Renteneintrittsalter

Bundesregierung beharrt auf Rente mit 67

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Arbeitsministerin von der Leyen sieht steigende Beschäftigungschancen für Ältere. Wirtschaftsforscher Hüther fordert einen späteren Ruhestand.

Berlin. Die Bundesregierung hat sich festgelegt: An der Einführung der Rente mit 67 ab dem Jahr 2012 führt kein Weg vorbei. Das Kabinett billigte gestern einen Prüfbericht von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) , nach dem sich die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer zuletzt deutlich erhöht hat. "Die Gewinner am Arbeitsmarkt in den letzten zehn Jahren sind die älteren Arbeitnehmer gewesen", sagte von der Leyen.

Die Koalition hält damit an dem Kurs fest, den bereits die Große Koalition und der damalige Sozialminister Franz Müntefering (SPD) einschlugen. Die über 60-Jährigen "sind gefragt, sie haben Chancen", verteidigte von der Leyen die Anhebung des Renteneintrittsalters. Sie stelle auch ein Umdenken der Wirtschaft fest, machte die Ministerin deutlich. Nach ihrem Bericht hat sich der Anteil der Beschäftigten im Alter von 60 bis 65 Jahren in den letzten zehn Jahren auf inzwischen 41,1 Prozent gegenüber dem Jahr 2000 gut verdoppelt. Die Zahl der älteren Erwerbstätigen über 55 Jahre sei in fünf Jahren um über eine Million gestiegen, die Zahl der Arbeitslosen dieser Altersgruppe habe sich seit 2000 halbiert.

Auch an den geplanten Zeitschritten wird sich bei der Einführung der Rente ab 67 nach den Worten der Ministerin nichts mehr ändern. Und das, obwohl die Kassen der Rentenversicherung so gut wie lange nicht mehr gefüllt sind. "Wir haben im Augenblick ein Polster von 18 Milliarden Euro in der Rentenkasse", sagte von der Leyen. Das seien 1,1 Monatsausgaben der Rentenversicherung. Bis 2014 werde wahrscheinlich die gesetzlich formulierte Marke von 1,5 Monatsausgaben erreicht. Ab dann erscheine es möglich, eine Rentenbeitragssenkung ins Auge zu fassen. Bis dahin aber sollen die Beiträge stabil bleiben. Dem neuen Rentenversicherungsbericht zufolge könnten die Alterseinkünfte bis 2024 um insgesamt knapp 30 Prozent wachsen.

Trotz der besseren Finanzlage der Rentenversicherung dürfe nicht von den eingeleiteten Maßnahmen abgerückt werden, warnte von der Leyen mit Hinweis auf die Alterung der Gesellschaft. Weitere Rentenreformen braucht Deutschland aus ihrer Sicht aber nicht - zumindest nicht in den nächsten 20 bis 30 Jahren. "Ich kann mit Fug und Recht sagen, dass die Rente jetzt demografiefest ist", versicherte die CDU-Politikerin.

Weniger optimistisch als die Ministerin ist der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln (IW), Michael Hüther. Er sprach sich dafür aus, das Renteneintrittsalter auch über das 67. Lebensjahr schrittweise zu erhöhen. "Angesichts des Geburtenrückgangs ist es zu verantworten, den Pfad des Renteneinstiegs nicht bei 67 Jahren enden zu lassen", sagte Hüther dem Abendblatt. "Ich halte die Rente mit 70 demografisch für geboten", mahnte er. Der Wirtschaftsforscher wandte sich gegen Bedenken, wonach die Belastbarkeit im Alter durch ein noch höheres Rentenalter strapaziert werde. "Die Zahl der Krankheiten im Alter nehmen spürbar ab", sagte Hüther. "Bei Älteren ab 65 Jahren ist die Zahl der Jahre in Krankheit in den vergangenen 20 Jahren von 4,3 auf 3,2 Jahre zurückgegangen. Die Fitness im Alter nimmt demnach zu." Er sehe eine große gesellschaftliche Chance darin, im Alter tätig sein zu können, verteidigte er seinen Vorschlag einer Rente mit 70.

Hüther warb zugleich für ein besseres Ansehen von Arbeit im Alter. "Wir brauchen bei der Rente einen Mentalitätswandel. Wir hatten bis vor wenigen Jahren noch eine regelrechte Anspruchshaltung auf Vorruhestand", kritisierte er. Es habe bis vor einem Jahr noch die Förderung der Altersteilzeit gegeben, und bis vor zwei Jahren die Regelung, mit 58 Jahren in den Ruhestand gehen zu können. "Die aktuellen Zahlen werden noch von diesem alten Rechtsstand getragen. Entscheidend ist aber die Dynamik", so Hüther. "So hat sich etwa die Erwerbsbeteiligung der 60- bis 64-jährigen Frauen seit Anfang des Jahrzehnts verdoppelt. Bei den 60-jährigen Frauen ist die Lebenserwartung heute sechs Jahre höher als vor 40 Jahren. Dann darf man auch ein längeres Arbeitsleben erwarten", lobte Hüther den Rentenbeschluss der Koalition. Während das Kabinett über die Rente mit 67 tagte, demonstrierten in der Nähe des Kanzleramtes Gewerkschafter gegen das Vorhaben. Der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, nannte auf der Kundgebung die Regierungszahlen geschönt und forderte, die Erhöhung des Renteneintrittsalters zumindest auf Eis zu legen.

Der Sozialverband VdK erklärte, es sei keine realistische Perspektive für alle, bis 67 zu arbeiten: "Wer als über 50-Jähriger arbeitslos wird, hat kaum eine Chance, einen neuen Job zu finden." Sozialpolitiker der SPD, der Grünen wie der Linken warfen der Regierung Schönfärberei vor. Sie wiesen auf eine miserable Arbeitsmarktlage für Ältere hin.