das Personalgerangel hält die Partei in Atem. Göring-Eckardt muss um ihren Platz an der Fraktionsspitze bangen.

Berlin. Noch knapp zwei Wochen dauert es, dann wählen die Grünen-Abgeordneten die neue Doppelspitze ihrer Bundestagsfraktion und damit das künftige Machtzentrum zur Vorbereitung der Wahl 2017. Und wenn die Grünen auch nur annähernd das Tempo beibehalten, mit dem sie seit dem Wahldebakel vom Sonntag ihr Spitzenpersonal entsorgen, dann stehen vor allem Katrin Göring-Eckardt mit ihrer Bewerbung für den Fraktionsvorsitz noch heikle Tage bevor.

Eigentlich ist Göring-Eckardts Plan clever: Nach dem Rückzug von Renate Künast tritt sie für den Realo-Platz in der Fraktionsführung an und will damit für Verjüngung stehen und zugleich Erfahrung mitbringen. Das passt eigentlich gut zum Kandidaten des linken Parteiflügels, der aus der zweiten Reihe der Fraktion stammt und erst noch in Führungsverantwortung hineinwachsen muss: der Biologe und Verkehrsexperte Anton Hofreiter aus Bayern. Der Proporz, der den Grünen so wichtig ist, bleibt in jeder Hinsicht gewahrt: Frau, versiert und Reformerin, kombiniert mit Mann, unbefangen und vom linken Parteilager. Und außerdem noch auf der Gefühlsebene: Protestantin aus Thüringen neben barockem Bayer. Doch gegen Göring-Eckardt regt sich Widerstand. Die Partei rätselt, ob sie beim strikten Nein zu Schwarz-Grün bleibt oder die Stimme der Wertkonservativen wird.

So wettert der grüne Europaabgeordnete Werner Schulz über die im Wahlkampf gescheiterte Spitzenkandidatin: „Man hat sich ja von ihr versprochen, in die Mitte der Gesellschaft, also in dieses Kirchentagsmilieu hineinzukommen. Aber von ihr kamen die gleichen Abgrenzungsrituale und Abgrenzungsfloskeln, dass man auf Rot-Grün fixiert sei“, sagt Schulz im Deutschlandfunk. „Wenn sie jetzt sagt, der Platz der bürgerlichen Freiheitspartei sei frei, dann frage ich mich, warum hat sie den im Wahlkampf nicht besetzt.“

Auch in der Bundestagsfraktion wollen viele Göring-Eckardt den verpatzten Wahlkampf nicht verzeihen. Als mögliche Gegenkandidatin läuft sich die Wirtschaftsexpertin Kerstin Andreae warm: Sie hatte sich früh vom Steuererhöhungsprogramm der Partei distanziert, das inzwischen als Wahlkampfgift gilt. Doch es gilt als fraglich, ob die 44-Jährige tatsächlich das Duell mit Göring-Eckardt gewinnen kann. Ob sie überhaupt antritt, will Andreae erst nach einer ersten ausführlicheren Fehleranalyse und Selbstfindung auf dem kleinen Grünen-Parteitag am kommenden Sonnabend entscheiden.

Bei dem Treffen dürfte sich auch ein erstes Meinungsbild über die Chancen von Realo Cem Özdemir abzeichnen, beim Parteitag wenige Wochen später seinen Platz an der Parteispitze zu verteidigen. Und sich deutlicher abzeichnen, welche Kandidatin der linke Flügel ins Rennen schickt. Bisher werden der Saarländerin Simone Peter Ambitionen nachgesagt, auch die bisherige Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke ist für den Posten im Gespräch.

Hofreiter setzt auf Umweltpolitik

Der Einzige, der bisher als einigermaßen unangefochten für den grünen Neustart gilt, ist Hofreiter. Der 43-Jährige mit den langen blonden Haaren steht für eine politische Ausrichtung, die es der Union etwas leichter machen dürfte, mit den Grünen ins Gespräch zu kommen. Hofreiters Schwerpunkte sind nicht die Finanz- und Sozialpolitik, womit seine Partei im Bundestagswahlkampf Schiffbruch erlitten hatte. Vielmehr kommt er aus der Umweltpolitik, der sich bei der Union kaum jemand verweigern kann und die nun alle Grünen wieder ganz weit nach vorn stellen wollen. „Wir werden uns auf die grünen Themen konzentrieren müssen“, sagte Hofreiter kürzlich im „Tagesspiegel“.

An sich ist Hofreiter ein linker Grüner. Die Treffen und Positionsbestimmungen dieses Parteiflügels hat er in den vergangenen Jahren koordiniert, und er hat dabei stets Rücksicht auf das linke Oberhaupt Jürgen Trittin genommen. Trittins Nachfolge will Hofreiter nun antreten. Allerdings mit einem anderen Ton: wärmer und frischer und mit einem Auftreten, das nicht mehr an das Stromlinienförmige von Trittin erinnern soll.

Aber der große Auftritt ist noch ungewohnt: Am Dienstagabend war in den ARD-„Tagesthemen“ zu besichtigen, wie Hofreiter sich von Trittin und dem Fraktionspressesprecher Vorgaben fürs öffentliche Kommunizieren des personellen Umbruchs ins Ohr flüstern ließ. Strategisches Kalkül kann er aber, sonst wäre er nicht so weit gekommen. Kolportiert wird, dass Hofreiter hinter den Kulissen schon seit Februar seine Ansprüche auf den Fraktionsvorsitz angemeldet habe – was faktisch eine Forderung nach Trittins Rückzug war. Aber es waren eben die eigenen Ansprüche, Hofreiter kämpfte für sich, nicht gegen Trittin. Dieses Engagement in eigener Sache jedoch ist auch ein Problem. Der unverheiratete bayerische Individualist ist bislang nicht unbedingt durch freundliches Teamspiel aufgefallen und wird das erst lernen müssen. In der Fraktion gibt es einige langjährige Kollegen, die auch nach seinen acht Jahren im Bundestag immer noch keine genaue Vorstellung haben, wofür Hofreiter eigentlich steht. Klar ist, dass er zu einem rot-rot-grünen Netzwerk gehört und die Machtoptionen der Grünen in die linke Richtung erweitern möchte.

Er will die Zweifler in Einzelgesprächen von sich überzeugen. In der neuen Grünen-Fraktion scheint sich ohnehin ein Konsens in allen Lagern durchzusetzen: dass eben nicht mehr „oben“ die Alleswisser sitzen dürfen, die den Laden permanent unter ihre Fuchtel bringen, sondern dass die Hierarchien flacher werden müssen. Hofreiter als Angehöriger der jüngeren Generation, die unter den alten Mächtigen gelitten hat, dürfte wissen, dass er nicht einfach deren Rolle für sich beanspruchen darf.