Bundestagswahl

Schmidt, Wehner, Klose – und jetzt?

Im Wahlkreis Bergedorf-Harburg will SPD-Kandidat Metin Hakverdi in die Fußstapfen großer Vorgänger treten. Bereits im März, es lag noch Schnee, hat Hakverdi mit dem Wahlkampf begonnen.

Es war vor ein paar Wochen, der Bundestagswahlkampf hatte gerade richtig begonnen, als Hans-Ulrich Klose seinem Nachfolger Metin Hakverdi (beide SPD) bei einer Veranstaltung dann doch einen guten Rat mit auf den Weg gab: „Der größte Teil des Abgeordnetenlebens besteht nicht darin, zu reden, sondern darin, zuzuhören.“ Seit 1983 hatte Klose den Wahlkreis Harburg und später Bergedorf-Harburg im Deutschen Bundestag vertreten. Zuvor prägten die sozialdemokratischen Granden Herbert Wehner und Helmut Schmidt den Süden Hamburgs. In diese Fußstapfen möchte der 44-jährige Hakverdi nun treten. Er spürt den Druck, doch er ist ihm gewachsen, wie er selbstbewusst sagt. Allerdings ist die lange SPD-Tradition in seinem Wahlkreis nicht die einzige Herausforderung für den Wilhelmsburger. Auch muss sich Hakverdi mit Herlind Gundelach (CDU), Manuel Sarrazin (Grüne), Kurt Duwe (FDP) und Sabine Boeddinghaus (Die Linke) gegen erfahrene Konkurrenten behaupten. Die wittern prompt ihre Chance, sprechen von einem offenen Rennen um die Gunst der Wähler.

Bereits im März, es lag noch Schnee, hat Hakverdi mit dem Wahlkampf begonnen – „vor allen anderen“, sagt er. Ziel der SPD war es, den Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter im Wahlkreis bekannt zu machen. Seither hat er an vielen Haustüren geklingelt: Im August durchbrach sein Team die 10.000er-Marke, bis zum Wahltag sollen es 15.000 werden. „Persönlich an der Tür zu erscheinen ist die unmittelbarste Ansprache, die es gibt“, sagt Hakverdi. Mittlerweile würden ihn die Menschen erkennen, sogar mit seinem Namen ansprechen. Dabei geht es Hakverdi zufolge selten um das sogenannte schwere Erbe, das er antritt. Stattdessen stehen die Probleme der Menschen im Mittelpunkt der Gespräche. Ganz entkommt der aufstrebende Sozialdemokrat den langen Schatten allerdings nicht. Schließlich hat die SPD seinen Wahlkreis seit 1949 nicht verloren. Ein Scheitern ist nicht eingeplant. Also sucht Hakverdi seinen eigenen Weg. „Es ist ja nicht nur so, dass jeder Vergleich mit Hans-Ulrich Klose hinkt. Auch gibt es eine Politikerpersönlichkeit wie ihn ja gar nicht mehr. Bevor er in den Bundestag einzog, war er schon Bürgermeister, davor schon Innensenator, davor schon Vorsitzender der Bürgerschaftsfraktion“, sagt der neue Direktkandidat. Da könne man keinen Vergleich ziehen. So hat sich Klose – wie einst Wehner bei ihm – bis auf jenen einen Tipp auch Hakverdi gegenüber zurückgehalten. Frei nach Johannes Rau: „Auch Ratschläge sind Schläge.“

Den personellen Neuanfang bei den Sozialdemokraten möchte die CDU-Direktkandidatin Herlind Gundelach nutzen. „Ich sehe durchaus Chancen in einem Wahlkreis, in dem die Karten neu gemischt werden“, sagt die frühere Wissenschaftssenatorin, die erstmals als Direktkandidatin antritt. Zuversichtlich machten sie die Begegnungen mit den Bürgern auf der Straße und am Infostand. „Die Leute sagen mir, dass sie mich kennen, dass sie meine Aussagen stets für klar halten“, sagt die 64-Jährige, die auf ihre Bekanntheit baut. Hauptsächlich geht es ihr darum, „ihre Erfahrungen einzubringen“. „Ich bin auch Zeitgeschichtlerin und Politikwissenschaftlerin und habe gelernt, Entwicklungen zu analysieren“, sagt die Christdemokratin. So stehe die Bundesrepublik vor großen Herausforderungen, die grundlegende Lösungen erforderten: „Wir haben riesige Schulden und wir haben die Schuldenbremse. Wir wissen alle noch nicht, wie es letztendlich mit dem Euro weitergeht.“ Bei der Entwicklung einer Zukunftsvision, auch in Sachen Energiewende zum Beispiel, sieht sie ihre Stärken. „Mir wird nachgesagt, dass ich zwischen extremen Positionen sehr gut vermitteln könne.“

Entspannt blickt FDP-Direktkandidat Kurt Duwe auf das Duell Hakverdi gegen Gundelach und erkennt schon jetzt etwas Positives darin: „Egal, wer den Wahlkreis direkt gewinnt, ob nun die SPD oder die CDU, oder wer von der Landesliste in den Bundestag gelangt, für die Menschen ist wichtig, dass die Abgeordneten für ihre Wähler da sind.“ Obwohl Wehner und Klose sehr bekannt gewesen seien und viel getan hätten, „haben sie de facto ihre Wahlkreise vernachlässigt“. Duwe zufolge konnten sie sich das leisten, weil sie sowieso gewählt wurden. „Herr Klose hat sehr viel Außenpolitik gemacht, das ist auch in Ordnung. Aber er war kein richtiger Wahlkreisabgeordneter. Das würde sich bei Herrn Hakverdi und Frau Gundelach auf jeden Fall ändern“, erklärt der 62-Jährige. Beide seien noch nicht die bundespolitischen Größen, weshalb sie sich wirklich um ihren Wahlkreis kümmern würden. Auch relativiert der Liberale die Fußstapfen, in die Hakverdi treten möchte: „Herr Hakverdi ersetzt nicht Herrn Klose, sondern er muss den Wahlkreis vertreten. Er wird weder in den außenpolitischen Ausschuss gewählt noch wird er SPD-Experte für die Amerika-Politik. Das wären die Fußstapfen, in die er treten müsste.“

Die „Harburger Stimme nach Berlin tragen“ möchte auch Manuel Sarrazin. Der Direktkandidat der Grünen sitzt seit fünfeinhalb Jahren im Bundestag, bezeichnet sich selbst als „unverbesserlichen Europäer“, gilt als bestens vernetzt. „In der Bundestagsfraktion und in der Partei ist er einer der wichtigsten Europapolitiker. Er kennt die ganzen Tücken, die ganzen Hintergründe. Er bearbeitet die Europapolitik und kann sie so erklären, dass nicht nur die Leidenschaft für seinen Verein FC St. Pauli entsteht, sondern auch für Europa“, schwärmt Parteichefin Claudia Roth von dem 31-Jährigen.

Doch liegt Sarrazin auch sein Wahlkreis am Herzen, Themen wie Fracking, Verkehrslärm und der Rückbau des Kernkraftwerks Krümmel sind ihm wichtig. Ferner wünscht sich der Bundestagsabgeordnete, „dass man den Optionszwang für Doppelpass endlich abschafft und wirklich doppelte Staatsbürgerschaften ermöglicht“. Das betreffe viele Menschen in Wilhelmsburg, die sich entscheiden müssten, obwohl sie dort geboren seien.

Das Gespräch sucht auch Sabine Boeddinghaus von der Linken. Unermüdlich hat sie in den vergangenen Wochen an Haustüren geklingelt, ihren Flyer samt der bekannten Roten Chilis verteilt – „für etwas Würze im Wahlkampf“. Noch vor ein paar Jahren engagierte sich Boeddinghaus in der SPD, kam erst 2010 zur Linken. „Ich weiß, dass das dort durchaus diskutiert wird, dass ich nun für Die Linke kandidiere“, sagt die 56-Jährige. Weil sie die Inhalte und die Ziele ihrer neuen politischen Heimat transportieren möchte, hat sie sich für die Kandidatur entschieden. Boeddinghaus möchte den Menschen „eine echte Alternative bieten“. Sie ist davon überzeugt, dass es Die Linke braucht, „um die Lebensverhältnisse der Mehrheit der Bevölkerung zu verbessern – in Bildung, in Arbeit, in Wohnen, in Verkehr, in ganz vielen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge“. Auch sei Armut ein großes Thema in Bergedorf-Harburg. Dies zu ändern, darin besteht für Boeddinghaus die Herausforderung – weg von Hartz IV, hin zu einer Mindestsicherung. „Da entwickele ich richtig Ehrgeiz.“ Außerdem wisse sie sich als Ehefrau und Mutter von fünf Söhnen durchzusetzen.

Hakverdi will bis zum Wahltag kämpfen, Hausbesuche absolvieren, Flyer verteilen, Plakate kleben. „Wenn alle zur Wahl gehen würden, hieße der Kanzler ganz sicher Peer Steinbrück“, sagt er: „CDU/CSU und FDP sind ausmobilisiert. Entscheidend ist nun, ob wir unsere Unterstützer an die Wahlurne bringen.“ Nach fünf Jahren in der Bürgerschaft reizt den Juristen mit Leidenschaft für den Hamburger SV nun der Bundestag und der erhoffte Sprung in den dortigen Haushaltsausschuss. Er habe „einfach Spaß an der Parlamentsarbeit“.