"Gorch Fock"-Affäre

Kritik an Guttenberg: Minister reagiert dünnhäutig

Die Opposition bemängelt fehlende Kooperationsbereitschaft. Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) stellt die Wehrreform infrage.

Berlin. Als Karl-Theodor zu Guttenberg zur Sitzung des Verteidigungsausschusses kam, hatte er sein Redemanuskript dabei. Bei gewöhnlichen Treffen mit den Verteidigungspolitikern sei das sonst nie der Fall, berichten Teilnehmer der gestrigen Sitzung. Nervös habe der Verteidigungsminister gewirkt. Gereizt, dünnhäutig, aggressiv sei der CSU-Politiker aufgetreten. Guttenberg räumte Informationspannen ein. Doch gegen den Vorwurf der Vertuschung verwahrte er sich energisch. Die Anschuldigungen seien "wie ein morsches Dachgebälk in sich zusammengebrochen", sagte er nach der Sitzung. Erstmals nahm er gestern ausführlich Stellung zu Missständen auf der "Gorch Fock", einem mysteriösen Schießunfall und geöffneter Feldpost.

Die Opposition warf Guttenberg mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. "Es kann nicht angehen, dass Herr Guttenberg als Erstes die Medien informiert und erst dann den Verteidigungsausschuss des Bundestags", sagte Susanne Kastner dem Abendblatt. Die SPD-Politikerin ist Vorsitzende des Verteidigungsausschusses. "Hier muss der Minister seinen Umgang mit dem Parlament kräftig überdenken."

Der abberufene "Gorch Fock"-Kommandant Norbert Schatz, und andere Soldaten sollen nach dem Willen der Grünen im Bundestag befragt werden. "Wir bekommen keine Antwort auf die Frage nach einer verbesserten Informationspolitik. Wir bekommen keine Antwort auf Fragen zu neuen Ermittlungsergebnissen", sagte ihr Verteidigungsexperte, Omid Nouripour, dem Abendblatt. "Der Auftritt des Ministers war eine Enttäuschung."

Auch der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt kritisierte in der "Zeit" die Abberufung des "Gorch Fock"-Kommandanten. Die von Guttenberg eingeleitete Wehrreform missfällt Schmidt ebenfalls: "Ich halte es jedenfalls für einen Fehler, die Bundeswehr nicht vorwiegend unter Rücksicht auf die Verteidigung des eigenen Landes zu strukturieren, sondern mit Blick auf den Einsatz auf fremden Kontinenten", sagte der Altkanzler.

Verärgert sind viele Abgeordnete besonders über den Umgang mit dem Fall des im Dezember in Afghanistan durch einen Schuss aus der Waffe eines Kameraden umgekommenen Soldaten. Der Mann sei - wohl nach einem Unfall beim Waffenreinigen - "tot aufgefunden" worden, der Vorfall war damals vielleicht auch mit Rücksicht auf die wenige Stunden später in Afghanistan erwartete Bundeskanzlerin Angela Merkel schnell heruntergespielt worden. Doch auch in einer späteren schriftlichen Unterrichtung des Parlaments war von Fremdverschulden noch nicht die Rede - obwohl damals schon Berichte darüber die Runde machten. Von einer "unvollständigen" Information des Parlaments sprach Guttenberg jetzt vor dem Ausschuss. Die Verantwortung für die Informationspanne übernahm der Befehlshaber des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr, Generalleutnant Rainer Glatz.

Auch die rauen Rituale auf der "Gorch Fock" beschäftigen Guttenberg. Bilder wurden publik, auf denen eine Wanne mit einer Grütze gefüllt ist, die Erbrochenem ähnlich sieht. In die Brühe wird ein nur mit Badehose bekleideter Mann gedrückt. Die "Bild"-Zeitung hat Fotos von einer "Äquatortaufe" auf der "Gorch Fock" veröffentlicht.

Bereits von 2005 bis 2009 hatte das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr die Auszubildenden an Bord befragt und die Ergebnisse dem Ministerium zugeleitet. Skandalöse Schilderungen sucht man vergeblich, stößt aber auf Kritik am Verhalten der Wachoffiziere, an der Verpflegung und der Unterbringung. Das Sicherheitskonzept an Bord wird von den Offiziersanwärtern zum ersten Mal 2008 kritisiert, nachdem eine Kameradin bei einem Unfall ums Leben gekommen war.

Grundsätzlich sind weibliche Mannschaftsmitglieder sogar zufriedener als ihre männlichen Kameraden. Die Matrosinnen haben laut Studie durch abtrennte Schlafstellen bessere Erholungsmöglichkeiten. Anzeichen von körperlicher Überforderung finden sich kaum: Drei Prozent der Crew 2008 bezeichnen die körperlichen Anforderungen als "(viel) zu hoch", 14 Prozent als "eher zu hoch". Dagegen fühlen sich 57 Prozent "genau richtig" gefordert.