SPD-Kanzlerkandidatur

Steinbrück: Kokettieren mit der K-Frage

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Peer Steinbrück hat "Das Politische Buch 2010" geschrieben. Laudator Schäuble kommentiert die Ambitionen des SPD-Politikers süffisant.

Berlin. Wolfgang Schäuble ist erkältet. Nur ein bisschen, das sagt er gleich, aber doch genug, dass er sich räuspern und ein wenig husten muss, nachdem er ein paar Minuten geredet hat. Dass der CDU-Finanzminister an diesem Abend gekommen ist, ist etwas Besonderes. Nicht nur wegen seines angeschlagenen Gesundheitszustands, sondern vor allem, weil er im Saal der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung eine Lobrede auf einen politischen Gegner halten soll: seinen Vorgänger, den Sozialdemokraten Peer Steinbrück.

Auch Schäuble weiß, dass man so etwas im politischen Berlin nicht alle Tage erlebt. Er selbst habe sich gefragt, warum man ihn eingeladen habe, gibt er grinsend auf dem Podium zu Protokoll. Aber schließlich sei Steinbrücks Buch, für das der 64-Jährige an diesem Dienstagabend geehrt wurde, "ein lesenswertes Buch, das viele Anstöße gibt". Er habe sich also gefragt, sagt Schäuble, warum "um Himmels willen" er die Einladung nicht annehmen solle. Und so sei er nun mal hier. Die mehr als 300 Gäste lachen. Die Reihen sind voll, viele müssen stehen. Draußen klebt ein Zettel an der Tür: "Saal überfüllt".

Peer Steinbrück kennt das schon. Seit Monaten tingelt er durch die Republik, hält Vorträge über die Finanzkrise, wirbt für Europa, erklärt die Welt. Für sein Buch "Unterm Strich" hat er gestern Abend nun den Preis "Das politische Buch 2010" bekommen. Eine hohe Ehrung: Auch Michail Gorbatschow und Helmut Schmidt wurden schon damit ausgezeichnet. Zwar sei er nicht eitler als andere Herren im Saal, sagt Steinbrück, doch werde seine Eitelkeit in diesem Moment "gestreichelt". Die Gäste schmunzeln. Der Mann ist selbstironisch. Diese Ehrlichkeit kommt an.

Dazu gehört für Steinbrück auch, dass er an diesem Abend sämtliche Spekulationen um die K-Frage ganz bewusst und mit Ankündigung umschiffen will. Doch das klappt nur so halb. Er hoffe, sagt der SPD-Politiker, die hohe Aufmerksamkeit der Preisverleihung beziehe sich auf das Buch und den Autor, nicht aber auf irgendwelche Personal-Rankings und Beliebtheitsfragen. Trotzdem schwebt die Frage um Steinbrücks mögliche Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl 2013 über diesem Abend wie die Dunstglocke über einer hochsommerlichen Großstadt. Und auch Wolfgang Schäuble kann sich die ein oder andere Spitze nicht verkneifen: "Sie genießen das ja auch", feixt er in Richtung Steinbrück.

Es ist offensichtlich, dass sich beide Männer sympathisch sind - und Brüder im Geiste, was ihre ordnungspolitischen Maximen betrifft. Als Steinbrück 2005 Finanzminister wurde, ist er mit dem Ziel angetreten, die Neuverschuldung auf null zu reduzieren. Doch dann kamen die Wirtschaftskrise und der größte Schuldenhaushalt in der bundesdeutschen Geschichte. Auch Wolfgang Schäuble will als Sanierer gelten und spart kräftig. Doch auch ihm machen Euro-Krise und Griechenland das Finanzministerleben schwer. Man habe "eine gemeinsame Ausrichtung", stellt Steinbrück an diesem Abend fest.

Auch wenn es die meiste Zeit ums Eingemachte geht, um die EU, um die Demokratie und den demografischen Wandel, redet Steinbrück auch immer wieder von sich selbst. Er habe drei Kinder, ein Haus, einen Baum gepflanzt - und nun auch ein Buch geschrieben. Da könne man sich ja zur Ruhe setzen. Vielen im Raum ist klar: Das könnte mehr sein als Koketterie. Steinbrück schreibt schon am nächsten Werk. Und wer will, kann viel hineindeuten in den Titel. Er lautet: "Zug um Zug".

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